Bamberg
Straßennamen

Bamberger Straßen: das ist die Hölle in Bamberg

Immer wieder sorgt der Straßenname Hölle bei Ortsfremden für Belustigung. Doch die Gasse überrascht auch durch ein ehemaliges Gefängnis.
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Foto:Ronald Rinklef
Foto:Ronald Rinklef
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Massive Sandsteinwände, Eisenstangen an den Fenstern, winzige Zellen. Was nach einem düsteren Hollywood-Blockbuster klingt, existiert tatsächlich. Allerdings nicht etwa in irgendeiner Großstadt, sondern mitten im beschaulichen Bamberg - passenderweise in einer kleinen Straße namens "Hölle". Und das ist nicht alles: Heute ist das Haus mit der Nummer 7, das einst ein Gefängnis war, sogar bewohnt.


Beginn der "Höllenangst"

Arne Huebscher, der seit fünfeinhalb Jahren in dem Haus wohnt, zeigt sein Heim. An dem Grundstück mit dem idyllischen Garten scheint nichts Ungewöhnliches zu sein. Keine Spur davon, dass im Erdgeschoss des zweigeschossigen Hauses früher ein Gefängnis war.



Im 16. Jahrhundert erbaut, diente es vermutlich ab 1700 als "Domkapitelsches Gefängnis". Lediglich das durch den Zweiten Weltkrieg zerstörte Dach musste 1948 erneuert werden. Ansonsten blieb das Haus aufgrund der dicken Mauern von weiteren Schäden verschont.

Tatsächlich zeugen einige original erhaltene Bestandteile von der düsteren Vergangenheit des Gebäudes, wie beispielsweise jahrhundertealte Gitterstäbe an den Fenstern der hinteren Hauswand.
Auch im Inneren des Hauses sind mit den massiven Sandsteinwänden, einem Kreuzgratgewölbe und einer schweren Holztür noch Originalbestandteile erhalten.


Haftanstalt für "Nichtgeistliche"

Nachdem das Gebäude lange als "Tob- und Tollhaus" diente, kam man später zu der Feststellung, dass es vielmehr als Haftanstalt der angrenzenden Kirche genutzt worden war. Diese hielt laut verschiedener Quellen "Nichtgeistliche" in dem Haus fest, das später den Namen "Domkapitelsches Gefängnis" bekam. Ob es sich nur auf diese Personengruppe beschränkte, ist nicht belegt.

Untergebracht waren die Inhaftierten in vier Zellen, davon zwei nicht größer als es heute Speisekammern sind, mit Gitterstäben an den kleinen Fenstern. Dass in solch beengten Räumen Menschen festgehalten wurden, ist eine Vorstellung, bei der Arne Huebscher noch heute eine Gänsehaut bekommt. Eine der beiden Kammern, in der er heute Vorräte verstaut, wird mit einer Holztür mit einem metallenen Riegel verschlossen.


Sitzbank mit Eisen zur Ankettung

Neben diesen vier Zellen gibt es einen weiteren Raum, der ungefähr ein Drittel des Untergeschosses einnimmt. Sowohl die Einrichtung als auch die Bauart lassen auf einen Kapellenraum schließen: Die Decke ziert ein steinernes Kreuzgratgewölbe, in einer Nische in der Wand stand laut dem dritten Band der Buchreihe "Stadt Bamberg - Immunitäten der Bergstadt" eine Sitzbank mit Eisen zur Ankettung. Diese sind allerdings weder in diesem noch in den Zellen erhalten geblieben. Ob die Inhaftierten buchstäblich durch die Hölle gingen, lässt sich somit nur vermuten.

Es gab jedoch auch andere, schönere Zeiten: Bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts lassen sich Spuren zurückverfolgen, die auf viele künstlerisch tätige Anwohner hindeuten. Zu dieser Zeit wurden Kunsthandwerker engagiert, die die Kirchen ausschmücken sollten. Idealerweise sollten diese im direkten Umfeld einquartiert werden. Die Hölle, die nicht nur direkt an die Obere Pfarre grenzt, sondern auch von den anderen Kirchen nicht allzu weit entfernt ist, war somit perfekt.


Auch heute beliebt bei Künstlern

Ebendiese künstlerische Vergangenheit reizte den Kunstmaler und Immobilienmakler Volker Maisel. Vor siebeneinhalb Jahren zog der heute 42-Jährige in sein kleines hellblau gestrichenes Häuschen mit den blauen Fensterläden, dem roten Rosenbusch und der Nummer Sechs an der Hauswand. "Im 18. Jahrhundert lebte hier der Glasschneider Christoph Schülner", verrät er. Im Laufe der Zeit wohnten einige Künstler in Häusern der Hölle. Bildhauer, Zimmergesellen, Steinhauer, Maler, Zimmermeister, Messerschmiede - die Liste ist lang. Heute sind neben Maisel unter anderem eine Kunsthändlerin, ein Bamberger Symphoniker, ein Maler, ein Kunsthistoriker und -händler in der Hölle zu Hause. Ziemlich viele, bedenkt man, dass nur zwölf Hausnummern in der Hölle vergeben sind, von denen drei Häuser heute Ferienwohnungen beherbergen.


Das Tor zur Hölle

Zwar sind die meisten Häuser noch in ihrem Originalzustand, das Gebiet an sich hat sich allerdings über die Jahrhunderte verändert. "Die Umgebung hier muss man sich etwas anders vorstellen", meint Maisel und ergänzt: "Über drei Jahrhunderte hat sich die Hölle sehr verändert." An der Oberen Pfarre war, so Maisel, demnach ein Friedhof angelegt, um sie herum befanden sich lauter kleine Gassen; Inmitten der Hölle stand ein Brunnen. Umzäunt wurde die Hölle von einer Stadtmauer. "Hier rüber zur Eisgrube", Maisel deutet in Richtung der Kirche, "verlief die Stadtmauer, bis hin zu Sankt Stephan. Man sieht noch heute Teile davon."

Ein Mauerstück grenzt fast nahtlos an die hintere Hauswand von Arne Huebschers Haus. Fundamente findet man auch noch an der Bushaltestelle Kaulberg. Dort befand sich auch ein Stadttor, das Eingang in die Hölle gewährt hatte.

Hinter der Stadtmauer auf Seiten der Kirche befand sich ein weiteres Gässchen, das Zugang zu einer Reihe von Häusern bot, in welchen die Kunsthandwerker lebten. Da diese wenig Geld hatten, statteten sie wohl, so sagt man laut Maisel, anstelle des Mietzinses ihre Häuser aus. Das könnte der Grund für diverse italienische Stuckdecken und andere barocke Ornamente sein, mit denen einige Häuser der Hölle verziert sind.


Als der Krieg in die Hölle kam

Von den ehemals 16 Häusern in der Hölle stehen heute lediglich noch zwölf. Fünf Gebäude wurden im Laufe der Jahre abgerissen. Anfang des neuen Jahrtausends kam wieder ein Neubau hinzu. Im Zweiten Weltkrieg fiel ein Haus einer Bombe zum Opfer. Bei diesem Angriff kamen auch vier weitere nicht ungeschoren davon - diese Schäden konnten jedoch wieder behoben werden.

Einer, der das Ausmaß des Zweiten Weltkriegs sprichwörtlich am eigenen Leib miterlebt hat, war der Großvater von Doris Metzners Mann. Seit 1989 wohnt sie mit ihrer Familie in dem Haus Nummer 17. Statt sich im Luftschutzkeller zu verstecken, stand er in der Tür und beobachtete die Bomben, die 1945 über Bamberg abgeworfen wurden. Dabei schlug eine in direkter Nachbarschaft ein. "Ihn muss es gegen die Wand geschleudert haben", erzählt die 58-Jährige und deutet auf die Wohnzimmerwand hinter sich.

Das alte Fachwerk bekam von der Druckwelle ebenfalls so viel ab, dass es durch Mauerwerk ersetzt werden musste. Die Instandsetzung nach dem Krieg lohnte sich jedoch: Heute lebt mit Metzners Kindern bereits die siebte Generation der Familie in dem Haus.


"Daddsä" und Knochenfunde

Dass die Hölle auf eine interessante Vergangenheit zurückblicken kann, belegen auch die Fundstücke, auf die die Bewohner bei der Renovierung ihrer Häuser stießen.

Doris Metzner holt aus ihrer Wohnzimmerkommode vorsichtig drei krumme Metallnägel sowie eine kleine Puppe hervor. Ferner erinnert sie sich an den Fund von Kugeln aus Stein und Ton, "sogenannte Daddsä, so nennt man die in Bamberg", die von Kindern zum Spielen genutzt wurden. "Wir haben auch alle möglichen alten Zeitungen gefunden. Die haben wir aber wieder in die Wände einbetoniert - für die nächsten Generationen."



Weniger erfreuliche Fundstücke wie Knochen, die möglicherweise auch von dem ehemaligen Friedhof an der Oberen Pfarre stammen könnten, entdeckten indes auch andere Anwohner auf ihren Grundstücken. Außerdem befanden sich vier Flaschen unter Metzners Funden. Auch damit waren sie nicht allein: Einige der Nachbarn entdeckten ebenfalls alte Glasflaschen mit Korkverschlüssen.


Ein Brief aus der Hölle

Auch Volker Maisel wurde bei der Dachsanierung seines Hauses fündig: Sein Gefäß konnte er als mundgeblasenes Medizinfläschchen identifizieren. Neben kleineren Funden wie ein altes Gesangsbuch zeigt Maisel seinen zweifelsohne interessantesten Fund: Unter Dielen entdeckte er einen in Sütterlin geschriebenen Brief, datiert auf den 28. Februar 1861. Absender des Briefes war ein junger Mann, der als Soldat stationiert war. Er erzählte seinen Eltern und seinen Brüdern unter anderem von seinem Leben in der Armee und bat sie, ihm Geld zu schicken.


Himmlisches Leben in der Hölle

Diese spannenden Funde belegen die interessante Vergangenheit der Hölle, die definitiv einen genaueren Blick wert ist. Diese sowie die ruhige Lage trotz der Nähe zur Innenstadt begeistern die Bewohner noch heute. Volker Maisel beschreibt die Hölle als "eine Gegend im Stadtkern Bambergs, die sich anfühlt, als würde man in einem Dorf leben, in dem die Zeit stehenbleibt".

Mit einem "Himmelreich in der Hölle" wirbt eine der Ferienwohnungen in der Hölle. Und Doris Metzner ergänzt: "Uns gefällt es in der Hölle. Wir möchten nirgendwo anders leben."

Alina Klarmann hat im Sommersemester 2017 an der Journalistik-Übung "Wenn Straßen anfangen zu erzählen" an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg teilgenommen. Im Rahmen dieser Übung entstand dieses Straßen-Portrait.
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