Bamberg
Inklusion

Jugendliche zur Gleichstellung Behinderter im Gespräch

Um die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung dreht sich der Europäische Protesttag am 5. Mai. Wir befragten drei junge Leute, welche ganz persönlichen Anliegen und Hoffnungen sie mit den bundesweiten Aktionen verbinden.
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Wie gerne würde Nadine H. mit ihrem Freund zusammenziehen. Wird sie diesen Traum aufgeben müssen? Fotos: OBA
Wie gerne würde Nadine H. mit ihrem Freund zusammenziehen. Wird sie diesen Traum aufgeben müssen? Fotos: OBA
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"Ich bin entscheidend", ist das Motto des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Ein pointierter Slogan. Wie viele Kinder, die außerhalb von Regelschulen unterrichtet werden, und wie viele Erwachsene, die in eigens eingerichteten Werkstätten arbeiten, behaupten sich selbst aber im Sinne besagter Erklärung? Hat sich die Realität vier Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention so verändert, dass jene Menschen heute ihr Recht auf Selbstbestimmung und eine umfassende Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens einfordern können und einzufordern verstehen?


Keine gemeinsame Wohnung


Nadine H., Markus D. und Kathrin R. kämpfen in ihrem Alltag mit unterschiedlichsten Problemen: Sie haben Sehnsüchte und Bedürfnisse, die selbstverständlich, bislang aber kaum zu erfüllen sind.
Beginnen wir bei Nadine, die in einer Werkstatt der Lebenshilfe arbeitet. "Ich bin 23, wohne aber noch bei den Eltern, obwohl ich gerne mit meinem Freund zusammenziehen möchte", berichtet die Fränkin. Nur leidet Nadine an Epilepsie und neigt gerade nachts zu Krampfanfällen. Als Betreuer lehnen die Eltern aus verständlicher Sorge somit den Auszug ihrer Tochter ab, die sich ein eigenverantwortliches Leben ersehnt - wie die meisten in ihrem Alter. Bleibt das Recht auf Selbstbestimmung, wie es der "Nationale Aktionsplan der Bundesregierung" zur UN-Behindertenrechtskonvention unterstreicht, für die 23-Jährige somit eine Wunschvorstellung, die angesichts ihres Krankheitsbildes Makulatur ist?

"Nadine hat ebenso wie Erwachsene mit geistiger Behinderung den Anspruch auf ein eigenes Zuhause", meint Michael Hemm als Leiter der Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe Bamberg. Im gleichen Alter wie andere jungen Leute sollte auch sie ihr Elternhaus verlassen können, um sich mit entsprechender Privatsphäre eigenständig zu entwickeln. Je mehr Wohnalternativen es gäbe, umso mehr Männer und Frauen könnten den Schritt in Richtung Eigenverantwortung und Selbstbestimmung gehen. "In Bamberg beispielsweise fehlen kleinere Wohneinheiten wie WGs, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung anbieten", so Hemm.

Auf diese Weise lebt Nadine weiter bei ihren Eltern. Nicht anders als Markus D., der sich allerdings keineswegs nach einem Auszug sehnt. Der politisch interessierte junge Mann fühlt sich auf andere Weise benachteiligt, ja zurückgesetzt: "Warum darf ich nicht wählen wie alle anderen über 18?", fragt der 24-Jährige, der in der Schreinerei der Lebenshilfe-Werkstatt arbeitet. "Legt man auf meine Meinung etwa keinen Wert?"


Welcher Volljährige wird überprüft?


Nicht "unterlaufen werden" darf das Wahlrecht behinderter Menschen laut Artikel 29 der UN-Behindertenrechtskonvention: "Die Vertragsstaaten sind verpflichtet, sicherzustellen, dass die Wahlverfahren, -einrichtungen und -materialien geeignet, barrierefrei, leicht zu verstehen und zu handhaben sind . . ." , heißt es dazu beispielsweise auch. Dementsprechend kritisiert die Bundesvereinigung Lebenshilfe den noch immer rechtlich verankerten Wahlrechtsausschluss von Menschen mit Behinderungen, für die ein Betreuer "zur Besorgung aller Angelegenheiten" bestellt ist, was auf Markus D. zutrifft. Das Deutsche Institut für Menschenrechte hinterfragt in dem Zusammenhang, "warum bei behinderten Menschen, die unter Vollbetreuung stehen, auf eine (pauschal unterstellte) fehlende Einsichtsfähigkeit in das Wesen und die Bedeutung von Wahlen verwiesen wird, obwohl eine solche Einsichtsfähigkeit bei keinem anderen Volljährigen jemals geprüft wird". Ähnlich verhalte es sich mit dem Argument, einem Missbrauch durch Dritte vorbeugen zu müssen.

Einen Betreuer hat auch Kathrin R., die bei ihrer Schwester wohnt und als Servicekraft im Café Oase arbeitet. Sie wünscht sich, mehr Menschen außerhalb der Lebenswelt der Lebenshilfe kennen zu lernen, nachdem ihr Freundeskreis ausschließlich aus Arbeitskollegen besteht. "Ich würde gerne tanzen gehen, um neue Leute zu treffen oder mal einen Volkshochschulkurs besuchen", sagt die 29-Jährige. Nur lebt sie in einer Landkreisgemeinde und muss wegen fehlender Busverbindungen bei Abendveranstaltungen passen. "Natürlich gibt es eine Vielzahl von Freizeitangeboten für Menschen mit Behinderung", räumt Michael Hemm ein. Sie seien aber "eher ex- als inklusiv, also Sonderangebote" für exakt diese Männer und Frauen. Eine Aus- und Umgestaltung regulärer kultureller, sportlicher oder anderweitiger Offerten im Sinne der Integration erhofft sich der Leiter der OBA für Menschen wie Kathrin. "Auch das Ende einer Ausgrenzung im Vereinsleben gehört zu den Herausforderungen, die es anzugehen gilt."

Kein gleiches Recht für alle

Gelten Prinzipien wie die Forderung nach einer "selbstbestimmten und gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung am kulturellen und politischen Leben, an der Arbeitswelt und in der Freizeit" nur für einen Teil der Betroffenen? Gaben Politiker doppelzüngige Versprechen, die sie mit Blick auf eine skeptische Mehrheit oder finanzielle Zwänge nie umzusetzen gedenken? Fragen, die sich aufdrängen, egal wie man zu der Problematik steht.

"Ich denke, man traut Menschen mit Behinderung zu wenig zu und übergeht sie statt die Männer und Frauen entsprechend zu fordern", sagt Michael Hemm abschließend. "Wie sollen Menschen lernen, Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, wenn man ihnen schon bei der Getränke- oder Essenswahl jede Entscheidung abnimmt?"


Aktionen in Bamberg schon am 3. Mai

Die Offene Behindertenarbeit der Lebenshilfe Bamberg lädt im Vorfeld des Europäischen Protesttags (5. Mai) am Freitag, 3. Mai, von 11 bis 18 Uhr auf den Maxplatz zu diversen Aktionen ein. Die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern, ist ein Anliegen. Diskussionen zum Thema "Selbstbestimmt leben" wollen die Veranstalter anregen. Bei einem Rollstuhlparcours sollen Besucher erfahren, welchen schwierigen Situationen Menschen alltäglich ausgesetzt sind. Darüber hinaus wird am 3. Mai an Inhaber von Bamberger Geschäften und Gaststätten ein kurzer Leitfaden mit praktischen Tipps für einen achtsamen Service im Umgang mit Menschen mit Behinderung verteilt.

Adressen rund ums Thema

Mehr über den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierungzur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention findet man im Netz ebenso wie weitere Infos zur Lebenshilfe Bamberg.
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