Bamberg
Gericht

Im Gleusdorf-Prozess werden Pflegeakten verlesen

Im Gleusdorf-Prozess ging es um einen Todesfall aus dem Jahr 2014. Ein Heimbewohner war kurz nach einem Sturz gestorben. Der Hausarzt vermutete zwar eine Lungenentzündung, an eine Verlegung ins Krankenhaus dachte er aber nicht.
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Es war ein Prozesstag der etwas anderen Art vor dem Landgericht Bamberg. Dieses Mal sagten keine Zeugen oder Sachverständige zu den Todesfällen in der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf aus, dafür wurden zahlreiche Dokumente verlesen - vom Leichenschaubericht bis zur Pflegeakte.

Immer wieder ging es um einen 80-jährigen Heimbewohner, der im August 2014 wenige Tage nach einem Sturz aus dem Bett gestorben war, an den Folgen einer Lungenentzündung (Pneumonie). Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann überlebt hätte, wenn er sofort nach dem Sturz in ein Krankenhaus verlegt worden wäre und man ihm ein Antibiotikum verabreicht hätte. Dass dies nicht geschah, wird in der Anklageschrift als Totschlag durch Unterlassen in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen bewertet. Unter anderem wirft die Staatsanwaltschaft der damaligen Heimleiterin Angelika R. (alle Namen geändert) und ihrem Pflegedienstleiter Peter N. vor, dass die in Schloss Gleusdorf Beschäftigten auch in Fällen schwerwiegender Erkrankungen nicht selbständig einen Arzt rufen durften.

Auch aus den nun öffentlich gemachten Unterlagen geht hervor, dass der damals 80-Jährige in der Nacht vom 17. auf 18. August 2014 vor seinem Bett liegend gefunden wurde. Beim Sturz auf ein Nachttischkästchen habe sich der Mann unter anderem Hämatome im Gesicht, am Rücken und am Arm zugezogen. Darüber hinaus verschlechterte sich sein Allgemeinzustand in den folgenden Tagen aber immer mehr, der 80-Jährige wurde apathisch, verweigerte zeitweise die Nahrungs- und Getränkeaufnahme. Obwohl der Hausarzt Martin L. eine Lungenentzündung vermutete (Im Dokumentationsbogen schreibt L., der Patient "hustet, verschleimt, knistert. Denke, er hat 'ne Pneumonie"), ist in den Unterlagen nirgends von einer Einweisung ins Krankenhaus die Rede.

Falsche Angaben im Totenschein?

In den Pflegeakten sind für die Tage zwischen Sturz und Tod zahlreiche Messungen von der Körpertemperatur bis zu den Blutzuckerwerten ebenso wie das Ess- und Schlafverhalten dokumentiert. Die Körpertemperatur des 80-Jährigen bewegt sich laut Dokumentation in diesen Tagen zwischen 37,4 und 38,65 Grad, erst unmittelbar vor dem Tod sind es 40 Grad. Allerdings waren zuvor laut Anklage auch Fiebersenker verabreicht worden. Am 18. August ist in der Pflegeakte von gelegentlichem Husten die Rede, zwei Tage später sei er bereits "sehr verschleimt" gewesen und musste abgesaugt werden.

Am 23. August vermerkt die damalige Heimleiterin R. im Pflegetagebuch: "6 Uhr ex" - ex steht für Exitus, den Tod des Heimbewohners. Kurz darauf schickt R. dem Hausarzt ein Fax, grüßt ihn mit "Moin Moin" und bittet um Ausstellung eines Totenscheins für den 80-Jährigen. L. antwortet ebenfalls mit "Moin Moin" und verspricht, um halb zehn zu kommen. Die Todesbescheinigung hat L. laut Anklage falsch ausgestellt, er habe dort unzutreffend einen "natürlichen Tod" und eine Herz-Kreislauferkrankung als zum Tode führende Krankheit eingetragen. Die Heimleiterin hingegen habe eine Pflegekraft aufgefordert, nach dem Tod des Heimbewohners einen nichtssagenden Vermerk in der Pflegeakte vorzunehmen, um ihr eigenes Fehlverhalten zu verschleiern. In einem anderen Fall haben R. und N. laut Anklage "den Tod eines Heimbewohners zumindest billigend in Kauf genommen, um nicht eine erneute Verlegung in ein Krankenhaus veranlassen zu müssen". Ähnlich sei es im Mai 2015 einer 73-Jährigen gegangen, die trotz Lungenentzündung nicht in ein Krankenhaus gebracht worden sei.

Der Prozess wird am 4. Oktober mit der Verlesung weiterer Dokumente fortgesetzt, bevor es dann am 23. Oktober wieder mit Zeugenvernehmungen weitergeht.

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