Hirschaid
Prozess

Prozess nach Prügelattacke auf Hirschaider Kerwa: in blinder Wut zugeschlagen

Bereits eineinhalb Jahre liegt eine Kirchweih in Hirschaid zurück, die bundesweit Schlagzeilen machte. Nachdem die sexuellen Übergriffe verfolgt und abgeurteilt sind, wandte sich das Amtsgericht Bamberg nun den Gewalttaten zu, die sich zwischen Asylbewerbern und Rechtsextremen abgespielt hatten.
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Unter der Brücke am Kanal kam es im September vergangenen Jahres  während der Kerwa in Hirschaid zu sexuellen Übergriffen und  einer größeren Schlägerei. Archivfoto: Sebastian Martin
Unter der Brücke am Kanal kam es im September vergangenen Jahres während der Kerwa in Hirschaid zu sexuellen Übergriffen und einer größeren Schlägerei. Archivfoto: Sebastian Martin

Mit einigen Kumpels will sich Abdul E. (alle Namen geändert) einen netten Abend machen. Doch auf dem Kirchweihgelände in Hirschaid treffen sie auf eine Gruppe Einheimischer, die den 20-jährigen Syrer und seinen Begleiter ausländerfeindlich beschimpfen und beleidigen. Neben den verbalen Tiefschlägen trifft Abdul E. auch eine Faust ins Gesicht. Nun geht der junge Mann aber nicht etwa zur Polizei, sondern kommt am nächsten Abend wieder. Mit einem 19-jährigen Freund und der Absicht, den Übeltäter vom Vortag zu finden, um mit ihm "eine offene Rechnung zu begleichen", wie es Staatsanwältin Franziska Frohberg ausdrückte. "Solche Selbstjustiz ist nicht entschuldbar."

Mit Taschenlampen laufen sie über das düstere Kirchweihgelände und finden ihr Ziel. Dann geht es zwischen Toiletten und Kinderkarussell ganz schnell, wie mehrere Zeugen berichteten. Ein Schlag trifft den Rechtsextremen im Gesicht. "Er war in großer Wut," so sein Verteidiger Rechtsanwalt Thomas Gärtner (Bamberg), "verhielt sich wie ein Berserker."

Als ein Unbeteiligter mit seiner Freundin zu Hilfe eilt, bekommt der die Wut der beiden alkoholisierten und möglicherweise auch drogenberauschten Asylbewerber ab. Provoziert von ausländerfeindlichen Rufen wie "Scheiß-Flüchtlinge" und "Drecks-Kanaken" aus einem Pulk Deutscher schlagen und treten die beiden Angeklagten auf den am Boden liegenden Helfer ein. Auch ein Bierglas trifft das Opfer, das von Prellungen, Schnitt- und Platzwunden gezeichnet ist.

Außerdem kommt auch ein Gürtel zum Einsatz, mit dessen metallischer Schnalle Abdul E. wahllos nicht nur eine Security-Mitarbeiterin trifft, die als einzige vom Sicherheitsdienst überhaupt eingreift. Die anderen hatten die Hände in den Hosentaschen oder zuckten mit den Schultern, so mehrere Zeugen.

"Er war wie ein Amokläufer." Auch einen Vater, der seinen 17-jährigen Sohn schützen will, weil dieser einen Fußtritt von Abdul E. abbekommen hat, verprügelt er so, dass der 45-Jährige trotz einer Lederjacke großflächige Blutergüsse an Schultern und Oberarmen davonträgt. "Wäre ich im Gesicht getroffen worden, ich wäre zeit meines Lebens entstellt gewesen."

Von einer "harten Schlägerei" spricht Abdul E., der bei der Massenschlägerei, die sich in der Folge entwickelt, von einem inzwischen zu einem Jahr verurteilten Deutschen einen Glaskrug auf den Kopf bekommt und schwer verletzt vom Rettungsdienst ins Klinikum Forchheim gefahren werden muss. "Er war gestört, ich konnte ihn nicht stoppen," erklärte eine Freundin der Angeklagten.

Hinzu kam eine Anklage wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, weil die beiden Syrer drei Monate nach der Hirschaider Kirchweih mitten in der Nacht vor einer Diskothek in der Bamberger Innenstadt zuerst mit dem Türsteher und danach mit der Polizeistreife aneinander geraten waren. Die Beamten mussten nach einem Platzverweis später noch einmal kommen, weil das Duo nicht akzeptieren wollte, dass es nicht hineindarf. Dabei wehrte sich das Duo gegen die Festnahme.

Für Abdul E. und seinen Komplizen war es nicht das erste Mal, dass sie in den letzten zwei Jahren mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. In der Liste der Vorstrafen finden sich mehrere Fälle von Sachbeschädigung, Bedrohung, vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung, unerlaubten Betäubungsmittelbesitzes und tätlicher Beleidigung.

Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz Martin Waschners verurteilte beide Angeklagte wegen gefährlicher und einfacher Körperverletzung sowie Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu Jugendstrafen. Während Abdul E. zwei Jahre mit Vor-Bewährung bekam, muss sein geständiger Mittäter ein Jahr ins Gefängnis.

Als Auflagen muss Abdul E. an einem Trainingskurs teilnehmen, um seine Gewaltausbrüche unter Kontrolle zu bekommen. Er darf zudem seinen Arbeitsplatz nicht gefährden und weder Alkohol noch andere Drogen nehmen. In regelmäßigen Tests wird das überprüft werden. Sein Mittäter darf sich, angesichts einer vorherigen Verurteilung zu 21 Monaten wegen einer Messerattacke in Bamberg nun Gedanken darüber machen, ob die Zeit in der JVA Ebrach nicht ausreicht, um einen Schulabschluss nachzuholen oder gar eine Lehre zu beginnen.

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