Bamberg
Ausstellung

Kunst, die man betreten kann

Der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken zeigt in der Villa Dessauer seine Jahresausstellung "Respekt".
Artikel drucken Artikel einbetten
Dagmar Ohrndorf (Mitte) lädt die Besucher ein, ihre Bilder zu begehen - mit und ohne Schuhen.  Foto: Ronald Rinklef
Dagmar Ohrndorf (Mitte) lädt die Besucher ein, ihre Bilder zu begehen - mit und ohne Schuhen. Foto: Ronald Rinklef
+32 Bilder
Hautwülste prangen auf dem Plakat der Jahresausstellung "Respekt" des Berufsverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken, die bis zum 8. September in der Stadtgalerie Villa Dessauer gezeigt wird. Dagmar Ohrndorf hat die Bilder der Hautwülste im oberen Stockwerk der Villa auf eine weiche Bodenfläche installiert. Sie fordert die Besucher auf, mit Respekt Nähe zuzulassen und Grenzen zu überwinden und stellt gleichzeitig die Frage, wie viel Respekt wir vor der Kunst haben. Wer möchte, kann die weiche Oberfläche betreten, und sogar die Bilder sind begehbar - mit oder ohne Schuhen. Was allerdings dann mit dem Werk passiert, bleibt abzuwarten. Die Künstlerin erlebt die Begehung ihres Werks mit ambivalenten Gefühlen: "Das tut mir beinahe weh." Als würde man ihre Haut verletzen.
Und dennoch reizt sie ihr Publikum geradezu, Grenzen zu überschreiten.

Der Respekt Künstlern gegenüber ist nicht nur für Christiane Toewe, Erste Vorsitzende Berufsverband Bildender Künstler Oberfranken, ein zentrales Thema, wie sie am Eröffnungsabend betont: "Jede Kommune sollte sich des Schatzes der Bildenden Kunst bewusst sein, jeden Künstler wertschätzen und willkommen heißen, Atelierräume zur Verfügung stellen, Ausstellungsmöglichkeiten schaffen. Sogar ein Ausstellungshonorar bezahlen!" Kein Mensch würde erwarten, dass der Bäcker die Brötchen verschenke und der Rechtsanwalt kostenlos berate.

Sicher ist: Respekt verdienen die 14 Künstler, die mit verschiedensten Medien - von Malerei bis Videokunst - die Ausstellung bestückt haben und Fragen aufwerfen: Wo man Respekt heute antrifft, was es bedeutet, jemanden zu respektieren oder wo man die Haltung vermisst. Lena Maria Gräwe griff letztere Frage auf. Sie setzte Respektlosigkeiten, die ihr in Zeitungsartikeln begegnet sind, in Malerei um: Schweine, "weil wir respektlos mit Tieren umgehen."

Alte und kranke Menschen verdienen ebenso unsere besondere Achtung. Das macht der Fotograf Gerhard Jaugstetter in den berührenden Schwarzweiß- Aufnahmen seiner Mutter deutlich, die an Alzheimer erkrankte. Er begleitete sie mit der Kamera von ihrer Erkrankung im Jahr 2008 bis zu ihrem Tod 2011. Die Porträts zeigen das Auf und Ab, aber auch die glücklichen Momente der Krankheit und vor allem, wie intensiv die emotionale Wahrnehmung der Erkrankten ist.

Landkarte des Lebens

Respekt vor dem Leben anderer ist auch das Thema der Radierungen von Walli Bauer. "Ich lasse Sie durch Fenster in das Leben Fremder schauen." Das Gesicht einer alten Frau wird so zu einer "Landkarte des Lebens". Und manchmal erkennt man sich vielleicht auch selbst im Bild wieder.

Einen starken Bezug zu ihr selbst haben die Acryl-Gemälde auf Leinwand von Antje Fries. Die Künstlerin, die aus dem textilen Bereich kommt, präsentiert sich im Bild in bunten Kleidern. "So fühle ich mich schön und lebendig." Das war nicht immer so. Gerade deshalb weiß sie, wie kostbar das Selbstwertgefühl ist. Trotzdem bleiben die Bilder anonym, denn die Frauen sind ohne Köpfe abgebildet.

Respekt hat viele Facetten, das wird in der Schau offenbar. Da wären Michaela Schwarzmanns Nähbilder, Monika Meinharts Licht-Fotografien, Hans Kronenbergs Holzobjekte, Kerstin Amend-Pohligs Mona Lisa Pralinés, Adelbert Heils Skulptur "Herr & Hund" und Kerstin Kassels goldene Krähe, die alle die Würde ins Zentrum rücken. Bernd Schaibles Installation ist eine Hommage an Joseph Beuys, den Zeichner Dan Perjovschi und den Soziologen Richard Sennett. Monika Pellkofer-Grießhammers Druckgrafiken vermitteln die Achtung vor dem Andersartigen. Und manchmal sind es gerade die Dinge, die im Alltag untergehen, die wir kaum mehr wahrnehmen, die erst ins Bewusstsein geholt werden müssen, wie die alltäglichen Parkzettel, Kassenbons und Fahrscheine, die Maria Söllner mit ihren Tusche-Überzeichnungen zu Kunstwerken macht und ihnen damit eine ganz besondere Ehre zuteil werden lässt.

Viele der Arbeiten sind zu erwerben - auch eine Art, Künstlern Respekt zu zollen. Eine Preisliste der Werke liegt in der Villa Dessauer aus.


Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren