Bamberg

Maria zeugt von Bamberger Pfarrer in Todesangst

Als die Revolution 1919 nach Bamberg kam, musste der Geistliche Theodor Geiger um sein Leben bangen. Revolutionäre bedrohten ihn mit Waffen.
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Das Marienrelief an der Domkurie. Foto: Manfred F. Fischer
Das Marienrelief an der Domkurie. Foto: Manfred F. Fischer
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Nur wenige in Bamberg kennen wohl die kleine Mariendarstellung an der Fassade des Dompfarrhofes, Domstraße 3, unmittelbar westlich des Domes. Es ist die Kunigundenkurie, seit 1805 Sitz des Dompfarrers. Das in einer flachen Nische eingetiefte Relief mit der Sockelinschrift "1922 - Per te virgo sim defensus - Geiger" (Frei übersetzt: "Von Dir, Jungfrau, erhoffe ich Rettung") kündet davon, wie 1919 die Folgen der Münchner Revolution nach Bamberg überschwappten. Gegenwärtig wird im ganzen Freistaat jener Geschehnisse vom November 1918 bis zum Frühjahr 1919 gedacht, als in Bayern die alte monarchische Ordnung gestürzt wurde.

Der Radikalsozialist Kurt Eisner, erster Ministerpräsident des durch ihn am 7. November 1918 ausgerufenen Freistaates Bayern, hatte seinen Sitz im Wittelsbacher Palais in München. Dort hing in seinem Arbeitszimmer. gegenüber seinem hohen Stehpult ein Porträt von Bayerns letztem König Ludwig III., den er eben erst gestürzt hatte. Kein Zeichen von Verehrung, sondern eher der Anspruch staatlicher Kontinuität.

Massen in Bewegung

Nachdem Eisner bei den ersten Wahlen gescheitert war, wurde er auf dem Weg zu seinem Rücktritt am 21. Februar 1919 auf der Straße durch den jungen Anton Graf Arco-Valley erschossen. Genau vor 100 Jahren, am 26. Februar, wurde Eisner am Ostfriedhof in München beigesetzt. Fast 100 000 Menschen waren da auf den Beinen, wie bei einem Staatsbegräbnis. Offiziell war ein Landestrauertag ausgerufen und die Geschäfte blieben geschlossen. Ein alter Stummfilm lässt die Bewegung der Massen eindrucksvoll erahnen.

Die Folgen kamen bis nach Bamberg und trafen besonders den kirchlichen Bereich, so auch den Dompfarrer Theodor Geiger. Dieser, geboren 1863 in Landshut, hatte lange Jahre am Bamberger Priesterseminar gearbeitet, wurde 1911 Mitglied des Domkapitels und übernahm 1913 das Amt des Dompfarrers.

Was war also an jenem 26. Februar 1919 in Bamberg geschehen? Der von den Revolutionären geforderte offizielle Trauerrand für die Zeitungen wurde verhindert durch einen Streik der Drucker in Bamberg. Die örtliche Presse war konservativ und kirchentreu. Das "Bamberger Volksblatt" vom 27. Februar 1919 schilderte alle Ereignisse mit Tönen höchster Empörung, bis hin zu antisemitischen Formulierungen.

Kirchenglocken sollen läuten

Hier also geschah, was Geiger zutiefst aufgewühlt hat, als die Welle des Aufruhrs nach Bamberg kam. In der aufgeheizten politischen Lage zogen nämlich randalierende Jugendliche in Bamberg durch die Stadt und verlangten an verschiedenen Kirchen, dass die dortigen Glocken zum Gedächtnis des Ermordeten geläutet werden sollten. So auch am Dom. Trotz der Drohung mit gezückten Waffen, also in Angst um sein Leben, verweigerte Geiger dies, obwohl man ihm darlegte, dass die Domglocken ja auch beim Tode eines königlichen Staatsoberhauptes stets geläutert worden seien. Insofern wähnten sich die Revolutionäre im Recht.

Die Situation eskalierte. Geiger hatte, böses ahnend, die Schlüssel zu den Türmen dem Messner gegeben. Doch brachen die Aufrührer dann alles mit Gewalt auf und läuteten die Glocken. In seiner Not muss Geiger ein spontanes Gelübde abgelegt haben, nämlich der Mutter Gottes zum Dank für eine Errettung aus großer Not und Gefahr ein Andenken zu widmen.

Dieses Gelübde hat Geiger 1922 in die Tat umgesetzt. Ein Halbrelief der Schmerzhaften Muttergottes von der Hand des Bamberger Bildhauers Samuel Koch, aus der Zeit von ca.1683/84, mit dem Schwert in der Brust, mit fast verhülltem Haupt und Blick nach oben, offenbar bis dahin an dem Hause Jakobsplatz 7 am Jakobsberg angebracht, ließ er mit kurzer lateinischer Widmung an der Front seiner Kurie, also am Ort des Ereignisses anbringen.Es ist noch heute ein Zeichen für die Ereignisse von 1919.

Der "eiserne Prälat"

Geiger resignierte 1929 als Dompfarrer. Erst 1960 starb er im hohen Alter von 97 Jahren. Anlässlich seines Todes erinnerte sich in Bamberg noch mancher der Ereignisse von 1919. Das Bamberger Volksblatt am 9. März 1960 brachte neben Anzeigen seines Todes auch eine Würdigung des "eisernen Prälaten". Und der 1946 gegründete Fränkische Tag ließ seine Leser wissen, dass zum Gedenken an Geigers Tod die Kaiserglocke des Doms geläutet hat - natürlich ganz ohne Widerstand der Geistlichkeit.

Mehr zum Thema

Die Revolution von 1919 mit dem Mord an Eisner und die Auswirkungen auf Franken wurden auch im Fränkischen Sonntag vom 23./24. Februar beleuchtet (Seite 57).

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