Bamberg

Leben mit Hartz IV: Drei Generationen am Limit

Ihre Eltern bezogen zeitweise Stütze. Ihre drei Kinder wachsen in ein Leben mit Hartz IV: Offen spricht eine 30-Jährige über Erfahrungen, die sie als Mädchen schon im Schatten der Leistungsgesellschaft machte. Normalität für die Bambergerin, wie für etliche Menschen in ihrem Umfeld.
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Ihren Kindern zuliebe outete sich die 30-jährige Bambergerin nicht, obwohl sie dazu steht, Arbeitslosengeld II zu beziehen.  Foto: Petra Mayer
Ihren Kindern zuliebe outete sich die 30-jährige Bambergerin nicht, obwohl sie dazu steht, Arbeitslosengeld II zu beziehen. Foto: Petra Mayer
"Stimmt, wir bekommen Hartz IV. Aber müssen wir uns deshalb schämen?" Jutta Feustel (Name von der Redaktion geändert) hat gelernt, sich einzuschränken, auf manches zugunsten der Kinder zu verzichten. "Wer keine Markenkleidung trägt, wird in ihrem Alter ja schon schief angesehen. Das war früher anders, als viele noch altes Zeug anhatten", meint die 30-Jährige, deren Mann gerade wieder auf Jobsuche ist. "Also stecke ich zurück, damit meine Drei in der Schule und im Kindergarten nicht zu Außenseitern werden", so die Bambergerin, die aus dem gleichen Grund anonym bleiben, aber Lesern dennoch aus ihrem Leben erzählen möchte - dem Leben am Limit, mit Hartz IV.

Mit der Mutter zur Tafel

"Auf finanzielle Unterstützung waren schon meine Eltern angewiesen, wenn mein Vater mal wieder stempeln ging", erinnert sich Jutta Feustel. "Das war für uns normal, keine Schande.
Warum auch?" Mit neun Geschwistern wuchs die Bambergerin in einer zweckmäßigen Sechszimmer-Wohnung auf. Die Familie kam über die Runden, in einem Umfeld, in dem viele gerade so über die Runden kamen. "Eine große Hilfe war für uns die Tafel." Oft begleitete Jutta Feustel ihre Mutter zur Lebensmittelausgabe des St. Vinzenzvereins, ebenso wie sich mittlerweile ihre Kinder mit auf den Weg machen, um Taschen voller Obst, Gemüse, Brot und manchem mehr nach Hause zu schleppen. "Ein Auto können wir uns nicht leisten, mein Mann hat nicht mal einen Führerschein. Aber es geht ohne."

Kein Urlaub seit elf Jahren

Jutta Feustel beklagt sich nicht. Klar kann sie mit Freundinnen nicht sorglos shoppen gehen oder sich Wellnesswochenenden gönnen, wie viele andere Frauen. Konzertbesuche? Fehlanzeige. Der letzte Familienurlaub liegt elf Jahre zurück. "Damals hat mein Mann noch gearbeitet." Dann aber kam's zur Schlägerei, seiner Verurteilung wegen Körperverletzung, die den Bamberger den Job und manche Perspektive kostete. "Den Großen habe ich anfangs erzählt, ihr Vater sei im Krankenhaus. Was wirklich war, haben sie trotzdem mitbekommen." Noch in Haft, beendete der Handwerker seine Lehre, fand seither aber keine Stelle mehr - egal, wie sich der Twen bemühte.

So landete das Paar bei Hartz IV und lebt mit der Grundsicherung für Arbeitssuchende nun schon seit Jahren - wie es Jutta Feustel als kleines Mädchen kennenlernte und es mittlerweile auch ihre Jungs im Alter zwischen drei und elf Jahren erfahren. Macht es der Bambergerin nichts aus, die nächste Generation an "Stütze" zu gewöhnen? Die eigenen Kinder im Schatten der Leistungs- und Anspruchsgesellschaft aufwachsen zu sehen? "Viele unserer Bekannten beziehen Hartz IV und kennen es im Grunde nicht anders", so die Antwort. Darüber verzweifeln würden die wenigsten. Aber natürlich erhoffe sie sich für ihre Jungs eine bessere Zukunft, die auch einen besseren Schulabschluss erreichen sollen als Jutta Feustel. "Ich selbst war leider so zapplig, dass mich meine Eltern in einen Sonderkindergarten brachten und ich danach in eine Sonderschule ging."

Mit 16 beendete die Bambergerin ihre schulische Laufbahn ohne qualifizierenden Abschluss, was sie heute bedauert. "Ich wollte mich ausprobieren, war unvernünftig, ein Teenie eben." Eine Lehre zu machen, interessierte Jutta Feustel nicht. Lieber ging die Fränkin putzen. "Da verdiente ich stolze 900 Mark im Monat, mehr als die meisten Azubis im ersten Lehrjahr." So blieb die junge Frau bei Putzjobs statt den Quali nachzuholen oder sich gar um eine Ausbildungsstelle zu bemühen. "Vielleicht wäre ja mehr aus mir geworden, wenn mich meine Eltern dazu gedrängt hätten." Was die 30-Jährige bei ihren Kinder nicht versäumen möchte.


Kein Geld für Sonderausgaben

Eingerichtet hat sich die Bambergerin mit ihrer Familie in einer kleinen Drei-Zimmerwohnung. Eingerichtet im Leben mit Hartz IV, das etliche Freunde und Bekannte als normal zu akzeptieren scheinen. Ohne Sonderausgaben kommen die Feustels klar, "so lange unsere Waschmaschine nicht streikt oder andere Katastrophen eintreten." Größere Neuanschaffungen können sich die Bamberger nun mal nicht leisten.

Was vermisst Jutta Feustel im Vergleich zu Besserverdienenden am schmerzlichsten, wollten wir von der dreifachen Mutter wissen: "Vielleicht mit den Kindern mal einen Freizeitpark zu besuchen oder wirklich wieder in den Urlaub zu fahren", kommt nach kurzem Zögern. "Ja, und natürlich wär's schön, vom eigenen Geld und keinen staatlichen Hilfen mehr zu leben."

936 Kinder unter 15 Jahren

Zwar sank die Zahl der Bamberger, die Arbeitslosengeld II beziehen, in den vergangenen Jahren erheblich, wie Dieter Schierbaum als Geschäftsführer des Jobcenters in diesem Zusammenhang berichtete. Doch verzeichne man darunter noch immer 936 Jungen und Mädchen unter 15 Jahren. Wobei das "garantierte Mindesteinkommen" einer fünfköpfigen Familie mit drei Kindern im Alter zwischen drei und elf Jahren bei rund 2200 Euro liege. Genug zum Überleben, wie am Beispiel der Feustels zu sehen ist. Aber nicht genug, um aus dem Schatten der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft zu treten. Nur ist auch das für viele eben mittlerweile normal.













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