Bamberg
Sicherheit

Jeden Tag stirbt ein Radler im Verkehr - Das könnte sie schützen

Die Zahl der Verkehrstoten sinkt, die der toten Radler aber nimmt zu. Bis Mai verloren bereits 158 Radfahrer ihr Leben. Helme, Ausbau von Radwegen und E-Bike-Training für Senioren: Ideen für die Sicherheit von Radlern gibt es viele. Aber was hilft wirklich?
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Lässt sich Radfahren sicher gestalten? Und wenn ja, wie? Wir haben Experten um Rat gefragt. Foto: Adobe Stock
Lässt sich Radfahren sicher gestalten? Und wenn ja, wie? Wir haben Experten um Rat gefragt. Foto: Adobe Stock

Auf Deutschlands Straßen leben Fahrradfahrer gefährlich. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts kamen von Januar bis Mai dieses Jahres 158 Radfahrer ums Leben. Das waren 16 Tote mehr als im Vorjahreszeitraum.

Wir haben uns fünf Lösungsvorschläge näher angesehen:

1. Rettet eine Helmpflicht Leben?

Nur 18 Prozent der Deutschen tragen einen Schutzhelm.

Klar ist: E in Helm kann bei Unfällen vor schweren Verletzungen schützen. Deshalb rät der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club Bayern (ADFC) allen Radlern, einen Helm zu tragen. Gegen die Einführung einer Helmpflicht aber verwahrt sich Vorsitzende Bernadette Felsch. Die Erfahrung aus Ländern wie beispielsweise Australien zeige, dass dann weniger Menschen aufs Rad steigen. Zum anderen will der ADFC den Eindruck vermeiden, "Radfahren erfordere eine umfassende Schutzausrüstung".

Anders sieht die Sache Rainer Nachtigall, Leiter der Polizeigewerkschaft Bayern: "Eine Helmpflicht würde helfen." Eine mögliche Umsetzung stellt aber auch ihn vor Rätsel:"Wer soll die Einhaltung denn überwachen?"

2. Sind zu viele Radler Rowdys?

Bei vier von zehn Unfällen sind Radler die Hauptverursacher.

Radfahrer haben vieles selbst in der Hand. Das sagt Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer. Vier von zehn Unfälle, bei denen Radler beteiligt sind, haben diese selbst verursacht. Vor allem durch überhöhte Geschwindigkeit und das Fahren auf der falschen Seite. "Die Straßenverkehrsordnung gilt für jeden, Radfahrer übersehen das manchmal", so Brockmann. Dabei sei regelkonformes und vorausschauendes Fahren für die wenig geschützten Radler besonders wichtig.

Individuelles Fehlverhalten bei Radlern bestreitet auch Christian Hader vom ADFC Bamberg nicht: "Eine wirksame Maßnahme dagegen wären Polizeifahrradstaffeln, wie sie in anderen Bundesländern längst üblich sind."

3. Sollten Senioren in die Fahrschule?

Ein Großteil der Radtoten sind 55 Jahre und älter.

Wenn Ältere in Unfälle verwickelt sind, waren sie laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts meist auf einem E-Bike unterwegs. Ein Grund dafür sieht Bernadette Felsch (ADFC Bayern) darin, das viele Senioren zuvor lange nicht mehr Rad gefahren sind. Ihnen fehle die Übung, zudem sinke im Alter das Reaktionsvermögen. Deshalb bildet der ADFC im Herbst erste Kursleiter für Fahrsicherheitstrainings aus, die besonders Senioren im Blick haben.

Schon jetzt bietet die Landesverkehrswacht Bayern diese Schulungen an. An die Eigenverantwortung appelliert ADAC-Experte Wolfgang Liebert: "Einen Fahrradführerschein für Senioren halte ich für nicht nötig. Freiwillige Trainings sind besser."

4. Mehr Technik für mehr Sicherheit?

Zehn Millionen Euro zahlt der Bund heuer für Nachrüstung.

Bei Lkws hält der ADFC Abbiegeassistenzsysteme, die den toten Winkel überwachen und notfalls eine Notbremsung einleiten, für unerlässlich. Ab 2020 ist der Einbau von Abbiegeassistenten in Neufahrzeuge verpflichtend. "Diese Entscheidung tragen wir mit", sagt Wolfgang Liebert vom ADAC Nordbayern. "Wir sind bei Lkws auf einem guten Weg", bestätigt Julia Fohmann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat.

Technische Aufrüstungen in Pkws hält Liebert für nicht nötig: Er appelliert an die Eigenverantwortung der Autofahrer: "Der Schulterblick beim Abbiegen ist Pflicht." Im Fokus hat der ADFC Bayern darüber hinaus das "Dooring": Damit gemeint ist das Öffnen von Autotüren, ohne auf den Verkehr zu achten. In den Niederlanden lehren Fahrschulen, die Fahrertür nur mit der rechten Hand zu öffnen: So dreht sich der Fahrer und blickt automatisch nach hinten. Dies wünscht sich der ADFC auch von deutschen Fahrschulen.

5. Müssen Autofahrer zurückstecken?

75 Millionen Räder besaßen die Deutschen im Jahr 2018.

Breite und hochwertige Radwege sowie die sichere Gestaltung von Kreuzungen sind nach Überzeugung des ADFC Bayern der entscheidende Schlüssel, um die Zahl verunglückender Radfahrer schnell und wirksam zu senken. Dieser Zusammenhang offenbart sich Bernadette Felsch vor allem in fahrradfreundlichen Städten wie Kopenhagen.

"Wichtigstes Kriterium ist, dass Radfahrer durchgängig ausreichend eigenen Platz zum Radeln haben", sagt sie. Wer Rad- und Fußverkehr dagegen gemeinsam auf einen zu engen Bürgersteig zwänge und dort auch noch unrechtmäßiges Parken dulde, beschwöre Konflikte geradezu herauf.

Das Radfahren wird nur sicherer, wenn Autofahrer im Gegenzug zurückstecken müssen. Davon ist Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer überzeugt: "Fahrradstraßen, in denen Lieferverkehr unterwegs ist und geparkt wird, bringen nichts." Von Raumkonflikten zwischen Rad- und Autofahrern spricht auch der ADAC Nordbayern. Sie zu lösen sei Aufgabe der Kommunen: "Autofahrern einseitig Platz zu nehmen, kann aber keine Lösung sein."

Rainer Nachtigall von der Polizeigewerkschaft warnt, sich beim Ausbau des Radwegenetzes nur auf das Stadtinnere zu konzentrieren. "Radwege müssen auch außerorts sicher sein."

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