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Bamberg
Weichenstellung

Lichtung im Konversions-Dschungel

Die Stadt im Wandel: Harald Lang und Veit Bergmann geben Auskunft über den Stand der Dinge.
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Aus der ehemaligen Lagarde-Kaserne soll ein neues lebendiges Stadtviertel entstehen. Foto:  Nürnberg Luftbild, Hajo Dietz
Aus der ehemaligen Lagarde-Kaserne soll ein neues lebendiges Stadtviertel entstehen. Foto: Nürnberg Luftbild, Hajo Dietz
Vor über fünf Jahren, 2012, begannen in Bamberg die Prozesse, die unter dem Begriff "Konversion" zusammengefasst werden. Ein 450 Hektar großes Gebiet, ehemals Flächen der US-amerikanischen Streitkräfte, soll aus dem Besitz des Bundes in den der Stadt überführt werden. Um das zu ermöglichen verhandelt das Konversionsamt mit der Bima (Bundesanstalt für Immmobilienaufgaben).

Vor etwa zwei Jahren, 2015, kam alles anders. Amtsleiter Harald Lang: "Unsere Tische waren halb leer. Der Eigentümer war erst mal weg." Angesichts der neuen Flüchtlingsströme nach Europa war der Bund dazu übergegangen, zunächst einmal die eigenen Ansprüche zu prüfen. Aus einem Bereich, der für ziviles Wohnen gedacht war, wurde die AEO. Der Freistaat Bayern vermietet sie bis 2025 an den Bund.

Im selben Jahr meldete die Bundespolizei Bedarf an. Im April 2018 wird ihre neue Ausbildungsstätte im Bereich der Warner Baracks mit 3000 Auszubildenden plus Ausbilderinnen und Ausbildern maximal ausgelastet sein. "Wohnungen konnten wir also nur noch im Bereich Pines Housing erwerben", so Lang.

Nun stand Lang gemeinsam mit Veit Bergmann, Geschäftsführer der Stadtbau, auf der Bühne der VHS. Durch unzählige Beteiligte, noch mehr divergierende Interessen, Gutachten zu jedem Thema und die schiere Anzahl an ganz unterschiedlichen Flächen ist über die vergangenen fünf Jahre ein
Konversions-Dschungel gewachsen. Im Rahmen des VHS-Schwerpunkts "Stadt im Wandel" wollten Bergmann und Lang einen allgemeinen Statusbericht über den Stand der Dinge liefern - und einen Blick in die Zukunft wagen.

Durch die Konversion ist der titelgebende Wandel in Bamberg stärker ausgeprägt als in anderen Städten. Angesichts der wachsenden Bevölkerung zweifellos eine Chance - aber eben inklusive vieler Unwägbarkeiten. Lang: "Was der Zapfenstreich heißt, konnte sich 2012 niemand wirklich
vorstellen."

Heute befinden sich immerhin Pines Housing, der Flugplatz und ein Teil der Lagarde-Kaserne im Besitz der Stadt. Ersteres Gebiet heißt mittlerweile Am Föhrenhain, ein 11 500 Quadratmeter großes Areal aus acht Wohngebäuden zwischen Zollner- und Föhrenstraße. Jede Wohnung ist 130 Quadratmeter groß. Auf dieser Fläche hat die Stadtbau allerdings acht unterschiedliche Wohnungstypen für unterschiedliche Zielgruppen realisiert. So leben auf dem Gelände heute
unter anderem 44 Familien und neun Senioren-WGs. Pro Haus wurde eine Familie anerkannter Asylsuchender untergebracht. Bergmann: "Wir konnten alle Wohnungen innerhalb von vier Monaten vermieten."

Noch lange nicht so weit ist man im Bereich der ehemaligen Offizierssiedlung nahe der A 73. Hier stehen 30 zweistöckige Doppelhaushälften. Der Bestand soll erhalten und nachverdichtet werden.
Bergmann: "Der Verkaufspreis steht, der Vertrag liegt vor, man fragt sich: Warum geht es nicht weiter?" Die Antwort ist in Berlin zu suchen. Da der Verkaufspreis über fünf Millionen Euro liegt, muss der Haushaltsausschuss des Bundestags dem Deal zustimmen. Und den gebe es derzeit schlicht nicht.

Ein solitäres Verfahren findet derweil auf dem Gebiet Muna/Schießplatz statt. Hier gehen Bima und Stadt Hand in Hand durch die Prozesse der Wertermittlung. "Wir bemühen uns um die Fläche", sagt Harald Lang, "weil es wahnsinnig viele Anfragen von Arbeitsplatzschaffenden gibt." Hier soll
Gewerbe entstehen. Er hofft auf einen Kaufvertrag Ende 2018, Anfang 2019.

Bereits gekauft ist der verfügbare Teil der Lagarde-Kaserne. Von den vorhandenen Wohnungen auf dem Gelände ging allerdings keine einzige an die Stadt - sie gehören der Bundespolizei. Der Zustand der übrigen Gebäude sei zum Teil fragwürdig, die Keller stehen unter Wasser. Außerdem ist die
Kaserne "hochgradig versiegelt", die Betondecke zum Teil bis zu 90 Zentimeter dick. Das Gelände muss also für den Verkauf fitgemacht werden. "Die Bundespolizei stört dabei relativ heftig", so Lang, unter anderem weil Kanäle durch ihre Gebiet neu verlegt werden müssen.

"In Lagarde bündeln sich alle Ziele und Hoffnungen. Es ist schwierig zu sagen, wer kommt wo hin", sagt Lang. Das gesamte Gebiet habe Potenzial für 1000 Wohnungen und 1500 Arbeitsplätze. Dass hier ein Grundschulstandort geplant ist, sei wie ein Sechser im Lotto. Zudem etabliere sich die Adresse
durch "Kontakt"- und "Machbar"-Festival als Anlaufstelle für Kultur. Der Bund fördert die Ansiedlung von Kultur im Bereich Reit- und Posthalle mit zwei Millionen Euro. Ab frühestens März 2018 soll es einen Wettbewerb darum geben, wer die Gebäude in Zukunft bespielen darf.

Veit Bergmann verweist stolz darauf, dass die Stadtbau ein Großprojekt auf der Lagarde bereits umgesetzt hat: Im ehemaligen Headquarter arbeiten 30 Staatsanwälte an der Bekämpfung von Cyberkriminalität, im Januar soll die komplette Generalstaatsanwaltschaft einziehen. "Ich glaube, wir haben das innerhalb von sieben Monaten sehr ordentlich hinbekommen", so Bergmann.

Für ihn stellt die Zentralstelle ein Epizentrum der Digitalisierung dar. Lagarde wird auch zu einem Versuchsfeld werden für Konzepte der smarten, intelligenten Stadt der Zukunft. Wohnkonzepte wie das "Time-Sharing", also Interessens-WGs auf Zeit, seien denkbar. Da die Familienbindung immer
später stattfindet, während der Wohnort durch wechselnde Arbeitsverhältnisse häufiger gewechselt wird, sei auch der Immobilienkauf in Zukunft weniger relevant für die Lebensplanung.

"Alle unter einem Dach, aber jeder für sich", so überschreibt Bergmann das Motto eines modernen Mehrgenerationenhauses. Die Familie wird in seinem Szenario nicht an Relevanz verlieren, sondern sogar gewinnen. Der Mensch verständigt sich auf neue Formen der Solidarität und trifft sich flanierend
auf den neuen Grünflächen der Lagarde. Mit diesen Bildern im Kopf verabschieden die beiden Referenten ihre Zuhörer. Die haben verstanden, dass die Konversion eine große Chance für Bamberg ist - und dass uns das meiste immer noch bevorsteht.
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