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Bamberg
Denksport

Im Bann des königlichen Spiels

Ob stürmischer Angreifer, feinsinniger Positionsspieler oder hartnäckiger Verteidiger: Günter Lossa hält sie alle "in Schach".
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Hat schon gegen einen Weltmeister gewonnen: Günter Lossa, Schachkolumnist dieser Zeitung. Diana Fuchs
Hat schon gegen einen Weltmeister gewonnen: Günter Lossa, Schachkolumnist dieser Zeitung. Diana Fuchs
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Schach ist ein einzigartiges Spiel. Kein anderes enthält Elemente aus so vielen verschiedenen Kulturen, Sprachen und Zeiten. Sein Name ist Programm: "Schach" kommt vom persischen Wort Schah (König). Das königliche Spiel verbreitete sich im 7. Jahrhundert im Nahen Osten und in Nordafrika. Über allerhand Länder gelangte es zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ins abendländische Europa. Hier gehörte es im Hochmittelalter einerseits zu den sieben ritterlichen Tugenden, andererseits wurde es von der Kirche missbilligt. Auch heute noch spaltet Schach die Gemüter. Günter Lossa weiß das genau. 1937 in Bamberg geboren, hat der frühere Leiter des Bamberger Schul-, Kultur- und Sportamtes ein riesengroßes Herz für den wohl kniffligsten Denksport aller Zeiten entwickelt.

Erhöht Schach den IQ?

Günter Lossa: Ich glaube nicht, dass das Schachspielen intelligenter macht, aber es fördert weitere wertvolle Eigenschaften wie Geduld, Zurückhaltung, Konzentrationsfähigkeit, Entschlusskraft und Kreativität, die vor allem die geistige Beweglichkeit weckt, trainiert und erhält. Das ist - wissenschaftlich erwiesen - schon bei Kindern und Jugendlichen sowie auch bei Erwachsenen bis ins hohe Alter hinein der Fall. Ständiges Schachspielen ist somit die beste Altersvorsorge gegen aufkommende Gedächtnisschwäche.

Sie klingen richtiggehend fasziniert!

Ja! Schach ist faszinierend, weil es vollkommen anders ist als alle anderen Spiele. Keine Schachpartie gleicht einer anderen, nichts wiederholt sich, sondern jedes Spiel wird neu erdacht! Schach nach den Regeln des Weltschachbundes ist das weit verbreitetste Brettspiel und auch das vielseitigste, variantenreichste und schwierigste Spiel, das wir kennen.

Im Kern geht es darum...

... den König des Gegners so anzugreifen, dass dieser nicht mehr verteidigt werden kann. Somit würde er im nächsten Zug geschlagen werden. Das nennt man dann "matt". Ein Schachbrett besteht aus 64 Feldern, je zur Hälfte schwarz und weiß. Ein Spieler hat die weißen Figuren, der andere die schwarzen. Es wird abwechselnd gezogen.Jeder Spieler hat acht Bauern, zwei Türme, zwei Springer, zwei Läufer, eine Dame und einen König. Jede Figur hat ihr eigenes Bewegungsmuster. Es gibt elf Gangarten der jeweils 16 Steine jeder der beiden Parteien.

Da wird es schon kompliziert...

Ja, Schach ist ein Denksport. Aber wenn jemand das Schachspiel lernen will und viel übt, wird er innerhalb eines Jahres schon richtig gut spielen. Wichtig ist, dass einem die Regeln gut erklärt werden, dass eine Figur nach der anderen eingeführt wird. Dann wächst man schon ins Spiel rein...

War das bei Ihnen so?

Ja, nach Kriegsende 1945 war die Gegend um die Obere Brücke und den Bamberger Obstmarkt, wo wir gewohnt haben, sehr zerbombt. Wir waren dankbar dafür, dass die amerikanischen Besatzer für die deutschen Kinder das Programm "german youth activities" (GYA) anboten, um uns Kinder von unserem gefährlichen Spielplatz zwischen den Trümmern wegzukriegen: Jeden Nachmittag durften wir ins Café Stadelmann kommen und dort Ball- und Brettspiele aller Art spielen.

Und 1966 wurden Sie Deutscher Meister!

Genau, Deutscher Mannschaftsmeister. Das hat die Bamberger Bevölkerung damals echt begeistert.

Wie hat Ihr Team das geschafft?

Wir hatten ein paar überragende Spieler, vor allem Lothar Schmid, der nach dem Krieg von Radebeul nach Bamberg gezogen war. Der Sohn des Karl-May-Verlegers wurde später Großmeister. Als der Schachclub, der im Café Müller nahe des Obstmarktes sein Domizil hatte, eine eigene Jugendmannschaft bilden wollte - und dazu eine Anzeige im FT schaltete - war für meinen Freund Hans-Günter Kestler und mich klar: Da müss' mer hin. Wir haben jeden Abend Schach gespielt.

1968 haben Sie für den Fränkischen Tag die "Schach-Ecke" übernommen, die mit 145 Jahren älteste Kolumne. Seit 52 Jahren stellen Sie den Lesern jede Woche eine knifflige Aufgabe. Warum tun Sie das?

Ich führe gern die alte Tradition fort. Allerdings habe ich die Aufgabe am 20. Januar 1968 nur zögernd übernommen, weil ich mich damals als leidenschaftlicher Turnierspieler in der ersten Mannschaft des Schachclubs noch sehr wenig mit Problemschach befasste. Inzwischen sind mir die hochqualifizierten Schachaufgaben ans Herz gewachsen und ich schätze es sehr, den Schachfreunden unter unseren Lesern die Strategien verständlich zu erklären.

Worauf kommt es Ihnen an?

Ich möchte geniale Spielzüge und Mattbilder darstellen, wie sie in Schachpartien - schon wegen der begrenzten Bedenkzeit - selbst von den besten Spielern der Welt nur äußerst selten erdacht werden können. Die Lösungen dieser Schachaufgaben dienen deshalb auch jedem Meisterspieler als analytisches Trainings- und Übungsmaterial, um den Blick für raffinierte Wendungen zu schärfen.

Bereits nach zwei Zügen können 72.084 verschiedene Stellungen entstehen. Das heißt: Niemals kann ein Mensch in seinem Leben alle Schachvariationen spielen. Ist das nicht frustrierend?

Im Gegenteil: Gerade das macht den Reiz des Spiels aus, denn die geringste Abweichung führt zu einer völlig neuen Fortsetzung, so dass sich kein Spiel wiederholt. Schach ist gleichermaßen Spaß, Spiel und Sport; denn neben dem unterhaltsamen freien Spiel ist auch die sportliche Betätigung im Turnierschach mit Schachuhr und formeller Notationspflicht weltweit verbreitet; ebenso wie das Lösen von Schachaufgaben, wo das Matt wie im Spiel in einer Schachposition zu finden ist. Dazu ist nicht mal ein Mitspieler nötig.

Ist Schach nur etwas für Strategen?

Das Schachspiel beinhaltet mehr als nur Strategie. Auch der Taktiker kommt zum Zuge, ebenso der feinsinnige Positionsspieler, der stürmische Angreifer, der hartnäckige Verteidiger, der mutige Opferspieler und nicht zuletzt der undurchschaubare Psychologe, der durch sein Verhalten am Schachbrett den Gegner stets im Ungewissen lässt.

Heutzutage rechnen Computer alle Zug-Möglichkeiten präzise durch. Ein Mensch wird auf Dauer nie so gut sein wie ein Computer, oder?

Als Mitte der 1980er Jahre der erste Schachcomputer in der Spielwarenabteilung des Kaufhauses Hertie vorgestellt wurde, hatte man mich eingeladen, um vor Publikum gegen die Maschine zu spielen. Schnell gewann ich zwei Kurzpartien, weil die damaligen Schachprogramme noch sehr einfach und mit Opferkombinationen leicht zu überlisten waren. Bis heute wurden die Computer zu spielstarken Maschinen entwickelt - von Menschen. Aber unter Menschen ist es und bleibt es ein Spiel, in dem Fehler gemacht werden, auch von den besten Spielern der Welt. Dass auch die Computer noch ihre Grenzen haben, konnte ich kürzlich feststellen, als es galt, Mehrzüge-Schachaufgaben lösen zu lassen.

Ist Schach immer ein verbissenes Denkduell oder geht es auch mal lustig zu?

Schach kann auch amüsant sein! Ein Beispiel: Zwischen den beiden Weltkriegen war der russische Emigrant Ewfim Bogoljubow neben seinem ebenfalls ausgewanderten Landsmann und Weltmeister Dr. Alexander Aljechin der beste Spieler der Welt - er war häufig auch in Bamberg zu Gast. Als bei einer seiner Simultanvorstellungen - er spielte gleichzeitig gegen 30 und mehr Gegner - eine Mitspielerin mit den schwarzen Steinen gegen den Meister in arge Bedrängnis geraten war - 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 de4: 4. Se4: Sd7 5. Sf3 Sf6 6. Seg5 Le7 7. Sf7: Kf7: 8. Sg5+ - , war die Dame sehr betrübt: "Wenn ich mit dem König nach g8 gehe, nehmen Sie mir durch den Springer alles weg; ziehe ich aber Ke8, so verliere ich die Dame...". Von Mitleid gerührt, machte der Großmeister das Angebot: "Bitta sähr, wenn Sie wollen, drähn wir Brett uhm." Bogoljubow spielte mit den schwarzen Steinen weiter: 8....Kg8 9. Se6: De8 - der Meister schien verloren. Aber die Frau tappte in die von ihm gestellte Falle: 10. Sc7: Lb4++ Doppelschach und Matt!

Generell sind wenig Frauen beim Schach so richtig erfolgreich. Liegt das an unserer Denkstruktur?

Das glaube ich nicht. Fakt ist, dass es mehr Schachspieler gibt als Schachspielerinnen. Damen spielen sehr stark, aber an die besten Männer der Welt kommen sie trotzdem kaum heran. Warum das so ist? Vielleicht ist das Interesse der Frauen einfach nicht so groß wie das der Männer? INFO: Die älteste Kolumne Hieronymus Fischer, ein Gymnasiallehrer am Franz-Ludwig-Gymnasium Bamberg und langjähriger 1. Vorsitzender des Schachclubs 1868 Bamberg, rief die Schach-Ecke dieser Zeitung 1874 ins Leben und leitete sie 32 Jahre lang. Günter Lossa ist aktuell der siebte Fachmann, der die Kolumne auf der Seite 4 des Fränkischen Sonntags schreibt: Er übernahm diese Aufgabe vor über 52 Jahren am 20. Januar 1968 auf Anfrage des FT.

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