Bamberg

Verkehrsexperte fordert: mehr Mut "die Innenstädte für Autos unattraktiver zu machen"

Es braucht Mut, um den -Ausstoß zu senken, sagt VDV-Landesgeschäftsführer Poel. Am 7. November wird in Bamberg über die Mobilität der Zukunft diskutiert.
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ÖPNV (Öffentlicher Personen-Nahverkehr) kontra MIV (motorisierte Individualverkehr): "Wir müssen mehr Mut haben, die Innenstädte für den MIV unattraktiver zu machen", sagt dazu Gerrit Poel.  Foto: Ronald Rinklef
ÖPNV (Öffentlicher Personen-Nahverkehr) kontra MIV (motorisierte Individualverkehr): "Wir müssen mehr Mut haben, die Innenstädte für den MIV unattraktiver zu machen", sagt dazu Gerrit Poel. Foto: Ronald Rinklef
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Allerhöchste Eisenbahn ist es für Gerrit Poel, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), wenn es darum geht, den Verkehr umweltfreundlicher zu gestalten. Als Beauftragter in Sachen Nachhaltigkeit beim VDV-Bundesverband hat er einige Ideen, wie es gehen könnte.

Seine Ideen wird er unter anderem zur Einführung einer Podiumsdiskussion in Bamberg vorstellen - am Donnerstag, 7. November, um 19 Uhr im "Ziegelbau" des Kongresshotels . Im Interview mit dem FT gibt er schon einen Ausblick.

Warum beschäftigt sich der VDV so intensiv mit dem Klimaschutz?

Gerrit Poel: Beim Thema Klimaschutz ist es mittlerweile zwischen fünf - und einer Minute vor 12 Uhr! Deutschland wird zumindest seine Klimaschutzziele 2020 nicht mehr erreichen! Und gerade im Verkehrssektor sind die CO2-Emissionen völlig aus dem Ruder gelaufen. Faktisch haben sie sich seit 1990 nicht verringert, sondern steigen tendenziell sogar wieder an. Busse und Bahnen bewirken im täglichen Verkehr auf der Straße und der Schiene durch ihre Bündelungsfunktion einen wesentlichen Beitrag zur CO2-Reduktion. Insofern sind wir beim Thema Klimaschutz ein wesentlicher Teil der Problemlösung. Und je mehr Menschen mit uns fahren, umso besser wird die Umweltbilanz/ Fahrzeug und pro Fahrgast. Das wollen wir auch im Rahmen dieser Veranstaltung kommunizieren.

In der Stadt Bamberg wird nun etwas neues ausprobiert, um mehr Menschen für den ÖPNV zu gewinnen: An den Adventssamstagen soll der städtische Busverkehr kostenlos sein. Eine gute Idee?

Ob das eine gute Idee ist bzw. war, wird sich danach zeigen. Es ist zwar immer zu begrüßen, wenn mehr Menschen mit uns fahren, allerdings nur, wenn im Gegenzug der MIV (motorisierte Individualverkehr, Anm. d. Red.) deutlich abgenommen hat. Was wenig Sinn macht, ist, dass zwar mehr Menschen mit uns fahren, die Parkhäuser aber genauso belegt sind wie ohne eine solche Aktion. Dann freut sich natürlich der örtliche Einzelhandel, was ja auch gut und wichtig ist, aber für die Umwelt wurde wenig erreicht.

Im Flächen-Landkreis Bamberg mit 36 Gemeinden ist es schwierig, einen ÖPNV mit guter Taktung anzubieten. Deshalb probiert man hier auch andere Angebote aus, wie zum Beispiel das "Mitfahrbänkla" oder "E-Fahrzeuge", die kostengünstig bei vielen Gemeinden gemietet werden können. Hilft das in Sachen Klimaschutz?

E-Fahrzeuge helfen, wenn der Strom für Antrieb am Ende auch wirklich "grün" ist. Das wird ja hoffentlich irgendwann auch der Fall sein. Das Mitfahrbänkla ist auf jeden Fall dann eine gute Sache, wenn am Ende mehr Menschen in einem Fahrzeug sitzen, als ohne diese Bank. Immer dann, wenn Sie es schaffen, möglichst viele Menschen in ein Fahrzeug zu bringen, ist der Umwelt geholfen. Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es im Verkehrssektor um größere Mengen von Menschen gehen muss, die vom MIV auf die "Öffis" umsteigen.

Was wäre denn Ihr Ansatz, um signifikant etwas für die Umwelt zu tun?

Zum einen müssen wir baldmöglichst das Angebot dort verdichten, wo es ökonomisch und ökologisch zu rechtfertigen ist. Zum anderen müssen unsere Städte mehr Mut haben, die Innenstädte für den MIV unattraktiver zu machen. Keine Stadt in Deutschland ist baulich dafür geeignet, das ständig steigende Verkehrsaufkommen zu bewältigen. Öffentlicher Raum lässt sich nun halt mal nicht beliebig vermehren. Für mich stellt sich die zentrale Frage, was für eine Vorstellung wir heute von der Stadt als urbanen Lebensraum haben.

Eine Stadt wird für mich deshalb nicht unattraktiver, weil dort weniger Autos rumfahren dürfen. Aber erst muss das Angebot stimmen, bevor man beim MIV die Daumenschrauben anzieht. Hinzukommen neue Verkehrsmittel - oder uns bekannte, wie das Fahrrad - die im Nahverkehr ein guter Ersatz für das Auto sind. Wichtig ist aber, dass neue Verkehrsangebote und - mittel jeglicher Art, nicht noch mehr Verkehr generieren.

Was unternehmen Sie selbst, um CO2 einzusparen?

Ich habe das Fliegen innerhalb Deutschlands völlig eingestellt. Notfalls bleibe ich jetzt bei längeren Reisen auch schon mal eine Nacht im Hotel vor Ort, was ja nicht unbedingt teurer ist, wenn ich nun ein Bahn- statt ein Flugticket habe. Vor knapp drei Jahren haben wir zudem unser Auto verkauft, weil der Besitz in keinem vernünftigem Kosten/Nutzen-Verhältnis mehr stand. Wobei ich vorsorglich darauf hinweisen möchte, dass ich keinen Dienstwagen zur Verfügung habe, auf den ich ausweichen kann. Es ist aber wichtig, eine solche Entscheidung stets von den Rahmenbedingungen abhängig zu machen, unter denen man lebt und arbeitet! Und davon, dass man bei der Frage, welches Verkehrsmittel man anlassbezogen nutzt, auch ehrlich rechnet. Und das haben wir halt getan und sind zu dieser Entscheidung gekommen. Die Fragen stellte Michael Memmel

Zur Veranstaltung am 7. November in Bamberg

Um die Mobilität der Zukunft vor dem Hintergrund des Klimawandels sprechen bei einer Podiumsdiskussion Robert Frank, Geschäftsführer der Ingolstädter Verkehrsgesellschaft und Vorsitzender der Landesgruppe Bayern des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Michael Fiedeldey, Geschäftsführer der Stadtwerke Bamberg. Die Veranstaltung, zu der Stadtwerke und VDV einladen und die mit einem Vortrag von VDV-Landesgeschäftsführer Gerrit Poel beginnt, findet am Donnerstag, 7. November, um 19 Uhr im "Ziegelbau" des Kongresshotels (Mußstraße) statt. Es moderiert Michael Memmel, Leiter der Lokalredaktion Bamberg vom Fränkischen Tag. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung unter www.stadtwerke-bamberg.de/vdv aber zwingend erforderlich.

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