LKR Bamberg
Mut & Courage

Klassische Mutproben? Fehlanzeige!

Heute bedeutet Mut bei Jugendlichen, sich auf Begegnungen mit anderen einzulassen. Experten geben Einblick.
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Mut bedeutet, aus der Gruppe heraus zu treten und Verantwortung zu übernehmen, für sich und andere. Foto: Iso
Mut bedeutet, aus der Gruppe heraus zu treten und Verantwortung zu übernehmen, für sich und andere. Foto: Iso

Thema Mut. Da kommen einem Bilder von Mutproben vor Augen, wie man sie aus Kindertagen kannte. Vom Zehn-Meter-Brett springen, zum Beispiel. "Mutproben?" Da müssen die Pädagogik-Profis Michael Gerstner, Daniel Dummert und Vanessa Konz passen. Das ist zumindest bei "ihren" Kids kein Thema. Jedenfalls nicht in der klassischen Variante.

"Mutig." So charakterisiert Gerstner dann allerdings das, was der Verein für innovative Sozialarbeit, kurz Iso, macht. Den gibt es zwar schon seit 1985. Seit 2002 existiert das Projekt JAM - Jugendarbeitsmodell - mit dem sich der Jugendhilfeträger fest in der Region Bamberg und darüber hinaus etabliert hat. Aus anfänglich vier Mitarbeitern ist inzwischen ein Team von rund 400 Mitarbeitern geworden. Mutig ist auch, dass Dummert dieses nach bald 15 Jahren verlassen wird, um sich beruflich neuen Herausforderungen, nun in der Lehrtätigkeit, zu widmen.

Vor 500 Leuten gesprochen

Mutig ist ebenfalls, dass Bereichsleiter Gerstner mit Dummert seinen erfahrensten Jugendarbeiter ziehen lässt. Wenn die Mutprobe an sich keine Rolle spielt, was wissen die professionellen Jugendarbeiter dann in Sachen Mut von den betreuten Kids, sind die mutig? Und ob, betonen die drei Pädagogen. Mut beobachten sie bei ihren Schützlingen immer wieder. Erst vor kurzem. Da wurde in Litzendorf die neue Pumptrack-Anlage in Betrieb genommen, und zwei Jugendliche waren so mutig, und traten vor gut 500 Besuchern ans Mikrofon.

Der Verein Iso bietet in 14 von 36 Landkreisgemeinden sowie in der Stadt Bamberg professionelle Jugendarbeit an. Und immer wieder stellen die Pädagogen vor Ort fest, wie mutig die "Kids" sich hier einbringen: "Sie verfassen Konzepte und stellen sie, wie in Viereth-Trunstadt im Bauausschuss vor", nennt Vanessa Konz ein konkretes Beispiel.

Mutbeispiele kennt Daniel Dummert in weiteren Bereichen: Als ein Jugendlicher zu viel Alkohol genossen hatte, kümmerten sich andere um ihn. Sahen also nicht weg. In Zeiten, in denen Einsatzkräfte behindert und angepöbelt werden, ein anderes und inzwischen mutiges Verhalten, stellen die Pädagogen fest; mit Bedauern ebenfalls, dass Menschen für andere Menschen immer weniger Empathie haben.

Mut beweisen ihre Schützlinge, die viel Zeit in sozialen Medien verbringen, wenn sie sich nicht einfach den Gruppen der Kritiker anschließen, sondern ganz klar für etwas Position beziehen, das heißt für etwas einstehen, Position beziehen, das nicht dem Mainstream entspricht. Gerstner, Konz und Dummert betonen dabei "für ".

Warum aber ist der Verein Iso mutig? Die drei Mitarbeiter lächeln nachsichtig. Gerstner, der am längsten dabei ist, erklärt das Prinzip: " Mutig ist es von uns, es unseren Kunden oder Kids zuzutrauen, für sich selbst zu stehen.Wir unterstützen, aber tun muss man Dinge selbst, weil sie erst dann für einen etwas wert sind."

Er wird konkreter: "In unsere Jugendtreffs gibt es keinen Alkohol, das ist mutig." Mutig sei es auch gewesen, vor Jahren eine Großparty ohne Alkohol zu veranstalten. Auch Dummert erlebte es in seinen 15 Iso-Jahren oft, dass man zitterte, ob was funktionjert, ob das Angebot angenommen wird, ob jemand kommt. Das weiß auch Vanessa Konz, wenn man sich nicht sicher ist, ob sich die Jugendlichen dann wirklich trauen, ihr Ansinnen in der Öffentlichkeit vorzustellen, oder mit einem Landtagsabgeordneten zu diskutieren.

Mut-Erfahrungen

Wie mutig sind die Pädagogen, das heißt, was war das Mutigste, was sie getan haben?

Sich als Teenager auf eine Reise ins Ausland mit einer vollkommen unbekannten Jugendgruppe einzulassen, fällt der 28-Jährigen ein. Sich als Teenager mit der Gitarre auf die Bühne zu wagen, "das auszuhalten", sagt Gerstner. Meiner Frau einen Antrag zu machen, ergänzt sein Kollege. Und, so sind sich die Herren einig: Kinder in die Welt zu setzen. Jeder hat seine Mut-Erfahrungen gemacht, die Gerstner in die Formel packt: "Wenn man etwas schaffen will, gehört Mut dazu."

Und wie sieht es in Sachen Mutproben aus Sicht der Polizei aus? Von "Mutproben" mag Alexander Krapp, Sprecher der Polizeiinspektion Bamberg-Land, nur in Anführungszeichen sprechen.

Denn wenn sie aktenkundig werden, handelt es sich in der Regel um entweder vollkommen dumme oder unerlaubte Dinge, die schiefgegangen sind.

Froh ist Krapp darüber, dass gefährliche Selfies wie zum Beispiel auf Schienen, zumindest statistisch nicht vorgekommen sind. Ebenfalls nicht mehr Sprünge von hohen Brücken ins Wasser.

Im Gedächtnis dagegen sind Alexander Krapp noch zwei junge Männer, die betrunken einen Baukran hochgeklettert waren. Das dürfte sich wohl eher um eine Promille-Tat als um eine Mutprobe gehandelt haben, mutmaßt er. Die "klassische Mutprobe" gibt es mit Blick auf Polizeiakten demnach augenscheinlich nicht mehr.

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