Bamberg
Die  Farbe  Rot  

Karminrote Küsse - pfui?

Kurz vorm Valentinstag: Atemnot nach einem Kuss? Nicht unbedingt einem leidenschaftlichen, sondern einem lausigen.
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Foto: dpa-Bildfunk
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Die Beziehung zwischen Menschen und Läusen könnte nicht schlechter sein. Jedenfalls wenn man das Verhältnis aus der Sicht des Homo sapiens betrachtet. Oder?

Die Abneigung vieler Menschen hat mit der Ausstattung der ziemlich winzigen Insekten zu tun. Alle sind nämlich von der Natur mit einem Stechapparat ausgerüstet und haben die unangenehme Neigung, je nach Lausart, damit an den verschiedensten Lebewesen herumzubohren und -saugen. Dabei schrecken sie auch vor den Nutzpflanzen und Nutztieren der "Krone der Schöpfung" nicht zurück. Die Folgen sind Schäden in ungeahnter Höhe. Als wäre das nicht schon schlimm genug, sind sie als Kopf- und Schamlaus in einschlägigen Biotopen auf dem Menschen unterwegs. Das ist mehr als nur eine Belästigung.

Neben den dabei auftretenden Primärschäden können durch die Aktivitäten dieser teuflischen Tiere noch diverse Krankheitskeime übertragen werden.

Es existieren aber tatsächlich auch Lausarten, die etwas zum Lebensglück des Menschen beitragen können. Dazu gehört die Kaktuslaus (Dactylopius coccus), besser bekannt als Koschenilleschildlaus. Dieses Insekt kommt ursprünglich in Süd- und Mittelamerika vor, wo es auf verschiedenen Opuntien - das sind Kakteenarten - lebt. Die marienkäfergroßen, halbkugeligen Tiere sitzen zeitlebens auf diesen Pflanzen. Sie sind Parasiten. Während ihres gesamten Erdendaseins machen sie nichts anderes, als sich Kaktussaft reinzuziehen.

Den Kakteen scheint der Befall wenig auszumachen, denn die strotzen meistens weiterhin vor Lebenskraft und wuchern vor sich hin. Bei den Saftsaugern handelt es sich ausschließlich um Weibchen, für die der Kaktussaft das Lebenselixier schlechthin ist. Die Kaktusflüssigkeit als Powerdrink gibt den Läuseweibchen genügend Kraft zur Organisation ihres eigenen Lebens und zusätzlich noch für die Produktion von Eiern. Letzteres ist aber nur möglich, wenn eine Läusin Besuch von einem Läuserich bekommen hat, denn diese Art pflanzt sich - im Gegensatz zu so manch anderen Kerbtierarten - ausschließlich sexuell fort.

Damit Läuse-Sex möglich wird, scheiden die flügellosen und damit immobilen Weibchen Lockstoffe aus, die für die geflügelten Läusemännchen unwiderstehlich sind. Nach der Paarung sterben die Männchen, während die Weibchen vor ihrem Ableben noch zahlreiche Eier bilden, die dann durch ihren Leichnam sogar noch getarnt werden.

Die Läuse schützen sich vor Fraßfeinden durch selbstproduzierte, feine Wachsfäden, unter denen sie sitzen. Schon aus der Ferne sind die großen, mehrere Generationen umfassenden, wie mit Puderzucker bestäubten, auf den ohrförmigen Sprossen der Kakteen lebenden Läusekolonien zu erkennen. Als eine weitere Verteidigungsstrategie gilt das Produkt, das die Läuseweibchen aus dem Kaktussaft herstellen. Es ist ein bitterer Stoff, der einem Angreifer den Appetit verderben soll. Bereits im 17. Jahrhundert konnte der Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek nachweisen, dass der Bitterstoff ein Produkt der Insekten ist und nicht des Kaktus'.

Die Feindabwehr scheint nicht zu 100 Prozent zu klappen, denn ein Heer von hungrigen Mäulern macht sich über die Läuse her. Dazu gehört auch eine Marienkäferart, die auf den Lauskolonien zu beobachten ist.

Dummerweise ist der von den Läusen produzierte Schutzstoff von roter Farbe, was schon beizeiten die Begierde des Menschen geweckt hat. Rot spielt in vielen Kulturen eine besondere Rolle, zumal dieser Farbton nicht so leicht in der Natur zu gewinnen ist. In Europa versuchte man sein Glück mit der Herstellung von Purpur aus Meeresschnecken, mit einem Rot aus Kermesläusen (Coccus ilicis oder Kermes vermilio), aus der Extraktion polnischer Wurzelläuse (Porphyrophora polonica) und aus der Färberröte (Rubia tinctorum). In Süd- und Mittelamerika erkannte man schon in vorkolumbianischen Zeiten die Bedeutung der Koschenilleläuse für die Gewinnung eines Farbstoffes, der als Karmin bekannt ist. Den eher violett schimmernden und durch die Wachsfäden bemehlten Läusen sieht man von außen den im Fettkörper gespeicherten intensiv roten Farbtstoff nicht an. Erst bei Verletzung der Tiere wird eine rote Flüssigkeit sichtbar - Karminsäure.

Um die zu gewinnen, hat man in der Neuen Welt die Tiere gesammelt, getrocknet und zerrieben. Der rote Farbstoff Karmin eignete sich nicht nur als Körperschmuck, sondern ebenso zum Färben von Alltagsgegenständen, Stoffen und Schriftstücken.

Die Nachfrage war damals schon so groß, dass man die Läuse bereits domestizierte, was zwar eine höhere Ausbeute zu Folge hatte, allerdings waren die Farbstofflieferanten dadurch auch empfindlicher und verlangten jetzt nach besonders jungen Kaktussprossen als Saftspender.

Getrocknete Läuse für Europa

Mit der Entdeckung der Neuen Welt kam die Kunde vom Läuserot schließlich nach Europa. Zur Blütezeit des Läusehandels soll der Farbstoff fast so hoch gehandelt worden sein wie Silber. Wurden zunächst nur getrocknete Läuse nach Europa geschickt, führte man später die Opuntien ein, die heute noch in vielen Gegenden Südeuropas die Landschaft prägen. Die hier nicht heimischen Kakteen dienten allein der Läusezucht.

Aber mit der Entdeckung der synthetischen Farbstoffe verlor das Läuserot schnell wieder seine Bedeutung. In der Mikroskopie wird die Karminessigsäure noch zum Anfärben der Zellkerne genutzt. Als Lebensmittelzusatzstoff E 120 ist Karmin in diversen Produkten zu finden. Die Palette reicht von Kosmetika, verschiedenen Lebensmitteln (Gummibärchen, Wurst) und Medikamenten bis zum Campari.

Aus vielen Produkten ist der aus Tieren gewonnene Naturfarbstoff allerdings längst wieder verschwunden, womit man den Veganern entgegenkommt, die natürlich etwas gegen Läuserot haben. Trotzdem sollen jährlich noch 300 Tonnen getrockneter Läuse umgesetzt werden.

Dem Farbstoff wird auch eine gewisse allergene Wirkung nachgesagt, die sogar zu Atemproblemen führen kann. Atemnot bei einem Kuss muss also nicht unbedingt etwas mit Liebe, Lust und Leidenschaft zu tun haben, sondern kann ganz einfach eine allergische Reaktion auf den Farbstoff Karminrot im Lippenstift sein.

Wer glaubt, beim Kuss einer Veganerin auf der sicheren Seite zu sein, der irrt. Sollte ihr Lippenrot nämlich durch Coschenillerot A, einen künstlichen und mit Karminrot nicht näher verwandten synthetischen Farbstoff (E 124) herrühren, steht die Sache noch viel schlechter, denn dieser Substanz soll nicht nur für Allergien verantwortlich sein, sondern sie steht im Verdacht, Krebs auszulösen.

Darum: Gut aufpassen, wen man am kommenden Donnerstag, dem Valentinstag, küsst. Lippenbekenntnisse haben es durchaus in sich.



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