Baunach

Matthias Egersdörfer oder Die Banalität des alltäglichen Wahnsinns

Der fränkische Künstler, Kabarettist, Schauspieler und nun auch Romanautor Matthias Egersdörfer war am 8. Februar für das Bamberger Literaturfestival in Baunach zu Gast. Warum es sich aber mehr lohnt, das Buch selbst zu lesen.
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Matthias Egersdörfer  Foto: Großmann
Matthias Egersdörfer Foto: Großmann

Er verliert sich gerne. Sei es als Künstler, sei es als Gerichtsmediziner im Franken-"Tatort", sei es nun als Romanautor. "Der Vorstadtprinz" lautet der Titel des belletristischen Erstlings von Matthias Egersdörfer. Darin verpackt schlummern Witz, sprachliche Finesse und eine große Portion Charme. Dies alles zu entdecken, gelingt aber dem Leser des Buches besser als den Zuhörern des Autors im Rahmen des Bamberger Literaturfestivals im Baunacher Bürgerhaus Lechner.

Der Roman handelt von nichts Geringerem als dem Werdegang eines kleinen fränkischen Jungen zu einem "berühmten Kabarettisten". In verschiedenen Episoden begleitet der Rezipient das Heranwachsen des Jungen von der plastisch, aber nicht plump beschriebenen Szene seiner Zeugung an. Geschickt verwebt Egersdörfer die vielen genauen Erinnerungen an Situationen und Orte, um das Publikum mitzunehmen auf eine Reise durch Franken ab der später 1960er Jahre.

Mann'sche Detailhaftigkeit

Wohlwollend lässt sich der Thomas Mann'sche Hang zur Detailhaftigkeit als eine der großen Stärken des Romans verkaufen. Egersdörfer beschreibt Beobachtungen, die so oder so ähnlich wohl ein jeder aus seinem eigenen Leben kennt. Diese Szenen hinterlassen sehr aufschlussreiche Bilder im Kopf. Zugleich macht es aber gerade das dem Lauschen des Vorgetragenen schwer. Nicht jeder Schachtelsatz endet mit einer Pointe, bisweilen wartet man vergebens auf einen heiteren Ausgang der monoton rezitierten Gedankenkarawane.

Wenn die leicht schwermütige Art des Vortrages Teil der Show war, dann wird sie den Zeilen des Romans nur zum Teil gerecht. Zwar finden sich darin auch ernste Geschichten. Der große Teil des Plots aber driftet zumindest ins Komische, wenn nicht gar ins Skurrile. Selbst eingefleischte Fans werden sich daher ein bisschen mehr von dem Kabarettisten Egersdörfer auf der Bühne gewünscht haben.

Zwar gab es immer wieder herzhaft lachendes Publikum zu hören. Etwa wenn Egersdörfer den Ich-Erzähler ausschweifend die üppige Oberweite der Mutter beschreiben, sein Gelbwurst-Trauma erklären oder von dem traumatischen Besuchen bei den Bekannten der Eltern erzählen lässt. Aber vielleicht hätte Egersdörfers illustre Banalität des alltäglichen Wahnsinns eine rhetorisch schmuckvollere Hülle verdient gehabt.

Mehrwert durch Selbstlektüre

Und doch: Dieses Buch erhält einen Platz auf dem Lesestapel. Gerade wegen der urkomischen Tragik des Banalen.

Nur sollte der Lesende die Gelegenheit bekommen, sich dem Stoff in seinem eigenen Tempo zu nähern. Eingebettet in den heimischen Ohrensessel liefert der "Vorstadtprinz" eine bessere Performance als auf der Lesebühne.

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