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Michelskirche in Bamberg: "Himmelsgarten" braucht Sicherung

Das für sein Deckengemälde berühmte Gewölbe der Bamberger Michelskirche braucht eine Notsicherung. Ein vorläufiger Untersuchungsbericht belegt, dass an dem vor 1000 Jahren gegründeten Wahrzeichen fast nichts mehr im Lot ist. Wann die eigentliche Sanierung beginnt, ist noch nicht absehbar.
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Wird es zehn oder 20 Jahre dauern, bis die Kirche St. Michael wieder zugänglich ist? Wird ihre Sanierung 50 oder 80 Millionen Euro kosten?

Niemand kann Fragen wie diese zur Zeit beantworten. Sicher ist, dass an dem Gotteshaus nichts mehr im Lot und der berühmte "Himmelsgarten" über dem Langhaus akut Einsturz gefährdet ist. Eine Notsicherung, der der Stadtrat am Mittwoch Abend zugestimmt hat, soll diese Gefahr fürs Erste bannen.

Die beschlossene Maßnahme kann man sich wie ein stählernes Korsett vorstellen: Eine Reihe von Zugankern wird quer über das Hauptschiff der Kirche gespannt und an Widerlagern befestigt, die an der Außenfassade angebracht werden.

Die Konstruktion soll verhindern, dass sich die Wände des Langhauses weiter nach außen neigen. Sie driften schon so sehr auseinander, dass die Dachkonstruktion kaum mehr aufliegt.
Wenn nichts unternommen wird, droht sie über kurz oder lang auf das Gewölbe zu stürzen und den "Himmelsgarten", das berühmte Deckengemälde mit seinen 578 Pflanzenabbildungen, mit in die Tiefe zu reißen.

"Unglaubliche Schadensvielfalt"

Die Mitglieder der Vollsitzung unter Vorsitz von Bürgermeister Christian Lange waren sehr, sehr still, als der Bayreuther Statiker Günter Döhring ihnen die Gefahrenlage beschrieb. Mit Fotos, Skizzen und Worten schilderte der Experte so eindringlich wie nachvollziehbar die "unglaubliche Schadensvielfalt", die er bei seinen Untersuchungen vorgefunden hat.

Demnach ist die ehemalige Klosterkirche 1000 Jahre nach ihrer Grundsteinlegung eine einzige Baustelle: Mauern neigen sich, die Wände sind von teils fingerdicken Rissen durchzogen, das Gewölbe hängt durch, die meisten Balken im Dach sind so morsch, dass man das Holz mit den Händen zerlegen kann.

Damit nicht genug. Feinmessungen über zwölf Monate hinweg hätten ergeben, dass "das ganze Bauwerk in Bewegung ist". Seit Sommer hat es Döhring zufolge nach allen Seiten um weitere 2,5 Millimeter nachgegeben: "Das ist eine Größenordnung, die ist nicht ohne."

Um noch Schlimmeres zu verhindern, erhält das Langhaus in den nächsten Monaten die Notsicherung. Die veranschlagten Kosten von 160 000 Euro sind nichts im Vergleich zu denen, die die Instandsetzung des hochkarätigen Denkmals verschlingen dürfte.

Finanz- und Stiftungsreferent Bertram Felix geht in Anlehnung an vergleichbare Denkmalsanierungen wie die der Klosterkirche in Ebrach oder von St. Getreu in Bamberg von "einem hohen zweistelligen Millionen-Betrag" aus.
Die Bürgerspitalstiftung als Eigentümerin des ehemaligen Klosters und die Stadt Bamberg seien auf bundesweite, ja internationale Unterstützung angewiesen, um diese Herausforderung zu meistern, betonte Bürgermeister Lange.

Seit November 2012 geschlossen

Gut zwei Jahre nach der Schließung der Michelskirche für die Öffentlichkeit ist der Sanierungsbeginn jedoch noch in weiter Ferne. Man befinde sich erst in der Diagnose-Phase, sagte Felix.
Er verglich die Kirche mit einem Patienten, der seine Beschwerden zu lange ignoriert und mit dem Arzt-Besuch gewartet hat, bis es fast zu spät ist.

Vor Beginn der Behandlung müsse der Arzt die Krankheitsgeschichte erforschen. Und die ist im Fall des Bamberger Wahrzeichens auf dem Michelsberg 1000 Jahre alt.

Uralte "Krankheitsgeschichte"

Laut Döhring war es vor allem der nachträgliche Einbau des Deckengewölbes, der sich negativ auf die Standfestigkeit des Bauwerks ausgewirkt hat. Erste Untersuchungen des Untergrunds hätten zudem den Verdacht bestätigt, dass schon die erste romanische Kirche kein stabiles Fundament hatte. Sie gründe nicht auf Sandstein, sondern auf Letten.

Auf Bitte des Bürgermeisters nahm Döhring eigens Stellung zum Gerücht, der dramatische Zustand der Kirche hätte etwas mit der Schaffung des Weinbergs zur Landesgartenschau 2012 zu tun. Der Statiker schließt jeden Zusammenhang aus. Seine Begründung: Zwischen der Kirche und dem Weinberg-Südhang gebe es eine Sandsteinstufe, die wie eine Schutzbarriere wirke.

Die Reaktionen der Stadträte reichten von Lob für einen "wichtigen Vortrag" und vorbehaltloser Zustimmung zur Notsicherung bis zur Frage, ob die Kirche überhaupt zu halten sei oder Abbruch und Wiederaufbau sinnvoller wären. Letzteres ist für die Bürgerspitalstiftung keine Option. Das machte Felix sehr klar.

Klar ist nach seinen Worten aber auch, dass neben der eigentlichen Sanierung auch die Baustellenlogistik eine Riesenherausforderung sein wird. Es gibt bekanntermaßen nur eine einzige Zufahrt zum Klostergelände und die führt durch einen Torbogen, der weder besonders breit noch besonders hoch ist.


Die 1000-jährige Geschichte des ehemaligen Klosters St. Michael in Kürze:
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