Köttensdorf
Freizeit

Köttensdörf: ein bisschen wie im Wilden Westen

Contra Dance lässt den Pioniergeist einstiger Siedler Nordamerikas in der Brauereischeune für ein paar Stunden wieder lebendig werden.
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Auch das Outfit erinnert an die Anfänge dieser Tanzart in Amerika.Foto: Udo Billen
Auch das Outfit erinnert an die Anfänge dieser Tanzart in Amerika.Foto: Udo Billen

Besser kann die Location gar nicht sein: Die Brauerei und Gastwirtschaft Hoh in Köttensdorf stellt ihre Scheune für die europäische "Contra Dance Convention" zur Verfügung, die heuer bereits zum 18. Mal stattfindet; veranstaltet von der European Callers and Teachers Association e.V. (ECTA) in Zusammenarbeit mit den "Rollin Squares". Nächstes Jahr soll dieses jährliche Treffen am 17. Oktober in Prag sein.

In Köttensdorf passt das Ambiente der Scheune jedenfalls perfekt. Alles dreht sich am Samstag um eine Tanzform, die sich in Nordamerika vor über 250 Jahren entwickelt hat. Aus aller Herren Länder kamen damals im Osten der noch jungen USA Menschen an. Bunt zusammengewürfelt zogen sie in großen Trecks gen Westen. Sie besaßen unterschiedlichste Kulturen, Sprachen, Religionen, Sitten, Gebräuche, Musik und Tänze. Als sie aufbrachen, hatten sie alle nur zwei Gemeinsamkeiten: Alle waren von daheim aufgebrochen, um ein neues Leben zu beginnen und ein neues Zuhause zu finden. Das schweißte neue Nachbarn schon auf dem Weg zusammen. Was macht man an den Abenden, wenn Ross und Reiter eine Pause brauchen?

Man setzt sich am Lagerfeuer zusammen, isst, trinkt; einer beginnt zu fiedeln. Ein anderer stimmt mit seinem Instrument in die Musik ein. Dazu fangen wieder andere an, zu tanzen.

Was allerdings nicht so einfach ist, wenn unterschiedlichste Musikstile aufeinander treffen. Die Reels der Schotten, Jigs aus England und Irland sowie Rundtänze aus Deutschland und anderen Nationen. Um Ordnung in das musikalisch tänzerische Chaos zu bringen, ergreift einer aus der abendlichen Lagerfeuer-Runde das Kommando: Er gibt Anweisungen an Musik und Tänzer. Der Musik gibt er vor, was gespielt werden soll. Und den Tänzern, wie sie sich dazu zu bewegen haben. Damit er das Gewusel besser überblicken kann, nimmt er eine erhöhte Position ein. Das kann das berühmte Whiskey-Fass gewesen sein, ein Schemel oder sonst etwas in der Richtung.

In der Wagenburg

Später dann schwingt er sich auf einen Wagen, der zu dem Zweck in der Wagenburg aufgestellt wird. Schon kommt Ordnung in das Ganze. Das Durcheinander löst sich in einer Harmonie geordneter geformter Bewegungen auf.

Prompt ist auf dem langen Weg nach Westen ein neuer Tanzstil geboren, der Abend für Abend weiter entwickelt wird und zu dem es drei Bestandteile braucht: Band, Tänzer und Anweiser.

Dabei kommt die soziale Komponente nicht zu kurz. Die Menschen lernen sich kennen, sprechen sich mit Vornamen an. Ein "Wir"-Gefühl kommt auf, das zusammenschweißt. Freundschaften entstehen. Es verbreitet sich eine ausgelassene, frohe Stimmung. Ängste, Sorgen sind für ein paar Stunden vergessen, Hoffnung keimt.

Dieser Geist aus der Pionierzeit mit seiner ganz speziellen Ausdrucksweise hat es geschafft, fortzuleben so wie bei dem Event in Köttensdorf. So wie in in den USA und in der ganzen Welt bei Squaredance- und Contra-Clubs.

Über 60 Teilnehmer aus 19 Clubs sind in Köttensdorf, obwohl im Umkreis von rund 100 Kilometern noch fünf weitere Veranstaltungen gewesen sein sollen. Die nächstgelegene sogar in Großheirath. Nicht einmal 30 Kilometer entfernt.

Dieses besondere Gefühl aus den Tagen der Pioniere erleben am Samstagabend nicht nur Tänzer, Musiker und Prompter, wie Anweiser im Contra Dance genannt werden. Auch die Zuschauer sind fasziniert. Deko, Kleidung und Attribute im Stil des Wilden Westens tragen dazu bei, die Atmosphäre noch mehr zu verdichten. Live Music gehört dazu. Dafür ist die Band "Over The Isles" aus Zürich nach Oberfranken angereist. Und mit "Oh Susanna" kommt gleich das erste "Go" des Prompters.

Der Contra Dance ist, wie Manfred Firsching (einer der Organisatoren) erklärt, die am nächsten an den Ursprüngen geblieben ist. "Der einzige Sinn und Zweck des Veranstalters und des Callers (Prompters) besteht darin, dass die Leute tanzen. Und das passt der Caller den Möglichkeiten der Tänzer an."

Wenn er sieht, es läuft, dann hält er den Mund. Beim Square hingegen "sind Ansagen notwendig, sonst wissen die Tänzer nicht, was kommt."

Jeder kann jederzeit mitmachen

Dementsprechend kann beim Contra auch jeder jederzeit mitmachen. Gemeinsam werden immer zuerst die Figuren des nächsten Tanzes einstudiert. Während beim Square im Laufe eines halben Jahres 68 Figuren einstudiert werden, die die Tänzer anschließend beherrschen. Dann allerdings können sie in jedem Squaredanceclub mittanzen. Der Caller sorge beim Square im Prinzip für die jeweilige "Choreographie", wie Gerhard Kamm als Spartenleiter Contra und Square in der ECTA noch weiter anmerkt.

Eine weitere Eigenschaft dieser Tanzform ist die, dass es keine Wettbewerbe gibt. Nicht Konkurrenz untereinander soll gefördert werden, sondern der Zusammenhalt. Ganz wie bei den alten Siedlern. Und so gehört es auch zu den Regeln, dass jeder mit jedem am Abend tanzt. Dafür sorgt schon der Prompter im Contra Dance. Prompter sind dieses Mal Meike Beyen, David Dvoák aus Prag und Sabine Weitkamp. Laut Firsching ist es für "alle eine Ehre" hier aufzutreten. In Deutschland sei ihm zwar aktuell kein Name bekannt. Aber "in den USA gibt es sogar Profi-Caller". Diese kommen zuweilen auch "über den großen Teich" zu einer Tournee durch Europa.

Damenwahl oder einzelne Paare, die den ganzen Abend nur miteinander tanzen, gibt es beim Contra Dance dementsprechend ebenfalls nicht.

Nach Deutschland kamen die amerikanischen Tanzstile mit den US-Truppen nach Kriegsende. Denn auch da war der Zusammenhalt wichtig. Auch in Bamberg hielten diese Tanzformen Einzug. 1978 von Amerikanern gegründet, wurden bald auch Deutsche in den Squaredance Club der Bamberg Cornhusker (deutsch Maisschäler) aufgenommen.

120 Mitglieder

Aktuell hat der Club 120 Mitglieder. Laut Firsching, der dort selbst Mitglied ist, handelt es sich bayernweit um einen der "großen Clubs". In Bamberg wird hauptsächlich Squaredance getanzt. Da aber im Contra viele Figuren aus dem Square kommen, beherrscht man auch die. Der Rest passiert eh auf Anweisung der Prompter.

Getanzt wird immer freitags. Aktuell hat zwar schon ein neuer Squaredance-Kurs begonnen. Aber noch sei ein Einstieg problemlos möglich, meint Firsching. Für jeden, jung bis alt. In einem halben Jahr beherrsche man alle 68 Figuren. Und damit steht einem die ganze Welt des Squaredance und Contras offen. Wo wann was stattfindet, steht auf der Website des Dachverbandes der European Association of American Square Dancing Clubs. Jedes Clubmitglied ist in anderen Clubs willkommen. So sind viele internationale Freundschaften entstanden.

Aus den Wohnmobil-, Caravan- und Zeltfreunden der Clubs hat sich übrigens 1982 eine weitere Gruppierung formiert: Die "Rollin Squares". Sie treffen sich jeweils einmal im Jahr zum "Camp Out". Der Zusammenhalt wird dadurch noch mehr gefördert und das Gefühl der Freiheit greifbar.

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