Bamberg

Marsch 43 Meter über dem Bamberger Domplatz

Einmal über die Gerüstbrücke zwischen den Domtürmen laufen. So fühlt sich's an.
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Hallo Turmspitze! Wieder unten angekommen auf dem Domplatz, will man gar nicht mehr so recht glauben, das man so nah dran war.
Hallo Turmspitze! Wieder unten angekommen auf dem Domplatz, will man gar nicht mehr so recht glauben, das man so nah dran war.
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Der Kollege Fotograf ist ungewohnt still. Er, der ohne mit der Wimper zu zucken aus offenen Kleinflugzeugfenstern Luftbilder schießt. Dieser Termin behagt ihm nicht. Daraus macht er kein Geheimnis.

Wie spaziert sich's auf Bambergs filigranster Brücke? Das habe ich mich gefragt, seit die stählerne Verbindung zwischen den beiden Osttürmen des Bamberger Doms im November vergangenen Jahres angebracht wurde.


Gleich zugegriffen

Meine Kollegin, Spezialistin für Denkmalpflegethemen, hatte sich die Option auf die Beantwortung dieser Frage immer offengehalten. Vor kurzem ist sie in die passive Phase der Altersteilzeit gegangen, ohne davon Gebrauch zu machen. Nichts "erbt" man lieber als eine solche Gelegenheit!

Die Führer bei dieser Wanderung durch die Bamberger Lüfte sind der Leiter des Staatlichen Bauamts Bamberg, Jürgen König und Ulrich Först, Leiter der Dombauhütte.

Was sind schon 43 Meter über Grund? Ohne jegliche Vorbereitung noch drei Meter höher verschlagen hatte es mich schon im Frühjahr 2016, als die Löwenbrücke einer Hauptuntersuchung unterzogen wurde und die spontane Einladung kam, vom Hubsteiger aus zu fotografieren. Ebenfalls mit zwei Mann Begleitung, aber mit Sicherheitsgeschirr an der Reling angekettet, war das eine beträchtlich schwankende Angelegenheit.

Hier jedoch sieht alles sehr kompakt aus. Und trotzdem stellt sich beim Warten auf die Freiluft-Liftfahrt entlang der Turmmauer ein leichtes Bauchkribbeln ein.

Auf und an den Gerüsten schwankt überhaupt nichts. Es gibt auch nirgends einen einen Spalt zu übersteigen, unter dem die Tiefe gähnt. Das war in der Tat meine größte Befürchtung. Denn mein Problem ist nicht die Höhe, sondern das Drüberkommen über Boden-Lücken mit allzu üppiger Ausdehnung nach unten. Wenn sie breiter sind als eine halbe Schrittlänge. "Sicherheit ist die Voraussetzung für qualitätvolles Arbeiten", wird Jürgen König später sagen.


Draht beruhigt die Nerven

Es ist verblüffend, wie sehr man sich dort, wo man beinahe den kupfernen Turmhelm anfassen könnte, durch ein zartes Drahtgeflecht beruhigen lässt. Natürlich ist dieses Schutznetz überaus stabil - und mannshoch. Kein Werkzeug und auch nichts anderes soll von der Baustelle nach unten fallen können.

Der Kollege Fotograf geht zunehmend entspannter ans Werk. Für ihn, der aus Flugzeug und Ballon heraus ganz Bamberg systematisch aus der Luft dokumentiert, ist die traumhafte Aussicht nichts Neues.

Die vergleichsweise unspektakulärste ist die über die Innenstadt. In alle anderen Richtungen bieten sich Ausblicke, bei denen man erstmal rätselt, was da wie angeordnet ist in der Stadt. Staunen hat das Nachdenken darüber abgelöst, was den Füßen Halt bietet: ein Gerüst ohne Bodenkontakt.


18 Meter trennen die Türme

18 Meter beträgt die Entfernung zwischen den beiden Türmen. Die Brücke misst weniger, denn sie liegt auf beiden Seiten auf dem Stahlträgerkranz, dem Herzstück der Gerüstkonstruktionen, auf. 1,5 Meter breit ist sie und rund vier Tonnen schwer.

Zur Baustelle am Südostturm, die gerade eingerichtet wird, kann man darüber alles schaffen, was per Lastenaufzug am Nordostturm nach oben befördert wird. Hätte man für den von der Stadt aus gesehen linken Turm eine eigene Gerüst-Lösung finden müssen, wäre dadurch die Adamspforte des Doms für mehrere Jahre unzugänglich geworden, sagt Dombauhütten-Leiter Ulrich Först.

Und wie fühlt sich nun der Marsch über diesen Verbindungsweg an? Nicht wesentlich anders als das Laufen auf den Gerüstplanken am Turm. Nur der Wind weht etwas stärker.


Schmutz der Jahrhunderte verdampft im Laserlicht



Wenn die Osttürme des Bamberg Doms das nächste Mal für turnusmäßige Überprüfungsarbeiten eingerüstet sein werden, sind die Fachleute, die jetzt jeden Stein, jede Fuge und jeden Maueranker genau anschauen, sehr wahrscheinlich schon alle in Rente.

Die letzte Sanierung an dem der Innenstadt zugewandten Turmpaar liegt rund 50 Jahre (Nordostturm) beziehungsweise 60 Jahre (Südostturm) zurück. Eine ähnlich lange Zeitspanne dürfte vergehen, bis es das nächste Mal so weit sein wird.
Nur das Nötigste hat man vor mehr als einem halben Jahrhundert erledigt. Die Mitarbeiter der Dombauhütte haben deshalb eine beträchtliche Anzahl von Rissen im Mauerwerk vorgefunden.


Problem Rost

Ein Problem sind rostende Eisenteile: Anker, Dübel und Dornen. "Rost bedeutet Volumenvergrößerung. Die Folgen sind Rissbildung im Mauerwerk, bis hin zur Absprengung von Steinteilen", erklärt Jürgen König, der Leiter des Staatlichen Bauamts Bamberg.

Eine der Hauptarbeiten diesmal ist die Reinigung der Mauern von Ablagerungen. Laserlicht lässt die schwarzen Krusten verdampfen, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch in den Stein eingewaschene Schmutzteilchen entstanden sind.
Das passiert keineswegs nur wegen der Optik, sondern vor allem, um dem Stein wieder mehr Atmungsaktivität zu ermöglichen.

"Wir dünnen die Patina und die Krusten aus und arbeiten dabei sehr gebäudeschonend. Der Stein soll weder zu sehr angegriffen werden, noch soll sich der Eindruck, den die Türme von der Farbe her bieten, zu sehr ändern", erläutert der Leiter der Dombauhütte, Ulrich Först. "Eineinhalb Quadratmeter Fläche so zu behandeln, dauert einen ganzen Arbeitstag".
Zudem werden die Dachflächen angeschaut und bei Bedarf repariert, das Fugenbild überarbeitet und eine Schadens- und Maßnahmenkartierung durchgeführt. Jürgen König: "So handnah kommt man dort selten heran."

Zwei bis drei Mitarbeiter der Dombauhütte sind täglich auf der Turmbaustelle beschäftigt. "Dabei haben wir meistens nur sechs Monate, mit viel Glück auch manchmal etwas mehr, um dort oben etwas zu machen. In diesem Jahr konnten wir erst Ende April anfangen. In über 40 Metern bei Wind und Wetter zu arbeiten ist bei sechs oder sieben Grad kaum möglich", so Ulrich Först.


Mit dem Mauerwerk verklemmt

11,40 Meter lange Stahlträger sind durch die Öffnungen in den Domtürmen geschoben. Je vier davon an beiden Türmen und ein Kranz aus Stahlträgern außen herum bilden das Fundament für die hängenden, mit dem Mauerwerk verklemmten Gerüste.

Von dort aus lassen sich mehrere Ebenen nach oben und nach unten bauen. Ist ein Turmabschnitt saniert, wird alles ein Stück tiefer angebracht. "Dieses Verfahren verursacht keinen Schaden an der Bausubstanz. Es entsteht kein einziges Bohrloch deswegen", versichert Jürgen König. "Für den Aufbau des Aufzugs konnten historische Gerüstlöcher wiederverwendetet werden. "

Aufzug, Gerüst und Brücke werden noch einige Jahre gebraucht. Das Staatliche Bauamt hat ein jährliches Budget für die Arbeiten am Dom.

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