Bamberg
Umweltverschmutzung

Aus Plastikmüll: Junger Oberfranke baut ein Recycling- Dorf auf Sumatra

Auf der indonesischen Insel Sumatra entsteht ein Recycling-Dorf, das Menschen helfen, Tiere retten und die Umweltverschmutzung aufhalten soll. Oberfranke Sebastian Keilholz (25) treibt das Projekt mit Hilfe von Freunden und Einheimischen maßgeblich voran.
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Sebastian Keilholz (links) packt auf Sumatra kräftig mit an, wenn es darum geht, aus den  Eco-Bricks Baumaterial zu machen. Foto: Stieb/Keilholz
Sebastian Keilholz (links) packt auf Sumatra kräftig mit an, wenn es darum geht, aus den Eco-Bricks Baumaterial zu machen. Foto: Stieb/Keilholz
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Uns prägt, was wir erleben. Was wohl der junge Mann für eine Geschichte hat, der per Fahrrad zum Interview kommt? Seine Klamotten sind bunt, aber er strahlt eine große Ernsthaftigkeit aus. Schnell wird deutlich: Das ist keiner, der auf Dinge wie "mein Haus, mein Auto, mein Pferd" hinarbeitet. Sebastian Keilholz denkt an die Zukunft. Aber nicht zuerst an seine eigene.

Ein schrecklicher Unfall in Neuseeland, bei dem eine Freundin zu Tode kam, änderte alles. "Es kam plötzlich nicht mehr infrage, weiterzumachen wie bisher", sagt der 25-Jährige. "Ich war mir sicher: Ich will nicht zuschauen, wie die Welt den Bach runtergeht." Er wollte etwas tun. Aktiv werden gegen die Ungerechtigkeit auf der Welt. Dass es gleich auf den Bau eines Umweltschutz-Dorfes in Indonesien herauslaufen würde, war zunächst nicht abzusehen.

Sebastian Keilholz hatte sich um ein "normales" Leben bemüht. Nach dem Abitur hatte er Forstwirtschaft studiert, das Studium aber abgebrochen. Dann machte er auch mit der Ausbildung zum Erzieher Schluss. "Mir ging es nicht gut, vor allem seelisch nicht. Ich war nie Mainstream gewesen, schon in der Schule nicht. Oft habe ich mich wie ein Außenseiter gefühlt. Während der Ausbildung zum Erzieher kam das alles hoch." Staatlich anerkannter Kinderpfleger war Keilholz mittlerweile. "Ich hab' damals zu mir selbst gesagt: Leg' nen Stopp ein. Finde erst mal raus, wer du bist und was du willst." Seine Eltern waren nicht begeistert, als er ihnen sagte, er wolle nach Neuseeland. "Aber sie haben mir keine Steine in den Weg gelegt."

Bei einer mehrtägigen Wandertour mit zwei Bekannten durch die neuseeländische Natur geschah das Furchtbare: Beim Überqueren eines Flusses starb die junge Frau, die zu Sebastians Dreier-Team gehörte. "Sie wurde einfach von den Wassermassen fortgerissen.Wir konnten nichts tun."

Wieder daheim in Bamberg versuchte Sebastian das Geschehen aufzuarbeiten. Nach einiger Zeit nahm er, um Geld zum Leben zu verdienen, einen Job als Fundraiser an - Fundraiser sind Menschen, die professionell Spenden für gemeinnützige Zwecke sammeln. Er bekam Kontakt zu der jungen Bamberger Aktivistin Lila Behr, der Gründerin des Vereins "Gaia Protection", die auf Sumatra war und gesehen hatte, wie das dortige Naturparadies vermüllte. "Das hat mich interessiert. Ich habe ja für die Hilfsorganisation ,Plan International' Funraising für Projekte auf Sumatra betrieben."

Als Sebastian die Möglichkeit bekam, ein SOS-Dorf und zwei Hilfsprojekte, unter anderem von "Plan international", zu besuchen, fing er richtig Feuer: "Die Menschen, die dort arbeiteten, um anderen zu helfen, haben mich schwer beeindruckt. Mir wurde die Verantwortung bewusst, die jeder von uns hat. Jeder kann die Welt verändern, damit die kommenden Generationen nicht unter den Folgen unserer Konsumgesellschaft leiden müssen."

Im April 2018 flog der Bamberger nach Sumatra. "Ich war völlig fasziniert von der wundervollen Natur. Aber genauso erschrocken über deren enorme Verschmutzung und darüber, dass überall Urwald abgeholzt wird, um Palmöl-Monokulturen anzulegen", erinnert sich Keilholz. "Nach kurzer Zeit ist der Boden dann ausgelaugt und regeneriert sich nicht mehr, weil ihm der Nährstoffkreislauf fehlt." Die indigenen Völker auf Sumatra haben das Nachsehen, sie verlieren ihren Lebensraum. "Außerdem lag überall Müll herum, an den Ufern, in den Flüssen. Unglaublich viele Plastikflaschen waren darunter."

Der Franke bemühte sich, Einheimische kennen zu lernen - und hatte Glück: Mit Heriyanto Ginting und Suriono Masno begegnete er zwei problembewussten Inselbewohnern. Masno ist Lehrer. Heriyanto, genannt Anto, ist seit Jahrzehnten Trekking-Guide im Leuser-Nationalpark. "Anto träumt davon, auch seinen Enkeln und Urenkeln noch Orang-Utans zeigen zu können. Diese Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht."

Gemeinsam entwickelten die drei Männer den Plan, ein Eco-Hostel zu bauen - ein Hostel aus recyceltem Plastikmüll. Die Bausteine, so genannte Eco-Bricks, sollten aus gesammeltem Müll hergestellt werden. "Eco-Bricks sind Plastikflaschen, in die so viel gereinigter Kunstoffmüll gestopf wird, wie es geht", erklärt Keilholz. "Diese Flaschen - Bricks - werden in die Wände betoniert und stabilisieren sie."

Die Drei beschlossen, mit den Gästeeinnahmen durch das Hostel Regenwald zu kaufen, heimische Mitarbeiter zu bezahlen und Bildungseinrichtungen für die Kinder vor Ort ins Leben zu rufen.

Lehrer Masno und seine Schüler fingen an und sammelten tonnenweise Müll in der Natur. Andere Einheimische machten es ihnen nach. "Für jeden Eco-Brick, der uns gebracht wird, zahlen wir 5000 Rupiah, das sind umgerechnet 29 Cent. Das reicht für eine warme Mahlzeit." Die ersten 20.000 Eco-Bricks finanzierte Sebastian Keilholz aus eigener Tasche. "Was ich in Deutschand in zwei Wochen verdiene, reicht mir auf Sumatra zwei Monate zum Leben. Da kann ich auch noch etwas abgeben."

Das Hostel-Projekt lief gut an. Dann lernte Sebastian im August 2018 Marc Helwing und Erich Stieb kennen, zwei junge Männer aus Deutschland, ebenfalls Fundraiser. Auch ihnen schwebte ein Hilfsprojekt vor. "Als wir erkannten, dass wir dieselben Ziele haben - Umweltschutz vorantreiben, Artenvielfalt erhalten, Einheimischen Hilfe zur Selbsthilfe gewähren - , beschlossen wir, unsere Kräfte zu bündeln." So entstand "Project Wings", ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt.

Statt eines Eco-Hostels ging es ab sofort darum, ein ganzes Recycling-Dorf mit Übernachtungsmöglichkeiten, Gaststätte, Sport- und Bildungseinrichtungen zu bauen. Die Idee zog Kreise. Es fanden sich heimische Kooperationspartner wie "Care Sumatra", das die Flora und Fauna erhalten und schützen will, unter anderem die Orang-Utans.

Als Erstes bauten die Europäer zusammen mit den Einheimischen aus Eco-Bricks das so genannte Education-Center, ein Schul- und Kindergartengebäude in Bukit Lawang, einem Ort, der auch Touristen anlockt. Lehrer Masno managt das Bildungszentrum. "Dafür ist der Bürgermeister von Bukit Lawang sehr dankbar. Das sorgt wiederum dafür, dass wir Zulauf und Hilfe bekommen." Und zumindest schon so viele Spenden, dass "Project Wings" mit dem Kooperationspartner "Care Sumatra", einer anerkannten Hilfsorganisation, eine vier Hektar große, verlassene Palmölplantage reservieren konnte, ganz in der Nähe von Bukit Lawang.

Hier soll das Recycling-Dorf entstehen, Finanzierungsaktionen dafür laufen. Etwa eine Million Euro werden insgesamt gebraucht. Viele Einheimische fertigen bereits Eco-Bricks aus gesammeltem Müll für das Dorf an. Der Verdienst daraus hilft ihnen im Kampf gegen die Armut. "Die nächsten Ziele nach dem Flächenkauf sind: Bau einer Bäckerei, eines Sportplatzes, zweier Werkstätten zum Plastikrecycling und zur Produktion von alternativen Verpackungen aus Mais, Hanf und Algen." Auch ein veganen Restaurant soll errichtet werden, und zwar mit angeschlossenem Garten zur Selbstversorgung, in dem Obst und Gemüse wachsen - von Ananas über Kokos, Mangos und Wassermelonen bis hin zur Durianfrucht.

"Bis 2021 soll unser Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt selbstständig laufen." Bis zu 500.000 Eco-Bricks werden dann verbaut sein, schätzt der Bamberger. Die Umwelt werde zusehends sauberer und es sei "superschön zu sehen, wie es voran geht."

Und wenn es zu Ende ist? "Wenn das Projekt sich selbst trägt, wenn die Einheimischen davon leben können und ein Stück ihrer Umwelt bewahren, dann ziehen wir weiter", sagt Sebastian Keilholz. Wohin, das ist noch offen. "Projekte wie Bukit Lawang sind meine Zukunft, da bin ich sicher. Ich finde es wunderschön, wie viele Probleme man damit gleichzeitig löst. Als Minimalist brauche ich nicht viel zum Leben, sondern möchte mich an dem, was ich habe, zusammen mit Gleichgesinnten freuen."

Nie zuvor habe er das Gefühl gehabt, etwas so Sinnvolles und Erfüllendes zu tun. "Jeder, der sich selbst ein Bild machen möchte, ist herzlich eingeladen zu kommen." Wie Sebastian Keilholz auch, müssen Interessierte ihre Flüge natürlich selbst zahlen.

Bis Ende August verdient der 25-Jährige aktuell wieder als Fundraiser in Deutschland Geld. Im September wird er nach Sumatra zurückkehren. "Im Oktober kommen etliche Freiwillige, Volunteers genannt - 19 haben sich schon angemeldet, vom Backpacker bis zum Anwalt, der eine Auszeit braucht. Sie alle wollen beim Bau des Recycling-Dorfes helfen."

Sebastian Keilholz ist sicher, dass sie das bedrohte Naturparadies Sumatra lieben lernen werden. "Allein die Lebensfreude der Menschen hier haut einen um und gibt einem ein Gefühl von Wärme und Freude, das mehr wert ist als jeder Reichtum dieser Welt."

Infos

Sebastian Keilholz, 1993 in Bayreuth geboren, ist 2005 nach Bamberg gezogen, wo er Oberministrant am Bamberger Dom wurde und am Theresianum Abitur machte. Nach der Schule absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein. Sein Forstwirtschaftsstudium brach er ab, machte eine Ausbildung zum Kinderpfleger. Heute arbeitet er die Hälfte des Jahres als Fundraiser (unter anderem für Hilfsorganisationen wie Unicef oder die SOS-Kinderdörfer), die andere Hälfte des Jahres lebt er auf Sumatra, wo er mit Hilfe von Freunden und Einheimischen sein Hilfsprojekt "Project Wings" vorantreibt. Kontakt: sebastian-keilholz@gmx.de Project Wings: Mittlerweile gehören vier Köpfe zur gemeinnützigen GmbH: Neben Sebastian Keilholz (Bamberg) und den beiden Geschäftsführern Erich Stieb (Butzbach bei Gießen) und Marc Helwing (Koblenz) sorgt Leonie Deimann (Koblenz) für Frauen-Power in der Runde. Zusammen mit Unterstützern weltweit startet "Project Wings" im September den Bau des Recycling-Dorfes.

Alle Infos: www.project-wings.de; Spendenkonto:

IBAN DE06570501200000282152

BIC MALADE51KOB

 

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