Hallstadt

Michelin: Was kommt auf die Stadt Hallstadt zu?

2021 macht der Reifenhersteller Michelin sein oberfränkisches Werk dicht. Das hat enorme Auswirkungen auf Mitarbeiter, Region und besonders Hallstadt.
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Die Fläche des Hallstadter Michelinwerks (ungefähre Ausmaße siehe rote Linie) entspricht etwa 33 Fußballfeldern. Luftbild: Ronald Rinklef
Die Fläche des Hallstadter Michelinwerks (ungefähre Ausmaße siehe rote Linie) entspricht etwa 33 Fußballfeldern. Luftbild: Ronald Rinklef

Bei der Anfang 2021 anstehenden Schließung des Hallstadter Michelin-Reifenwerks verlieren 858 Menschen ihren Arbeitsplatz, manche wohl ihre Existenz. Alles muss getan werden, dass sie dann oder auch schon zuvor möglichst nahtlos in neue Beschäftigungsverhältnisse wechseln können. Das wird teils gravierende Veränderungen mit sich bringen. Solche dürften auch der Stadt Hallstadt ins Haus stehen.

War es in den 60er Jahren die Ansiedlung von Pfleger und in den 90ern Brose, so brachte gerade in den 70ern die des französischen Reifenherstellers einen enormen Schub für die Stadt mit sich. So betont Bürgermeister Thomas Söder (CSU) immer wieder, dass die Stadt dem Reifenhersteller einen bedeutenden Teil ihres Wohlstands zu verdanken habe und so die Beziehung zu Michelin etliche emotionale Bestandteile umfasse. Michelin zählt neben Brose und Pfleger zu den drei Top-Gewerbesteuerzahlern der bis dato prosperierenden Stadt.

Hallstadt rangiert seit vielen Jahren in Sachen Gewerbesteuereinnahmen an der Spitze des Landkreises. Im vergangenen Jahr etwa betrugen die Einnahmen rund 21 Millionen Euro. Wobei Söder und Stadtkämmerer Markus Pflaum zugleich betonen, 2017 und 2018 seien absolute Ausnahmejahre gewesen.

Die sprudelnden Gewerbesteuereinnahmen, so Söder, waren bislang aber auch immer der Grund dafür, dass Hallstadt kaum in den Genuss von Fördermitteln gelangte und schon viele Jahrzehnte lang keine Schlüsselweisungen vom Land (eine Art Finanzausgleich) mehr erhält.

Dies könnte sich in naher Zukunft durchaus ändern, Hallstadt also Fremdmittel benötigen, gibt Söder zu bedenken.

Warum dies? Weil einerseits ein ganz wichtiger Gewerbesteuerzahler wegfällt, bedeutende Einnahmen wegbrechen. Befürchtet wird ein Dominoeffekt, denn mit der 1400 Mitarbeiter zählenden Firma Brose, dem größten Arbeitgeber in Hallstadt, fußt eine weitere Einkommensäule im Automobilzuliefersektor.

Neben fehlenden Einnahmen werden aber zugleich wohl etliche neu zu stemmende Aufgaben auf die Stadt zukommen, für die es Finanzmittel braucht: Die Schaffung neuer Infrastruktur auf dem riesigen Firmenareal. Dieses ist insgesamt 239 000 Quadratmeter groß, was gut 33 Fußballfeldern entspricht, bemüht Söder einen Größenvergleich.

Die Michelin-Hiobsbotschaft hatte sich in vielen Gesprächen wohl in jüngster Zeit angedeutet, doch mit voller Wucht hat sie die Menschen erst vor wenigen Tagen getroffen. So stand Michelin zwar nicht auf der Tagesordnung der jüngsten Stadtratsitzung, SPD-Fraktionssprecher Hans-Jürgen Wich wollte das Thema jedoch unbedingt ansprechen, was Bürgermeister Söder, wie er erwiderte, sowieso vorgehabt hätte.

"Die Auswirkungen für uns sind enorm, die dieser schwere Schlag mit sich bringt", fasste Söder zusammen. Man müsse parteiunabhängig und -parteiübergreifende den Draht zur Politik nutzen, forderte Wich. Es gebe schließlich auch EU-Fördermittel. Er dankte ausdrücklich allen, die sich seit Bekanntwerden der geplanten Schließung einbrachten. Hans Partheimüller wiederum befand, dass insbesondere auch dem Bürgermeister für sein Engagement Lob gebühre, was das Gremium mit spontanem Applaus bestätigte.

Claudia Büttner (Bürgerblock) lobte indes die Michelin-Mitarbeiter, die auch weiterhin "brav und diszipliniert" zur Arbeit kommen. In Frankreich hätte das wohl ganz anders ausgesehen. Während Wich meinte, man könnte einige Michelin-Mitarbeiter eventuell in die Baubranche übernehmen, die dringend Kräfte benötige, erklärte Bürgermeister Söder, die Stadt werde im Bereich Bauhof Stellen ausschreiben. Für vielleicht ein bis zwei Personen, "aber sicher keine 858." Hier müssten in der Region alle mit anpacken.

Gesamte Region betroffen

Denn von der Werksschließung sei nicht nur Hallstadt, sondern die gesamte Region betroffen, aus der viele Beschäftigte kommen. Das rund 8500 Einwohner zählende Hallstadt bietet über 7400 Arbeitsplätze, wobei Hallstadt selbst rund 6000 Berufstätige zählt, das Pendlersaldo zeige, dass mehr Menschen ein- als auspendeln.

KOMMENTAR

Für die treuen Michelin-Mitarbeiter bedeutet die jüngste Entwicklung nicht weniger als eine persönliche Katastrophe. Man stelle sich junge Menschen vor, die sich angesichts der niedrigen Zinsen an die Verwirklichung des Eigenheims gewagt und finanziell für Jahrzehnte gebunden haben. Oder Mitarbeiter, die ihr gesamtes Arbeitsleben Michelin gewidmet haben. Wie und wo sie die letzten Jahre verbringen, birgt Stoff für viele schlaflose Nächte.

Auswirkungen könnten bald fehlende Mittel auch auf das kulturelle und Vereinsleben der Stadt haben, das bislang immer großzügig gefördert wurde. Auch Auswärtige könnte die Michelinkrise in Hallstadt treffen: Möglicherweise bei höheren Eintrittspreisen fürs Freibad. Denn dessen Beckenwasser wurde bisher mit Michelin-Abwärme nicht nur sehr umweltfreundlich, sondern auch äußerst günstig geheizt. Hallstadt wird den Gürtel künftig wohl etwas enger schnallen müssen. Weitsicht ist nun bei der Revitalisierung des riesigen Firmenareals gefragt, ein geschickter Gewerbe-Mix, möglichst automobilunabhängig, erforderlich.

Bis die Gewerbesteuerlücke gefüllt ist, könnte es dauern. Und dann muss die Stadt auch noch bei der weiteren Erschließung in Vorleistung gehen. Dabei wäre es eine Überlegung wert, ob nicht ein Teil der Firmenfläche Bauland werden könnte, da die Stadt sonst nirgendwo welches hat.

Wie sehr sich die Landes- oder Bundespolitik nach der durchaus lobenswerten erste Krisensitzung vor Ort für Hallstadt einsetzt, wird wohl stark davon abhängen, welche weiteren Automobilbrennpunkte sich auftun. Eine Hoffnung gibt es bei dem Ganzen: 2020 ist Wahljahr, schon deswegen werden Politiker Erfolge vorweisen wollen.

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