Bamberg
Historie

"Leinwandhelden" im Schützengraben

Einer der berühmtesten Schlachtenmaler seiner Zeit war der Bamberger Ernst Zimmer, der vor 150 Jahren geboren wurde. Seine Bilder und Illustrationen, die weltweit verbreitet wurden, verstauben in den Archiven.
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Johannes Willers aus Bamberg ist Militaria-Experte bei "Kunst und Krempel". Er weiß die Bedeutung der Schlachtenmaler in ihrer Zeit einzuschätzen. Foto: Michael Schulbert
Johannes Willers aus Bamberg ist Militaria-Experte bei "Kunst und Krempel". Er weiß die Bedeutung der Schlachtenmaler in ihrer Zeit einzuschätzen. Foto: Michael Schulbert
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Als der Bamberger Maler Otto Boveri 1915 als Oberleutnant der Reserve an der Eroberung der litauischen Stadt Kowno beteiligt war, brachte ihm dies nicht nur das Eiserne Kreuz ein. Er ließ die Schlacht auch im Bild festhalten und bestellte das Gemälde bei seinem Kollegen Ernst Zimmer, den bekannten Schlachtenmaler, der seit 1903 in der Domstadt lebte und am Oberen Stephansberg residierte. "Sein Atelier gleicht einem kleinen Museum, in dem die verschiedensten Uniformstücke, Waffenausrüstungen und Fahnennachbildungen wohlgeordnet untergebracht sind", schreibt das Bamberger Tagblatt am 17. Juli 1924 im Nachruf auf Ernst Zimmer, der am Tag davor in den Armen seiner Ehefrau Henriette verstorben war: "Durch sein künstlerisches Können und vor allem durch die geschichtliche, bis ins einzelnste gehende Genauigkeit seiner Bilder ist Zimmer weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden: selbst in England, Amerika und Japan kennt man ihn in seinen Werken."


Eine ganz andere Zeit

Der Künstler stand in dem Ruf, so akribisch zu arbeiten, dass er nicht nur die Schauplätze der Schlachten besuchte, sondern auch Tageszeiten und Wetterlagen rekonstruierte und in den Bildern festhielt. In der Bamberger Kaserne rekrutierte er Soldaten, damit sie ihm Modell standen. So pilgerte auch ein Feldwebel namens Karl Ludwig Zimmermann auf den Oberen Stephansberg, wie er später seinem Enkel Johannes Willers erzählte. Von diesem wollen wir wissen, warum die Schlachtenmaler damals so gefragt waren. "Es war eine ganz andere Zeit. Die Soldaten waren stolz auf ihre Uniformen und Orden. Wer Geld hatte, ließ sich in voller Montur porträtieren oder kaufte sich ein Bild im Andenken an die großen Siege", sagt Dr. Willers, der bis 2006 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verantwortlich war für die Sammlungen wissenschaftlicher Instrumente, Waffen, Jagdgeräte und Apotheken. Den Fernsehzuschauern ist der Bamberger als Experte für Militaria in der Sendung "Kunst und Krempel" bekannt. Im Prinzip, sagt Willers, gebe es Kriegsbilder schon aus dem alten Ägypten: "Die Pharaonen wie später auch die römischen Kaiser ließen sich als Helden darstellen." In der Renaissance und noch mehr im Barock blühte diese Mode wieder auf. Die Fürsten posierten auf großformatigen Gemälden und verherrlichten so ihre Siege.

Im 19. Jahrhundert breitete sich das Genre auf das gesamte Bürgertum aus. Das nationale Selbstbewusstsein brach sich nach den Erfolgen im deutsch-französischen Krieg 1870/71 auf breiter Ebene Bahn. Der Kunstprofessor Louis Braun begleitete die Feldzüge und verarbeitete seine Beobachtungen später in Bildern. Bei ihm bestellte sogar Kaiser Franz Joseph. So avancierte Braun zum populärsten Militärmaler und Ernst Zimmer wurde sein Meisterschüler.


Vom Kuhhirten zum Porzellanmaler

Dabei war der künstlerische Weg dem Sohn armer Dorfleute nicht vorgezeichnet. Zimmer, am 10. Mai (anderen Quellen zufolge am 10. Juni) 1864 im schlesischen Lorenzberg geboren, verdingte sich als Kuhhirte, als ein Lehrer das zeichnerische Talent erkannte. Der Bub durfte Unterricht bei einem Porzellanmaler nehmen und die Kunstschule in Danzig besuchen. Der Weg führte ihn schließlich nach Berlin, wo er den Schriftsteller Karl Tanera kennenlernte. Dieser ehemalige Offizier der bayerischen Armee ließ sein erstes Buch - "Ernste und heitere Erinnerungen eines Ordonnanzoffiziers" - 1887 von Ernst Zimmer illustrieren. Der Zusammenarbeit folgten weitere erfolgreiche Veröffentlichungen, die sich deutschlandweit verbreiteten.

1895 lernte Zimmer bei einer militärischen Feier den Schlachtenmaler Louis Braun kennen und folgte ihm nach München. Hier erregte der junge Künstler schon mit seinen ersten Dioramenbildern so großes Aufsehen, dass Prinzregent Luitpold bei ihm das Gemälde "General von Schmitt mit seinem 1. Jägerbataillon im Gefecht bei Beaumont am 30. August 1870" in Auftrag gab. Für die Illustrationen zu "Graf Zeppelins berühmter Recognoszierungs-Ritt 1870" erhielt Zimmer vom Grafen selbst allerhöchstes Lob.

Schließlich verschlug es den Künstler "aus familiären Gründen" 1903 nach Bamberg. Auch hier arbeitete der Maler am bekannten Sujet, schuf allerdings auch Landschafts- und Stadtansichten oder illustrierte ein Buch über fränkische Sagen und Geschichten. 1912 besuchte ihn der spätere König Ludwig III. in seinem Atelier und verlieh ihm die Goldmedaille für Kunst und Wissenschaft. Im September 1914 wurde Zimmer als offizieller Schlachtenmaler dem königlich-bayerischen Armeekorps zugeteilt, musste seinen Dienst jedoch vorzeitig abbrechen.


Ein Pastor kaufte die Waffen

Am 16. Juli 1924 starb der Maler 60-jährig nach kurzer Krankheit. Die finanziellen Verhältnisse waren angespannt und so verkaufte seine Witwe die Waffen- und Uniformsammlung 1930 für 1200 Reichsmark an einen Pastor aus Stettin. Zimmers künstlerischer Nachlass ging an die Stadt Bamberg. Diese hat die etwa 600 erhaltenen Aquarelle und Zeichnungen bis heute nicht geordnet oder aufgearbeitet. Zwar brachte Bamberg mit Hans Liska im Zweiten Weltkrieg noch einmal einen Schlachtenmaler hervor, doch längst hatten die Kriegsfotografen oder die bewegten Bilder in den Wochenschauen den Chronisten mit dem Zeichenstift den Rang abgelaufen. Spätestens nach 1945 hatte das Volk dann genug und wollte das Grauen aus den Schützengräben lieber vergessen. Vom Militär mochte die breite Masse nichts mehr wissen.


Und wen interessierten schon noch Kriegsbilder?

Aber wenn es nach Johannes Willers geht, dann könnte dies bald anders werden. Der 68-Jährige arbeitet daran, im Historischen Museum einen neuen Bereich über "Bamberg als Garnisonsstadt" zu installieren. Einiges könnte der Historiker selbst beisteuern, denn in seiner Familie haben sich zahlreiche Stücke von Großvater Zimmermann und aus der Kaserne erhalten. Dann könnte es sein, dass man sich auch wieder an den Maler Ernst Zimmer erinnert, von dem es einmal hieß, seine Werke seien "eine Quelle für die Kriegsgeschichtsforschung".


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