Burgwindheim
Landwirtschaft

Kinder lernen in Kappel Ohrmarken und Melkroboter kennen

Familie Habersack aus dem Burgwindheimer Gemeindeteil Kappel möchte Kindern Landwirtschaft näher bringen. Erstmals hatte man auswärtige Schüler zu Gast und die Landwirts- wurde zur Lehrerfamilie .
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Der neue Geruch ist schnell vergessen, alle wollen die Kühe streicheln. Foto: Anette Schreiber
Der neue Geruch ist schnell vergessen, alle wollen die Kühe streicheln. Foto: Anette Schreiber
Für diese Unterrichtseinheit wechselt Martina Kraus die Seiten: Die Lehrerin taucht in die Schar der Schüler der 4a und 4b der Schlüsselfelder Schule ein, hört aufmerksam zu und stellt Fragen, genauso wie die 42 Kinder und ihr Kollege Peter Hüttner. Um 8 Uhr hat sie der Bus in den Burgwindheimer Gemeindeteil Kappel gebracht, auf den Hof von Familie Habersack. Um 11.15 Uhr, rechtzeitig zur zweiten Pause werden sie wieder zurück sein. Dazwischen heißt es "Landfrauen machen Schule", ein Programm des Bayerischen Bauernverbands.


Etliche Traditionen

Für den ist der Juniorchef am Hof, Stefan Habersack, Obmann für die Orte Kappel, Kötsch, Oberweiler und Unterweiler. Dessen Frau Anja managt die 350 Rinder. Seniorchefin Evi lässt es sich ebenso wenig wie ihr Mann Andreas nehmen, bei diesem besonderen Tag mitzuwirken, auch wenn sie den Hof offiziell schon an die Jungen übergeben haben. Kindern die Landwirtschaft näher zu bringen hat bei Habersacks Tradition: Seit 20 Jahren bringt die Burgwindheimerin Gertraud Heidereich die Kleinen aus ihrem Bamberger Kindergarten auf den Hof der befreundeten Familie. Schulkinder aus Burgwindheim folgten irgendwann. Schüler aus Schlüsselfeld und das Projekt "Landfrauen machen Schule" hingegen hat man erstmals hier.
Dass es eine Umgebung ist, die sich auf Kinder eingestellt hat, wird beim genauen Hinsehen klar: Zwischen den Kälberiglus hängt eine Schaukel, vor einer Wirtschaftskammer steht ein stattlicher landwirtschaftlicher Fuhrpark, Spielzeug-Fuhrpark.
Zuerst rümpfen die Schüler die Nase, einige halten sie zu, "es stinkt", hört man es raunen. Doch Landfrau Anja übergeht es elegant, im modernen Laufstall ist der anfangs etwas strenge Geruch schnell überwunden, Berührungsängste gibt es nicht, schnell sind die Kühe, die Anja für den Erstkontakt ausgewählt hat, das Ziel vieler kleiner streichelwilliger Hände. Als Nicklas fragt, ob man die Kühe auch fotografieren darf, muss Lehrerin Kraus doch ein wenig schmunzeln.
Die Kinder erfahren dann, was mit so einem modernen Laufstall auf sich hat, dass die Kühe sich dank des Melkroboters selbst aussuchen können, wann sie gemolken werden wollen: "Wenn sie am Tag wenigstens einmal da waren, bin ich zufrieden und sie auch." Mit dem Hinweis, dass die älteste Kuh hier 13 Jahre ist , können die Schüler erst einmal nicht so viel anfangen.Als Anja Habersack ihnen später anhand von gesammelten Tetra-Packs vor Augen führt, dass eine Kuh hier im Schnitt jeden Tag rund 30 Liter Milch gibt, ist das leichter einzuordnen. Und dass die Kuh erst nach der Geburt des ersten Kälbchens Milche gibt, lehrt Anja, dass ein Kälbchen gar nicht so viel trinken könnte "wie unsere Kühe geben".
Kälbchen - eindeutig das Ressort von Evi Habersack. Mit Ohrmarkenzange in der Hand erklärt sie spielerisch, dass hier jedes Jahr 200 Kälber geboren werden und jedes Tier eine Nummer ins Ohr bekommt. Ob das nicht weh tue wollen die Schüler wissen. Evi Habersack winkt ab: "Das ist wie wie wenn Ihr Ohrringe kriegt." Obendrein gibt es einen Ausweis, den Rinderpass, der das Tier begleitet bis - dann zögert die Landfrau doch etwas, und fügt ausweichend hinzu "bis es stirbt".
Während die Mädchen ein bisschen zusammenzucken, sind die Jungs nicht zimperlich. "Ich hab' sie alle auf Rinderbraten getauft", gibt sich Luca realitätsnah und neckt obendrein die Mädchen. Dann zeigt er aber doch Herz und meint, dem Kälbchen, das Probleme mit dem Stehen hat, würde er mit einem Roboter helfen.
Der Melkroboter fasziniert Mädchen und Jungs zwar gleichermaßen, Melken am Gummi-Euter kristallisiert sich aber eindeutig als etwas heraus, das doch eher die Schülerinnen reizt. Der Geruch ist auf einmal ganz vergessen und die Kinder sind kaum noch aus dem Stall zu bringen. Eine Brotzeit mit Milch, Joghurt und Käse hilft, die Aussicht auf große Maschinen oder den Melkroboter tut das Ihre. Da lernt man auch gerne noch was von Andreas Habersack, der die Sache mit Getreide und Brot erläutert.


Sehr interessante Stunden

"Wir haben zwar Landkinder in Schlüsselfeld, aber die haben doch nicht mehr so den Bezug zur Landwirtschaft, wie ich gedacht hatte", stellt Martina Kraus am Ende fest, als sie wieder die Lehrerin ist, die sagt, wo's lang geht. Zufrieden ist auch ihr Kollege Hüttner, der fand die Stunden sehr interessant und hat sich gefreut, dass es von der Motivation her "ein Selbstläufer" war. Außerdem meint er: "Wann hat man schon mal die Gelegenheit, in einen Stall zu gehen."
Warum aber nimmt Familie Habersack die Mühen der Vorbereitung und Abwicklung dieses Schülertags, dem ein weitere mit den dritten Klassen folgte, auf sich? Andreas Habersack verweist darauf, dass seine Familie seit der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in Kappel ist und Landwirtschaft betreibt.


Eine Leidenschaft

"Das ist einfach Leidenschaft und Tradition." Genau das soll hier erhalten werden. Da hilft es, wenn Kinder ein Verständnis für den Landwirt bekommen und dafür, dass dieser einen ganz normalen Beruf ausübt, ergänzt seine Frau. Wenn die Kinder gelernt haben, dass Milch nicht aus dem Tetrapack kommt, ist ein weiteres Ziel erreicht, schmunzelt Anja Habersack. Ihre Schwiegereltern sehen den Schülern mit leuchtenden Augen nach: "Wenn Kinder bei uns sind, ist das traumhaft."


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