Bamberg

In der Epilepsie-Selbsthilfegruppe ist keiner allein

Irmgard Erhardt plagen viele Jahre epileptische Anfälle, bis diese vor 30 Jahren schlagartig aufhören. Sie gründet eine Selbsthilfegruppe, um anderen eine Stütze zu sein. Vor einiger Zeit hatte sie auch selbst noch mal Hilfe nötig.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Bamberger Epilepsie-Selbsthilfegruppe will Betroffenen Sicherheit geben. Foto: adobestock
Die Bamberger Epilepsie-Selbsthilfegruppe will Betroffenen Sicherheit geben. Foto: adobestock

An einem normalen Tag vor einigen Jahren: Irmgard Erhardt hat den Nachmittag gemütlich bei einer Freundin verbracht und geht dann wie immer zur abendlichen Chorprobe. Doch irgendwas stimmt dieses Mal nicht. Beim Singen wird ihr auf einmal schlecht. Sie legt den Liederordner aus der Hand, tastet nach der Notfall-Medikation in ihrer Tasche. Dann geht sie zur Treppe, 18 Stufen nach unten. Ihre Knie werden weich. Sie versucht sich zu kontrollieren. "Weil sonst denken die Leute, du bist besoffen", sagt die heute 59-Jährige - doch sie ist nicht betrunken, sondern hat einen epileptischen Anfall.

Sie will so schnell wie möglich zur Toilette, um dort ihr Medikament einzunehmen. Was ihr nicht mehr gelingt. Sprechen ist nicht mehr möglich. Alles krampft. Irmgard Erhardt rutscht am Heizkörper nach unten und bleibt auf dem Boden sitzen. Bis schließlich der Notarzt kommt. Sie muss ins Krankenhaus, hat eine Hirnhautentzündung erlitten.

Am besten die Hand halten

Irmgard Erhardt schildert, wie es ist, in einem Anfall gefangen zu sein: "Ich fühle alles, wenn ich am Boden liege, ich bekomme alles mit." Aber die Sprache versagt. Umso wichtiger sei es dann, dass die Außenstehenden, die einen Anfall miterleben, entsprechend handeln: "Seien Sie menschlich, halten Sie meine Hand", sagt sie zum fragenden, weil unsicheren Außenstehenden.

Anfassen, anschauen, ansprechen: "Wenn jemand Bekanntes redet, habe ich gemerkt, dann ist Geborgenheit da." Wichtig danach: Eventuell dem Betroffenen helfen, die Jacke an- oder auszuziehen, das Medikament auszupacken, den Arzt zu rufen, Angehörige zu verständigen, schildert sie eine Notfallsituation.

Die Krankheit wurde bei Irmgard Erhardt wohl durch eine Enzephalitis (Gehirnentzündung) ausgelöst, als sie noch ein kleines Kind war. Den ersten Anfall erlebte sie mit neun. Damals habe sie überhaupt nicht verstanden, warum sie schon so früh am Tag ins Bett gelegt wurde.

Bis auf den einen Rückfall ist die aktive Frau seit längerer Zeit anfallsfrei. Geholfen hat ihr ein Aufenthalt in Bethel, einem der wenigen Epilepsie-Zentren in Deutschland. Der Arzt dort gab ihr noch mit auf den Weg: "Gründen Sie eine Selbsthilfegruppe."

Das hat Irmgard Erhardt nicht vergessen und vor knapp 25 Jahren umgesetzt. Denn die 59-Jährige aus Mühlendorf musste immer stark sein, Schicksalsschläge gab es viele. Doch sie habe ihren Mann, dem sie viel zu verdanken hat, oder auch Menschen wie ihren Fahrlehrer, der immer an sie geglaubt hatte. Was sich letztendlich auch bestätigte: Sie fährt nun mit einem ganz normalen amtlichen Führerschein. Das ist möglich für Menschen mit Epilepsie nach Absprache mit dem Arzt, wenn sich zwölf Monate lang kein Anfall mehr ereignet.

Nun kann Irmgard Erhardt in der Selbsthilfegruppe auch für andere da sein, die ein ähnliches Schicksal zu meistern haben. Große Unterstützung gebe es auch durch den pensionierten Sozialarbeiter Horst Fischer-Derderra, der Fahrdienste übernimmt und so etwas wie eine Vaterfigur für die Gruppe darstellt, und Karl P., der viele Arbeiten im Hintergrund erledigt. Fünf bis 15 Leute sind derzeit in der Selbsthilfegruppe, die sich regelmäßig in Bamberg und Bayreuth trifft.

Einander helfen

In der selbstorganisierten Gruppe kommen alle möglichen Themen zur Sprache: Etwa wie die Betroffenen mit Epilepsie im Kreis der Familie umgehen, aber nicht nur: "Wir tauschen uns über Themen des Alltags aus. Durch die Treffen ermöglichen wir, dass die Menschen aus der Isolation herausgeholt werden." Man helfe sich, trinke gerne auch einfach mal eine Tasse Kaffee oder Tee und mache Ausflüge. Interessierte seien jederzeit willkommen. "Wir sind offen für Jedermann, ob das mit Anfällen zu tun hat, oder ob sich jemand einfach nur für Epilepsie interessiert, ist egal."

Irmgard Erhardt hat ihren letzten Anfall vor langer Zeit überstanden. Auch über solche Situationen tauscht sich die Gruppe aus: "So ist das Leben", erklärt die engagierte Frau, die ihre Erfahrungen gerne mit anderen teilt.

Epilepsie und Selbsthilfe

Termine Die Epilepsie-Selbsthilfegruppe trifft sich jeden ersten Freitag im Monat in Bamberg ab 17 Uhr in den Theatergassen 7. Das Treffen in Bayreuth findet jeden letzten Donnerstag im Monat um 18 Uhr in der CVJM-Villa statt.

Kontakt Informationen gibt es bei Irmgard Erhardt per Telefon 0160/5440811, per E-Mail an

irmgard-erhardt@gmx.de oder im Internet auf https://epilepsie-selbsthilfe-oberfranken.com

Kommentare (0)

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.