LKR Bamberg
Klimawandel

Letzte Station Hauptsmoorwald

Die Auswirkungen des Dürresommers 2018 zeigen sich in den Wäldern rund um Bamberg in nicht da gewesener Dimension. Forstleute und Sägebetriebe arbeiten an der Grenze. Und Umweltschützer warnen wieder vor sterbenden Wäldern.
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Am Zaun zur "Muna" verarbeiten die Staatsforsten Kronenholz zu Bergen von Hackschnitzeln.  Foto: p.
Am Zaun zur "Muna" verarbeiten die Staatsforsten Kronenholz zu Bergen von Hackschnitzeln. Foto: p.
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BambergDie Bamberger lieben die Wälder, die ihre Stadt auf den Höhenzügen wie eine grüne Arena umgeben. Das zeigte sich zuletzt im November 2018, als Frauen und Männer in Scharen an die Urnen liefen, um gegen ein Gewerbegebiet auf dem Muna-Gelände zu stimmen.

Die Tragödie, die sich zu dieser Zeit im dunklen Tann jenseits der kommunalpolitischen Bühne abspielte, war damals erst in groben Zügen bekannt.

Noch ist der Wald grün, der Bamberg umgibt, doch die braunen Flecken sind an den Waldrändern, an sonnenexponierten Stellen und auch mitten im Forst kaum mehr zu übersehen. Schon ist unter Naturschützern die Rede vom Waldsterben 2.0.

Das ist angesichts der Massen an gefälltem Nadelholz nicht einmal übertrieben: Wer die Folgen des Dürresommers in den heimischen Wäldern besichtigen will, besucht am besten den Wertholzlagerplatz der Bayerischen Staatsforsten nordöstlich von Strullendorf. Dort türmt sich die nicht verkäufliche Ernte der letzten Wochen zu Holzlagern in bisher nicht gekannter Länge und Höhe. Es sind Berge von entrindeten Stämmen, die darauf warten, dass die Preise für Nadelholz wieder auf ein lohnendes Niveau klettern.

Vor einem halben Jahr blätterten Sägewerke noch 100 Euro pro Festmeter hin. Jetzt sind viele gar nicht mehr in der Lage, die Klimaopfer zu verarbeiten, die nicht nur aus Franken, sondern auch aus Ober- und Niederbayern, der Oberpfalz und Tschechien in riesigen Mengen auf dem Markt landen. "Für uns ist das alles andere als ein typischer fränkischer Frühling. 50 000 Festmeter Schadholz allein im Staatswald sind dramatisch", sagt Stephan Keilholz.

Der Betriebsleiter des Forstbetriebs Forchheim, Herr über 17 000 Hektar Waldfläche zwischen Scheßlitz und Erlangen, neigt nicht zu Übertreibungen. Doch solche bedrückenden Schadensbilder hat er in seinem Försterleben noch nicht gesehen. Nicht nur, dass die Fichte zu Tausenden dem Borkenkäfer zum Opfer fällt, der aktuell wieder in Myriaden ausfliegt. Erstmals ist in großer Menge auch ein weiterer Brotbaum der fränkischen Landschaft in ernster Gefahr - die Kiefer.

Dieser Vertreter nordischer Floren schien gegen Trockenheit gefeit. Doch auch die fränkische Föhre scheint bei Temperaturen jenseits von 35 Grad an Grenzen zu stoßen. Pilze und Käfer machen mit den geschwächten Bäumen kurzen Prozess, die Feinwurzeln zerreißen.

Was das bedeutet, erleben Waldbesitzer in Mittelfranken in kaum zu steigernder Deutlichkeit. Dort drohen sich nach dem Zusammenbruch ganzer Bestände große Kahlflächen zu öffnen. Doch auch rund um Bamberg, vom Hauptsmoorwald bis zu den Ausläufern des Steigerwalds, sind die Kiefern geschwächt. Die Bilanz von Keilholz klingt ernüchternd: "Forscher sagen uns, dass Fichte und Kiefer in unseren Breiten keine Zukunft haben."

Welche Baumarten braucht es?

Ratlosigkeit macht sich unter den Experten breit: Wie soll man mit der erwarteten Zunahme der Jahresdurchschnittstemperaturen auf 10,5 Grad und mehr umgehen? "Wir wissen nicht, welche Baumart künftig mit welchen Schädigungen zurecht kommt. Deshalb streben wir möglichst gemischte Bestände an - mit Buchen, Eichen, Lärchen und möglicherweise auch mit Zedern und Douglasien."

Doch Naturschützer warnen davor, wieder den gleichen Fehler zu begehen wie bereits vor Jahrzehnten. Schon lange sei klar gewesen, dass Baumarten wie Fichte und Kiefer in den warmen fränkischen Tallandschaften keine Zukunft haben, sagt der Waldreferent des Bund Naturschutz Bayern, Ralf Straußberger. Dennoch hielten viele Waldbesitzer daran fest.

Ob es jemals eine Rückkehr zum feucht gemäßigten Wettergeschehen früherer Zeiten geben wird? Sicher werden auch künftige einzelne Sommer verregnet sein, doch im Mittel lassen die Klimatabellen in Bamberg eher den gegenteiligen Schluss zu. Die frühere langjährige Mitteltemperatur von 8,5 Grad in Bamberg wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten 28 Mal über- und einmal unterschritten. Meist lag das Jahrestemperaturmittel um 9,5 Grad; 2018 wurde mit 10,7 das höchste Mittel seit 1879 gemessen.

Doch was, wenn es mit der Erwärmung weiterginge? Was, wenn die Temperaturen hierzulande auf 12 oder gar 13 Grad im Mittel kletterten, wie es viele Klimaforscher für ausgemacht halten, sollten die Kohlendioxid-Emissionen weiter ansteigen? Die Folgen für die Forstwirtschaft und das so lieblich in seine Waldlandschaft gebettete Bamberg könnten verheerender nicht sein: "Ab einem Temperaturanstieg von vier bis fünf Grad haben wir hier Bedingungen wie im Hinterland des Mittelmeers. Einen Wald für solche Klimabedingungen heute aufzubauen, wäre eigentlich gar nicht mehr möglich. Dann gäbe es keine solchen Landschaften mehr wie heute", lautet die Prognose von Straußberger.

Welche Zukunft haben Hauptsmoorwald, Michelsberger Wald und der Bruderwald? Haben Sie noch eine Zukunft? Schon heute sind die Zeichen des Klimawandels bedrückend. Zum Beispiel am Zaun der ehemaligen Munitionsanstalt "Muna". Dort dampfen in den Morgenstunden Hackschnitzelhaufen in nicht gekannter Höhe und Länge. Es sind die zerhackten Kronen von Fichten und Kiefern aus dem Bamberger Land - Opfer des Hitzesommers 2018.

Kommentar von Michael Wehner: Was die Dürre lehrt

Es gibt Menschen, die den Fichtenforsten und den Kiefernbeständen im fränkischen Tiefland kaum eine Träne nachweinen. Artenarm, anfällig und auch ästhetisch bescheiden, scheinen diese Nadelbäume zumindest in Reinkultur die ausgemachten Opfer der Klimaerwärmung. Ausgemustert, weil sie nicht hierherpassen. Die Erkenntnis, dass die Natur keine Fehler verzeiht, ist ein schmerzhafter Prozess. Nicht nur für die Forstwirtschaft, die vor Jahrzehnten aufs falsche Pferd setzte und schnell wachsenden Nadelwäldern den Vorzug gab.

Sie stellt die gesamte Gesellschaft vor ungeahnte Herausforderungen, denn angesichts der möglichen Erwärmungsszenarien geht es am Ende nicht nur um das Überleben von Fichten oder Kiefern, sondern um die Zukunft unserer gesamten Kulturlandschaft.

Das Beispiel jener Wälder, die heute nicht mit massenhaftem Käferbefall oder großflächigen Dürrefolgen zu kämpfen haben, deutet an, wohin die Reise geht. Nur mit, nicht gegen die Natur gibt es eine Chance, zu überleben.

Und auch das gilt nicht nur für die Wälder, sondern für uns alle.

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