Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Literaturfestival: Mit seiner Hauptfigur möchte Volker Kutscher nicht befreundet sein

Volker Kutscher ist der Mann, dem die Deutschen nicht nur die fantastische Krimis, sondern auch die Serie "Babylon Berlin" verdanken. Jetzt las er in Hallstadt.
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Volker Kutscher beim Bamberger Literaturfestival Fotos: Ronald Rinklef
Volker Kutscher beim Bamberger Literaturfestival Fotos: Ronald Rinklef
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Einen Mann wie Gereon Rath möchte man nicht zum Freund, und auch Volker Kutscher, der Schriftsteller also, der diesen Berliner Kriminalkommissar überhaupt erst ins Leben rief, will das nicht. Ob er mit Rath denn im Bamberger Traditionsgasthaus Schlenkerla ein Rauchbier trinken möchte, wurde Kutscher am Freitagabend im Hallstadter Kulturboden von Moderator Nevfel Cumart gefragt: "Vielleicht ein Bier. Aber Freunde? Eher nicht", antwortete Kutscher. Zu fiebrig-nervös, zu undurchsichtig und einzelgängerisch, dieser Rath.

Buch versus Film

Eingeführt hatte Cumart seinen Gast bei der zweiten Lesung des Bamberger Literaturfestivals als "literarischen Vater von Babylon Berlin". Das entspricht einerseits den schieren Tatsachen, hat die mit Volker Bruch und Liv Lisa Fries in den Hauptrollen verfilmte TV-Serie den ersten von inzwischen sieben Romanen Rath-Romanen Kutschers doch zur Grundlage. Anderseits berührt die Bemerkung Cumarts die Konkurrenz zwischen Film und Buch und damit sensible Fragen von öffentlicher Wertschätzung, von Geld, Ruhm und Prominenz.

Wenn Cumart eine Provokation im Sinn hatte, dann ließ sich Kutscher jedenfalls nicht provozieren. Ein Roman rechtfertige sich selbst, sagte der 56-Jährige: "Er muss nicht erst durch eine Verfilmung geadelt werden."

Nüchtern festzuhalten, dass der Erfolg von "Babylon Berlin" die Verkaufszahlen seiner Bücher fraglos mehrt, war Kutscher in Hallstadt auf der anderen Seite allerdings souverän genug.

Es geht weiter bis 1938

Im Übrigen habe er am Drehbuch keinen Anteil, halte dessen ungeachtet die Verfilmung im Großen und Ganzen aber für gelungen. Dass Charlotte Ritter anders als in seinen Romanen nicht aus kleinbürgerlichen, sondern aus subproletarischen Verhältnissen entstammt? Kann Kutscher nachvollziehen: "Im TV muss Charlotte schneller mit Rath auf Augenhöhe sein. Da hilft der proletarische Hintergrund. Das schafft Emotionen."

Das Gros der Besucher im Kulturboden dürfte auch "Marlow", Kutschers siebten Teil der Rath-Reihe bereits gelesen haben. Diesen Schluss legen ihre kundigen Fragen nahe. Der Dramaturgie des Abends zuträglich war deshalb die Entscheidung Cumarts, zwischen den Leseblöcken das Publikum mit Kutscher ins Gespräch zu bringen.

Kutscher bescherte den Besucher die Gewissheit, sich auf zwei, eher sogar drei weitere Bände freuen zu dürfen. Die Absicht, die Handlung mit den Olympischen Spielen 1936 enden zu lassen, hat Kutscher fallenlassen. Stattdessen soll die Geschichte von Rath und Charlotte Ritter im historisch einschneidenden Jahr 1938 enden. "Die Reichspogromnacht war der erste große Schritt in Richtung Auschwitz", sagte Kutscher in Hallstadt. Ob Rath auch im letzten Band noch bei der Polizei seinen Dienst versieht, verriet Kutscher nicht. Die Gleichschaltung im nationalsozialistischen Deutschland macht dies jedoch nur wenig wahrscheinlich. Denn einen Nationalsozialisten wird Kutscher aus Rath wohl nicht machen, selbst wenn er ihn in "Marlow" die Hand zum Hitler-Gruß heben lässt.

"Ob Gereon Rath das alles überleben wird, weiß ich noch nicht", sagte Kutcher in Hallstadt. So kann nur sprechen, wer seine Romane, nicht aber zwingend seine Figuren liebt.



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