Bamberg
Vergessene Brauereien

Letzte Zuflucht "Weiße Taube"

Zu den größten Braustätten Bambergs gehörte einst die "Weißtaubenbräu". In der NS-Zeit erwarb die jüdische Gemeinde das Gasthaus. Es diente auch als Schule.
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Eine Aufnahme um das Jahr 1910, die den Biergarten mit dem Musikpavillon zeigt. Rechts die Synagoge Repro: Christian Fiedler
Eine Aufnahme um das Jahr 1910, die den Biergarten mit dem Musikpavillon zeigt. Rechts die Synagoge Repro: Christian Fiedler
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Nur eine Bronzetafel blieb. Sie erinnert in den Theatergassen noch an das Gasthaus "Weiße Taube", das während der NS-Zeit zum Symbol für die Gräueltaten des Terrorregimes und seiner Anhänger wurde. Als Ghetto diente das letzte Refugium der jüdischen Gemeinde vor dem Abtransport der Menschen in Vernichtungslager. Ein trauriges Kapitel behandelt die "vergessene Brauerei", die wir in einer neuen Folge unserer Serie beleuchten. Sie entstand im 16. Jahrhundert im Zinkenwörth - noch unter anderem Namen - und verschwand in den 80er Jahren für immer aus dem Stadtbild.



"Zum Roten Rösslein"

Christian Fiedler recherchierte als Autor von "Bamberg - Die wahre Hauptstadt des Bieres" die Geschichte der "Weißtaubenbräu", die noch in der Weimarer Republik eine der größten Braustätten der Domstadt war. Bis 1588 lässt sich die Brautradition unter der Adresse Zinkenwörth 17 zurückverfolgen. Hans Forster hieß der Büttner, der auf dem Gelände den Neubau errichten ließ, den man lange unter der Bezeichnung "Zum Roten Rösslein" kannte. "Um 1730 ist aus dem ,Roten Rösslein' eine ,Weiße Taube' geworden", berichtet Fiedler. Knapp 80 Jahre später machte der aus Forchheim stammende Büttnergeselle Georg Rittmeyer die Brauerei, die er geschickterweise "erheiratet hatte", mit einem Jahresausstoß von 1380 Hektolitern Bier zur größten der 63 damals existierenden Braustätten Bambergs.

Die "letzte große Ära der ,Weißen Taube'" begann Fiedler zufolge um 1895. Der aus Frensdorf stammende Brauer Andreas Burkard übernahm die "Weißtaubenbräu" und verwandelte sie in einen industriellen Großbetrieb. Dazu hatte der Unternehmer zwei weitere Grundstücke erworben: das Nachbaranwesen Zinkenwörth 19 und den rückwärtigen Teil des Anwesens Lange Straße 22. So erstreckte sich das Gelände seiner Bierfabrik ab diesem Zeitpunkt von der Synagoge am Zinkenwörth über den gesamten Weißgerbergraben bis zu den Häusern am Schönleinsplatz. Der Gasthof war größer denn je, ebenso der Biergarten, in dem ein Musikpavillon den Zeitgeist spiegelte.



Bier mit viel Kohlensäure

1917 aber kam das jähe Aus der Brauerei, die zuvor noch eine sonderbare Spezialität gepriesen hatte: ein Weizenbier, "das infolge seines reichhaltigen Kohlensäuregehaltes" besonders "bekömmlich" sei. Die Wirtschaftskrise beendete aber die seit 1588 bestehende Brautradition. Und nachdem die jüdische Gemeinde den Besitz zwischen 1934 und 36 erwarb, begann das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Anwesens, das im letzten Kriegsjahr weitgehend zerstört wurde.


Aus den Schulen ausgeschlossen

Zunächst nutzte die jüdische Gemeinde den Gasthof "Weiße Taube" als Jugendheim, Gemeindebüro und Versammlungsort, wie im "Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs" nachzulesen ist. In der "jüdischen Volksschule", die sich in den Räumen ab 1939 ebenfalls befand, wurden Kinder aus Bamberg und der näheren Umgebung unterrichtet. Auf einen Erlass des Kultusministeriums hin hatte man alle "nichtarischen" Jungen und Mädchen schon im November 1936 aus städtischen Schulen ausgeschlossen und zu einer "Sonderklasse" zusammengefasst, die in der Synagoge unterrichtet wurde. Diese "Sonderklasse" war nach der Reichspogromnacht aufgelöst worden, in der fanatische Nationalsozialisten die große Synagoge am nach ihr benannten Synagogenplatz in Brand steckten und das Büro der jüdischen Gemeinde plünderten.



Das letzte "Judenhaus"

Die "jüdische Volksschule" in der "Weißen Taube" leitete Julius Schapiro bis 1941. Seine Tochter Ruth - ein zartes Mädchen mit dicken Zöpfen und scheuem Lächeln - saß hier ebenfalls über ihren Büchern und Heften. Wie andere Familien waren die Schapiros in dem einstigen Gasthof auch zwangs einquartiert worden. So diente das Anwesen als letztes "Judenhaus", nachdem es zuvor in Bamberg noch etliche andere Unterkünfte gab, in denen die Menschen ab 1939 hausen mussten.



Mit 16 Jahren deportiert


Was wurde aus Ruth Schapiro? Zwei Tage nach ihrem 16. Geburtstag verschleppte man die Schülerin mit ihrem Vater, ihrer Mutter Eleonora und 116 weiteren in Bamberg lebenden Menschen nach Lettland: Am 27. November 1941, als die ersten Bamberger Juden in Sonderzügen zum Durchgangslager Riga-Jungfernhof deportiert wurden, um später in Vernichtungslager zu kommen oder auf andere Weise ermordet zu werden. Ruth Schapiro und ihre Mutter erschoss man aller Wahrscheinlichkeit nach wie etliche andere aus Bamberg Verschleppte am 26. März 1942 beim Massaker in einem Wald unweit von Riga. "Die Umstände der Ermordung sind nicht bekannt", berichtet das "Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs". Julius Schapiro, der im Ersten Weltkrieg fürs Kaiserreich gekämpft hatte, lebte noch bis zum 26. Januar 1945. Man hatte den Religionslehrer geschunden und misshandelt, bis er in einem Außenlager von Buchenwald an "Herzschwäche" starb (nach offiziellen Angaben). Nicht mal drei Monate später befreite die US-Army das KZ.

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