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Bamberg
Fasching

"Jede Jeck is von woanders"

Der Bamberger Guido Sterzl hat in Köln eine der größten alternativen Karnevalssitzungen mitbegründet.
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Guido Sterzl (rechts) in einem Beitrag für die von ihm initiierten "Immisitzungen"Jassin Eghbal
Guido Sterzl (rechts) in einem Beitrag für die von ihm initiierten "Immisitzungen"Jassin Eghbal

Mit klassischem Karneval konnte Guido Sterzl noch nie viel anfangen. "Der Sitzungskarneval und Büttnerreden, das geht gar nicht", findet er. Als der Opernsänger vor elf Jahren mit befreundeten Künstlern aus aller Welt in einer Kneipe der Kölner Südstadt darüber sprach, stellte er fest, dass viele seine Ansicht teilten - und auch die Ambition, das besser zu machen.

Die 15 professionellen Musiker, Schauspieler, Tänzer und Sänger stellten spontan ein multikulturelles Bühnenprogramm zusammen und führten den "Immigranten-Stadl" im Hinterzimmer einer Kneipe mit Platz für etwa 30 Freunde und Bekannte auf. Als am nächsten Tag über 100 Leute vor der Tür standen, wussten die Künstler: Sie hatten einen Nerv getroffen. Aus Platzgründen mussten sie bald umziehen und benannten sich in "Immisitzung" um. Selbst gesetztes Ziel ist die Integration von Migranten in den Kölner Karneval und die Darstellung ihres Blickwinkels auf die Stadt.

In diesem Jahr spielte das internationale Ensemble von Januar bis zum heutigen Aschermittwoch an 25 ausverkauften Terminen mit insgesamt über 10 000 Gästen. Damit sind sie nach der "Stunksitzung" die zweitgrößte alternative Karnevalssitzung in Köln. "Das Ganze ist eigentlich aus einer Schnapsidee entstanden und hat sich inzwischen zu einem Unternehmen mit zeitweise 60 Angestellten entwickelt", erzählt Guido Sterzl.

Aus Syrien und Oberfranken

Der Name der Sitzung spielt nicht nur auf "Immigranten" an, sondern auch auf die kölsche Bezeichnung "Imi" für Menschen, die nicht in Köln geboren wurden und Kölner scheinbar nur imitieren. Passend zum Motto der Immisitzung "Jede Jeck is von woanders" besteht das ganze Team aus Imis, unter anderem aus Frankreich, Syrien, Irak - oder Oberfranken.

Guido Sterzl ist in Bamberg aufgewachsen, besuchte das E.T.A. Hoffmann-Gymnasium und lernte hier Geige und Bratsche. Rolf Beck, der damalige Intendant der Bamberger Symphoniker, holte ihn in seinen Chor. Damals entschied Sterzl sich, auch beruflich als Chorsänger zu arbeiten und studierte Musik in Köln, unter anderem bei dem Opernsänger Kurt Moll. Nach dem Studium reiste er durch die Welt: "Ich war 15 Jahre mit dem Koffer unterwegs und habe überall als Sänger gearbeitet, im Sydney Opera House, in Buenos Aires, in Hamburg beim Bayerischen Rundfunk." Seit 2006 ist er als Bass im Chor der Oper Köln festangestellt.

Neben seiner regulären Arbeit ist der 48-Jährige das ganze Jahr über mit der Organisation und Vorbereitung der nächsten Immisitzung beschäftigt. Schon jetzt werden Ticketreservierungen für 2021 angenommen und erste Sketchideen notiert. Im August verbringt das Ensemble dann mehrere Tage zur Ideensammlung und Schreibwerkstatt in einem Naturfreundehaus. "Jeder bringt Ideen ein und dann schreiben wir gemeinsam. Alles wird später noch dramaturgisch aufeinander abgestimmt und am Ende steht ein 3,5-stündiges Programm mit Sketchen, Livemusik, Akrobatik und Tanz."

Politische Themen auf der Bühne

Thematisch wird aufgegriffen, was im Jahr gesellschaftlich und politisch los war. In diesem Jahr sind Rassismus, Angst vor Überfremdung und der Umgang mit der AfD zentrale Themen. Im Programm war bereits seit Januar ein Lied über eine Shisha-Bar - durch den rechtsextremen Anschlag in Hanau wurde es tagesaktuell, der Text ergänzt und in der Sitzung am darauffolgenden Tag vorgestellt.

Ensemblemitglied zu sein ist zeitintensiv, deshalb steht Guido Sterzl nicht immer selbst auf der Bühne. "In manchen Jahre übernehme ich die Abendspielleitung. Dann bin ich Ansprechpartner für alles und sorge dafür, dass die Show minutiös über die Bühne geht."

Gerne in der alten Heimat

Wenn es nach der Karnevalssaison wieder ruhiger wird, besucht er gern seine Heimat. "Sobald ich Zeit habe, fahre ich mit meinem besten Freund nach Bamberg. Ich bin verliebt in diese Stadt. In der Schwemme vom Schlenkerla könnte ich tagelang sitzen und den Leuten zuhören."

Aber auch in Köln will er nicht auf fränkische Wurst und Biersorten verzichten. Gemeinsam mit anderen Exilfranken hat er zur Beschaffung schon diverse Vertriebswege organisiert. Ein kleiner, aber feiner Stammtisch ist bereits in Planung. Vielleicht wird dann das fränkische Seidla ins Kölner Stadtbild integriert.

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