Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Karl May oder Die Sehnsucht nach dem edlen Wilden

Die Bamberger Schriftstellerin Tanja Kinkel versuchte sich im E.T.A.-Hoffmann-Theater mit einigen Bundesgenossen dem Phänomen Karl May zu nähern - ein fragmentarisches Porträt.
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Verneigten  sich     am Sonntag im E.T.A.-Hoffmann-Theater  vor dem großen Karl May (v. l.): Bernhard Schmid, Paul Maar, Tanja  Kinkel, Nevfel Cumart und Rolf-Bernhard EssigFoto: Barbara Herbst
Verneigten sich am Sonntag im E.T.A.-Hoffmann-Theater vor dem großen Karl May (v. l.): Bernhard Schmid, Paul Maar, Tanja Kinkel, Nevfel Cumart und Rolf-Bernhard EssigFoto: Barbara Herbst

Doch, er war schon eine seltsame Erscheinung, dieser "Karl der Deutsche" (so der "Spiegel" in einer Titelgeschichte 1962), dieser "in sich äußerst widersprüchliche Autor". So charakterisierte Tanja Kinkel Karl May (1842-1912), den mit vermutlich 100 Millionen verkauften Bänden meistverkauften Autor deutscher Sprache - die Übersetzungen nicht mitgerechnet.

Um den sächsischen Fantasten also sollte es gehen am Sonntag im E.T.A.-Hoffmann-Theater, der augenscheinlich immer noch ein recht großes Publikum anzieht.

War May ein Kriegstreiber?

Die Schriftstellerin Kinkel war und ist eine große Liebhaberin Karl Mays. Der ist mehr als ein viel gelesener Autor von Abenteuererzählungen mit den auch durch Verfilmungen populär gewordenen Figuren Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Winnetou und vielen anderen.

Er ist, so man sich als Erwachsener mit dem Jugendschriftsteller beschäftigt, der er auch, aber keineswegs nur war, eines der interessantesten Phänomene nicht nur der deutschen Literatur. Interessant unter literatursoziologischen, -psychologischen und auch -ökonomischen Aspekten.

Deswegen waren die von der Moderatorin eingangs gewählten Zitate zu dem "Volksschriftsteller" klug gewählt: aus einem Steckbrief von 1869, einem Brief, den May 1892 an eine Leserin schrieb und in denen er seine Romane als Tatsachenberichte charakterisierte, einem Verdikt Klaus Manns, der May gar als Proto-Hitler sah, und einem verklärten Bekenntnis Albert Einsteins zur Lektüre nicht nur seiner Jugend.

May ein Kriegstreiber? Das falsifiziert ein unzweifelhaft pazifistisches Bekenntnis in einem Brief des alten May an seinen Freund Sascha Schneider. All diese Facetten schillerten in Gesprächen Kinkels mit ihren Gästen, May-Liebhabern und ausgewiesenen-Experten, sowie in kurzen Lesungen aus dem Werk des Vielschreibers auf.

Zehntausende Druckseiten

Die Schriftstellerin imaginierte sich als Kind den Hauptsmoorwald als Prärie und sah May als Fürsprecher der Indianer. Was nur teilweise stimmt, denn in der Schwarz-Weiß-Zeichnung seiner Charaktere rangierten z.B. die Sioux-Ogellallah stets als die "Bösen", und Winnetou wird, anders als im Film, auch von einem Angehörigen dieses Stamms erschossen.

Eine von mehreren Ungenauigkeiten des Abends - was sich bei der kursorischen Abhandlung eines 70-jährigen Lebens und eines Werks von Zehntausenden Druckseiten auch kaum vermeiden lässt. Nevfel Cumart wies auf die Selbstvermarktungsstrategien des freien Schriftstellers hin, der der Karl-May-Philologie ein weites Feld hinterlassen hat.

Edel erschienen dann jedoch Klekih-petra und Intschu tschuna bei der Begegnung mit dem späteren Old Shatterhand in "Winnetou", erster Band, in einer vorgelesenen Passage mit verteilten Rollen.

Rolf-Bernhard Essig, Mitverfasser eines "Karl-May-Abcs", wies dann zu Recht auf die bitterarmen Verhältnisse, denen May entstammte, als einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis von Person und Werk - immerhin verbrachte der Webersohn siebeneinhalb Jahre in Haft wegen "Köpenickiaden", so Kinkel. Der gelesene Abschnitt aus den "Schluchten des Balkan" führte in den Orientzyklus und stellte mit Hadschi Halef Omar eine der lustigen Nebenfiguren vor und eine, die für den May-Kenner Arno Schmidt seine einzig lebensechte war.

Bernhard Schmid hat es als Chef des Bamberger Karl-May-Verlags nicht leicht. Denn der Boom der 1960er Jahre ist lange vorbei. Die über 100-jährige Geschichte des Unternehmens ist fast so spannend wie eine Geschichte aus dem Wilden Westen.

Ein amüsanter Abend

Schmid scheute sich auch nicht, die umstrittenen Bearbeitungen der Texte Mays durch den Verlag anzusprechen - was in früheren Jahren Quelle stetigen Streits gewesen war.

Paul Maar schließlich hatte nach 70 Jahren wieder einmal einen May gelesen - es war Winnetou, Band III, in der der edle Apache stirbt. Den prominenten Kinderbuchautor hat eher die orientalische Atmosphäre beeinflusst, so in dem von ihm gelesenen Abschnitt aus seinem "Verborgenen Schatz". Jedoch entdeckte er die deduktive Methode Sherlock Holmes' auch in "Winnetou III".

Ein amüsanter Abend insgesamt. Man hätte sich vielleicht noch einen Verweis auf die Kolportageromane Mays gewünscht, auf seinen Erfolg gerade in Deutschland, obwohl "realistischere" Autoren konkurrierten.

Seine vermuteten homoerotischen Anwandlungen samt unglücklicher erster Ehe blieben ebenso unerwähnt wie seine qualvollen, von Gerichtsprozessen geprägten letzten Jahre. Doch das wäre für anderthalb Stunden Literaturfestival in mancher Hinsicht zu starker Tobak gewesen.

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