Bamberg
Gesundheit

Keimzelle im Auftrag der Medizin - Medical Valley Bamberg

Am Freitag startet das "Medical Valley Bamberg" als Teil eines "europäischen Spitzenclusters". Was hat es mit dem Medizin-Tal auf sich? Wo liegt es? Und was hat der Bamberger davon? Eine Spurensuche.
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Chemiker Ralph Brückner begutachtet unter dem Mikroskop die winzigen Tröpfchen seiner Beschichtung, die auf Oberflächen eine antibakterielle Wirkung erzielen.  Foto: Sebastian Schanz
Chemiker Ralph Brückner begutachtet unter dem Mikroskop die winzigen Tröpfchen seiner Beschichtung, die auf Oberflächen eine antibakterielle Wirkung erzielen. Foto: Sebastian Schanz

Im Büro von Ralph Brückner haben Bakterien keine lange Lebenserwartung. Denn der Chemiker hat sich darauf spezialisiert, Oberflächen mit einer transparenten Beschichtung zu besprühen, die ihnen den Garaus macht. Und nicht nur den Bakterien. "Geringe Mengen unseres Mittels Titano reichen aus, um dauerhaft auch Schimmel, Hefepilze und sogar Viren wie den Noro-Virus zu reduzieren", erklärt Brückner, der sich im zweieinhalb Mitarbeiter starken Bamberger Start-Up-Unternehmen Hecosol "Leiter Forschung und Entwicklung" nennt. Sein Schreibtisch steht im Zentrum für Innovation und neue Unternehmen (IGZ) an der Kronacher Straße und ist ebenfalls mit einer Titano-Schicht besprüht.

Ein noch größeres Anwendungsfeld sieht der Chemiker für seine Erfindung mit dem Wirkstoff Nano-Titandioxid aber in Lebensmittelbetrieben oder auch Krankenhäusern. Überall dort, wo Reinigungspersonal gegen Keime anputzt, wo Hygienevorschriften streng und Bakterienkulturen hartnäckig sind, könne das Bamberger Spray hilfreich sein.

Innovation in der Praxis

Frei verkäuflich ist es nicht. Die Hecosol-Mitarbeiter bringen die Beschichtung selbst aus, nutzen dabei die elektrostatische Aufladung der feinen Tröpfchen und bieten im Vorfeld auch eine Analyse der Hygiene-Prozesse im Betrieb ihrer Kunden an.

Brückner arbeitet also an der Realisierung einer innovativen Idee im Bereich der Hygiene. Kein leichtes Betätigungsfeld für kleine Unternehmen. Als Teil eines großen Forschungs- und Anwendungszentrums tut man sich da schon leichter - und das Medical Valley mit Sitz in Erlangen ist ein eben solches, noch dazu von europäischem Rang.

Pläne auf dem Lagarde-Gelände

"Das Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg ist ein Zusammenschluss hochspezialisierter Forschungseinrichtungen, international führender Unternehmen sowie Start-Ups aus dem Großraum Nürnberg, die im Bereich der Gesundheitsforschung, E-Health und Medizintechnik tätig sind", erklärt ein Sprecher des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit.

"Wir arbeiten von Seiten der Wirtschaftsförderung seit 2014 daran, das Dach des Medical Valleys bis nach Bamberg zu ziehen. Ab Freitag ist das geschafft", erklärt Ruth Vollmar, die Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung. Das Dach existiert bisher nur metaphorisch. Mittelfristig aber soll in der Lagarde-Kaserne auch architektonisch ein Gebäude für das vom bayerischen Wirtschaftsministerium geförderte Medical Valley wachsen, neben dem neuen Digitalen Gründerzentrum.

Vier Institute machen den Anfang

Wachsen soll auch das Netzwerk und die Zahl der beteiligten Einrichtungen. Den Anfang machen heute vier Institute: Das renommierte Fraunhofer beteiligt sich gleich zweifach: Die Frage "Wie kann ich schon heute von der digitalen Medizin profitieren?", beantworten laut Gesundheitsministerium die Projekte "Mobile Health Lab, Bamberg des Fraunhofer IIS" und die "Medical Valley Digital Health Application Center GmbH". Letztere widmet sich laut Vollmar der Entwicklung für Anwendungen von digitalen Lauf-Sensoren, die Parkinson-Patienten helfen sollen.

Um Fragen der Pflege und Patientenversorgung geht es im dritten Projekt: dem "Skills Lab Pflege und Patientenversorgung Bamberg", der Akademie für Gesundheitsberufe, die von der Sozialstiftung gefördert wird.

Die ist ebenfalls Mutter des vierten Instituts, des Hygiene-Technologie-Kompetenzzentrums (HTK). "Wir wollen uns zu einem Institut für anwendungsorientierte technologiefokussierte Forschung im Bereich Hygiene entwickeln", erklärt Susan Lindner, Geschäftsführerin der GmbH. Anwendungsorientiert und ganz nah an der Praxis soll die Arbeit ablaufen. Das Ziel: Hygieneprozesse verbessern.

Konkret wird dazu im Bamberger Klinikum bald eine Beschichtung eingesetzt, die Bakterien und andere Keime auf Oberflächen bekämpft: Titano - das Mittel des Bamberger Chemikers Ralph Brückner. Das HTK wird die Anwendung mikrobiologisch begleiten, um Vergleiche zu ermöglichen. Wertvolle Erkenntnisse für Brückner. Wertvolle Erkenntnisse vielleicht auch für das Klinikum und die Branche, um Hygienestandards zu verbessern.

Hygiene, digitale Medizin und der Pflegebereich sind die drei Themenbereiche, die im Bamberger Medical Valley bearbeitet werden sollen. "Die vier ersten Projekte sollen als eine Art Keimzelle wirken, aus der etwas noch viel Größeres wachsen soll", sagt Vollmar von der Wirtschaftsförderung.

Startschuss mit Aiwanger

Das würden sicher alle Verantwortlichen unterschreiben - auch am Freitag beim Festakt mit Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) im Kongresszentrum, an den sich der erste Bamberger Fachkongress des Medical Valley Centers anschließt, bei dem Forschungsbereiche und Arbeitsfelder einem Fachpublikum und insbesondere Parkinson-Patienten präsentiert werden. Nur das Wort "Keimzelle" würden die Hygienespezialisten wohl schnell ausmerzen.

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