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Bamberg
Interview

Jazzclub: Bambergs Untergrund-Bewegung wird 40

40 Jahre Jazzclub: Dieses Jubiläum feiert Bamberg in diesem Jahr. Zu den Mitstreitern, die an der Regnitz Musikgeschichte schrieben, gehört Georg Fößel, der sich an die Anfänge zurückerinnert. Von Topstars, aber auch Pannen, die dem Publikum entgingen, berichtet der Programmgestalter.
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Ein Bild aus den Pionierzeiten des Jazzkellers, das um 1976 entstand. Foto: Jazzclub
Ein Bild aus den Pionierzeiten des Jazzkellers, das um 1976 entstand. Foto: Jazzclub
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"Freunde des Jazz, bitte melden!" Mit dieser Kleinanzeige, die ein Genre-Fan 1974 im FT aufgab, begann das Revival. Einige Monate später wurde der Jazzclub gegründet, der heuer sein 40-jähriges Bestehen feiert. Und das erste Konzert mit der Prager Band Celula um den Trompeter Laco Déczi schrieb Bamberger Musikgeschichte. Als Wegbegleiter, der vor drei Jahrzehnten zum Programmgestalter des Jazzclubs wurde, erinnert sich Georg Fößel an Bühnen-Highlights, aber auch Backstage-Episoden, die dem Publikum gänzlich entgingen.

Fünf Jazzfans um Randolf John initiierten die Gründung des Clubs, der bis heute diverse Preise einheimste. Was zog Sie in einer Zeit, in der Rock und Disco den Ton angaben, in die Jazzszene?
Georg Fößel:
Ich kannte mit Anfang 20 einige Leute aus dem Jazzclub, darunter der damalige Vorsitzende Randolf John.
So kam ich in den Jazzkeller, dessen Atmosphäre mich gleich faszinierte. Mit Rock hatte ich nichts am Hut - Jazz, Blues und Soul waren meine Musik. Und Randolf gelang es damals schon, international bekannte Künstler wie eben Laco Déczi anzuziehen. Aus der Tschechoslowakei durften Musiker zu dieser Zeit nur ausreisen, wenn sie mindestens drei aufein- anderfolgende Konzerte vorweisen konnten. Auch Uli Gumpert und "Baby" Sommer - ein europäischer Free-Jazz-Musiker der ersten Generation - spielten im Jazzkeller. Sie hatten als Künstler in der DDR eine gewisse Reisefreiheit.


Party bis in die Morgenstunden


Stimmte die Chemie zwischen den Bambergern und Musikern, die der Club hinterm "Eisernen Vorhang" rekrutierte?
Im Jazzkeller herrschte von Anfang an diese familiäre Atmosphäre, die das Publikum, die Organisatoren und eben auch die Musiker verband. Ich erinnere mich, wie oft wir nach Konzerten feuchtfröhlich bis in die Morgenstunden feierten. Bands spielten dann um 2 oder 3 Uhr nochmal nach Lust und Laune. Wir waren sicher auch der Club mit der dicksten Luft, weil so viel gequalmt wurde. Diese Luft konntest du schneiden, was einigen Mitgliedern so stank, dass sie austraten.


Ein progressives Publikum

Welches Publikum zog der Club in den Anfangsjahren an? Wie veränderte es sich seither?
Während der Gründungseuphorie zogen wir ein eher progressives Publikum an. Bamberg war damals kohlrabenschwarz, katholisch-konservativ geprägt, spießig - und der Jazzkeller die einzige alternative Bühne. Vom Free und Modern Jazz hat sich das Programm seither in die Breite entwickelt, um möglichst viele Stilrichtungen innerhalb der Sparte zu bedienen. Weil eben auch das Publikum vielschichtiger als in der Anfangszeit ist. Mit Monokulturen überleben Kulturschaffende nicht.

Kam mit dem Club nicht auch das Publikum in die Jahre?
Natürlich, auf gewisse Weise. Dank des Zustroms von Studenten ziehen wir seit einiger Zeit aber auch wieder verstärkt junge Leute an. Die Sessions zahlen sich aus, die Harald Hauck ins Leben rief. Und unsere Schnupperkarte für Schüler und Studenten.

Für tot erklärt hatte man die Stilrichtung schon, als der Aufruf "Freunde des Jazz, bitte melden!" 1974 im FT erschien. Wie viele Mitglieder zählt der Club heute?
Mit rund 450 Mitgliedern ist der Jazzclub einer der stärksten in der Republik und in Oberfranken der einzige Club mit eigenem Lokal. Auch darum ist unser Programm so breitgefächert, das wir aus den Beiträgen der Mitglieder, Zuschüssen der Stadt und Konzerterlösen gestalten. Tja, und ab und zu bleibt ein Sponsor hängen, was weitere Unterstützung bedeutet.


Auf und nieder, immer wieder


Plagten die Verantwortlichen je Existenzängste?
Von Existenzängsten würde ich nicht sprechen. Aber es gibt diese Zyklen alle sieben, acht Jahre, in denen der Publikumszuspruch deutlich nachlässt und sich dann wieder erholt. Wir rätselten schon oft, was solche Krisen ausmacht und warum sich die Situation dann wieder bessert. Mit dem Programm hinkt man derartigen Entwicklungen hinterher. Schließlich bemühen wir uns immer darum, ein neues Publikum zu finden ohne Stammgäste dabei zu verprellen.

Was sehen Sie als größte Erfolge des Clubs in 40 Jahren an? Was waren die bewegendsten Momente?
Konzerte von Stars, die für uns eigentlich eine Nummer zu groß sind: Ich denke da an Barbara Dennerlein, Klaus Doldinger, Charly Antolini, an Jimmy Cobb und Billy Cobham. Kennt man Musiker persönlich, findet sich immer eine Möglichkeit, um auch derartige Größen beispielsweise im Rahmen einer Tour an spielfreien Tagen für einen Auftritt zu gewinnen. Zumal ihnen der Jazzclub diese besondere Nähe zum Publikum bietet. Ein bewegender Moment war für mich auch ein Konzert von Klaus Kreuzeder, der in seinem Rollstuhl saß und spielte, dass man Gänsehaut bekam.


Zu betrunken, um zu singen?


Was waren die originellsten Pannen, die Sie miterlebten?
Inge Brandenburg gastierte als eine der größten Jazzsängerinnen bei uns, nachdem sie dem Alkohol deutlich zugesprochen hatte. Sie schwankte auf der Bühne derart, bis das Konzert kurz vor dem Abbruch stand. Eine deutliche Ermahnung des Pianisten half glücklicherweise. - An einem anderen Abend kippte ein erkrankter Musiker, der dennoch spielen wollte, vom Schlagzeughocker. Und dann gab es die Veranstaltung mit der Frankfurt City Blues Band, die Bamberg mit Bayreuth verwechselte und zum falschen Auftrittsort fuhr. - Peinlich waren auch Zurufe aus dem Publikum Anfang der 80er, als Bill Ramsey Bamberg besuchte: Statt Jazz wollten Fans partout Schlager wie die "Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe" hören.

Die Städtepartnerschaft zwischen Bamberg und Prag brachte der Jazzclub in den vergangenen Jahren auch dank Ihres Engagements zum Klingen.
Ja, ich weiß noch, wie ich in den 80er Jahren im Nachtzug nach Prag fuhr - damals eine abenteuerliche Reise. Ich besuchte Clubs, um Kontakte mit Musikern zu knüpfen, darunter Milan Svoboda und Emil Viklický. Daran lag mir, nachdem ich die Organisation des Programms 1983 von Randolf John als treibender Kraft übernommen hatte. Bis ich mich Jahre später für eine Zeit lang zurückzog, als man aus dem Jazz- einen elitären Schickimicki-Club für Krawattenträger machen wollte. Aber das ist mittlerweile ebenfalls Geschichte.

Welche Vision haben Sie fürs nächste Jahrzehnt?
Ich möchte die Aufs und Abs der vergangenen Jahre vermeiden. So werden wir auf Auftritte von Nachwuchsmusikern einerseits und internationalen Stars wie Larry Coryell (April) andererseits setzen, mit denen man ein großes Publikum anzieht. Im Herbst kommt auch Pascal von Wroblewsky, die mich schon begeisterte, als ich sie als bekannteste Jazzsängerin der DDR vor Jahrzehnten im Radio hörte. Die Berlinerin interpretiert derzeit Rockklassiker. Ja, nicht nur Puristen anzuziehen, sondern möglichst viele Musikfans ist unser Ziel - beispielsweise auch über Afro-Jazz. Ein wichtiges Standbein bleiben dabei selbstverständlich die Auftritte von Bamberger Bands wie das Tex Döring Trio, Schweinsohr Selection, die United Beat Band und viele andere.

Das Interview führte Petra Mayer



Mehr über die Geschichte und kommende Konzerte

Weitere Infos zur Geschichte des Jazzclubs und zu Konzerten, die in den kommenden Wochen zu erwarten sind, findet man im Netz auf der Homepage des Jazzkellers. Beispielsweise gibt's zum Jubiläum am 1. Februar Tango Extremo, am 15. Februar das Don Menza Organ Trio, am 22. Februar die Soul Jazz Alliance mit Vincent Herring, Jeremy Pelt und Joris Dudli, am 7. März Biboul Darouiche, am 15. März das Cecil Verny Quartett, am 22. März das European Jazz Trio und als Highlight am 25. April das Konzert mit Larry Coryell.







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