Bamberg
Villa Concordia

Ist meine Waffe das Schreiben?

Die neuen Stipendiaten im Künstlerhaus stellen sich vor. In den nächsten Monaten werden sie sich und ihre Werke in der Stadt präsentieren.
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Baltakas Vykintas (von links) und Birke Bertelsmeier bei der Vorstellungsrunde mit Nora Gomringer, der Leiterin der Villa Concordia  Foto: Andreas Thamm
Baltakas Vykintas (von links) und Birke Bertelsmeier bei der Vorstellungsrunde mit Nora Gomringer, der Leiterin der Villa Concordia Foto: Andreas Thamm
Als Adomas Danusevicius erstmals an der Regnitz spazieren ging, fielen ihm die außergewöhnlichen Gräser auf. Und er muss wohl ein wenig verzaubert oder zumindest inspiriert gewesen sein. Sofort eilte er zur Direktorin des Künstlerhauses, in dem er gerade lebt. Um Nora Gomringer zu fragen, was sie über Bamberger Fabelwesen weiß.
Danusevicius ist Maler und Stipendiat der Villa Concordia. Elf Monate lang wird er hier wohnen. In dieser Zeit will er sich unter anderem auf die Suche nach Wasserwesen machen. Ein "magical camp" soll entstehen, so nennt er das, wobei das Konzept wiederum ironisch gebrochen sein wird. Man darf gespannt sein.
Auch die Direktorin weiß noch nicht so genau, was sie sich unter einem ironischen "magical camp" vorzustellen hat. Am Dienstagabend stellt sie den neuen Jahrgang an Künstlern vor, die in der Villa eingezogen sind, Deutsche und Litauer. 15 insgesamt, 11 sind heute hier.
Litauen ist also das Gastland, das die Stadt in den kommenden Monaten kulturell bereichern wird. Litauen, der südlichste der baltischen Staaten. Litauen, das Land von - und da fallen einem als Bamberger aus dem Stegreif tatsächlich nur Basketballspieler ein. Kein Wunder, schließlich sei der Basketball, so Marius Ivaskevicius, eine von zwei Religionen seiner Heimat.
Die zweite ist das Theater. Und weil er selbst nicht groß genug sei, scherzt er, sei er halt Dramatiker und Drehbuchautor geworden. Seit etwa vier Jahren versteht Ivaskevicius, geboren 1973, sich als politischer Autor. Es gab einen Schlüsselmoment: Er saß in einem Hotelzimmer und sah im Fernsehen, dass Krieg in der Ukraine herrscht. "Ich habe mich gefragt, wie kann ich da einen Film über die Liebe machen?" Und: "Könnte ich töten? Ist meine Waffe das Schreiben?" Ein Krieg, das habe er gelernt, dauert in der heutigen Zeit etwa vier Jahre. Bamberg soll seine demilitarisierte Zone werden.


Ein Kirchenfenster als Ziel

Für einen anderen hört es sich an, als sei Bamberg reinste Utopie: Heiner Blum kam vor etwa 30 Jahren zum ersten Mal nach Bamberg, um hier in einem New-Wave-Club zu tanzen. Am nächsten Tag besuchte er den Dom, merkte, hier gibt es etwas zu sehen, und war verliebt. "Ich habe schon Geburtstag und Silvester hier gefeiert", sagt der Professor für Experimentelle Raumkonzepte. "Es könnte sein, dass ich gar nicht mehr weg will."
Blum arbeitet grafisch, großflächig, oft mit Typografie. Sein Traum sei die Gestaltung eines Kirchenfensters. So bringt jeder Künstler, ob aus der Sparte Literatur, Musik oder bildender Kunst, seine eigenen Vorstellungen, Ideen, Projekte mit.
Zwei haben eines vor sich, das noch größer ist als die Kunst: Tim Freiwald, ein Bilder zersägender Maler, wird in Bamberg Vater werden. Und Birke Bertelsmeier, Komponistin, sitzt schwanger auf der Bühne neben Nora Gomringer. Wie ist das wohl mit zwei Hirnen, zwei Herzen im Körper zu komponieren? Bertelsmeier grinst: "Die Hormone verändern sich. Man fühlt sich wie eine andere. Und komponiert dann auch wie eine andere." Aus ihrer Sparte, Musik, sind heute nur sie und Baltakas Vykintas da.
Im Oktober findet noch einmal ein Wohnungswechsel statt. Nicht alle bleiben hier für elf Monate, es gibt auch die Möglichkeit, ein fünfmonatiges Stipendium anzutreten.
Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) hatte in seiner Begrüßung den Wert des kulturellen Austausches gerade in Zeiten des erstarkenden Nationalismus betont. Der Wert dieses Austausches für die Künstler wird im Laufe des Abends deutlich. Baltakas zum Beispiel spricht bereits Deutsch und beschreibt sich selbst als Künstler zwischen Ost und West.
Möglicherweise gilt das auch für Najem Wali, Schriftsteller, Journalist, der im Irak geboren wurde und seit 1992 deutscher Staatsbürger ist. Viele deutsche Kollegen seien neidisch auf ihn. Weil er mittlerweile wieder in die Heimat reisen und sich dort als Einheimischer bewegen kann: "Dort braucht man nur einen Stein werfen und trifft immer eine Geschichte."


"Gefährlichste Art des Zeichnens"

Die deutsche Literatur lernte er kennen, als in einem kleinen Buchladen in Basra Hefte mit Gedichten Rilkes auftauchten. Wali verschlang die Hefte. "Ich war ein kleiner Junge im Süd-Irak. Jetzt bin ich hier", sagt er. "Schuld ist Rilke."
Alle diese Künstler werden in Ausstellungen, Konzerten, Lesungen ihre Kunst präsentieren. Spannend, welches Format Line Hoven wählen wird, die als Comiczeichnerin in der Runde der Schriftsteller gelandet ist. Wobei Zeichnerin vielleicht auch nicht ganz korrekt ist: Hoven kratzt Bilder frei, unter anderem mit Messern. "Es ist die gefährlichste Art des Zeichnens", sagt sie.
Zum Abschluss bittet Hoven die Gäste unter ihren Stuhl zu fassen. Dort finden sie ein Stück Schabkarton und einen Schaschlikspieß. Unter der schwarzen Oberfläche ist der Karton ganz bunt. Und so dauert es nicht lange, bis sie alle schaben, die Bürgermeister, Journalisten und Kunstbegeisterten. Ein kleines Bild als Gruß und Dank an die Villa Concordia.
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