Memmelsdorf
Schwere Vorwürfe

Kreis Bamberg: Rollstuhlfahrer (38) will unbedingt arbeiten - und verzweifelt an deutscher Bürokratie

Florian Weiss aus Memmelsdorf sitzt im Rollstuhl. Bordsteine kann er trotz Behinderung bewältigen - Barrieren der Bürokratie sind dagegen echte Hindernisse. Er will arbeiten. Doch dabei würden ihm Steine in den Weg gelegt, kritisiert er.
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Florian Weiss blättert in seinen Akten: Der Schriftverkehr mit der Deutschen Rentenversicherung füllt mittlerweile mehrere Ordner. Die bürokratischen Hürden bremsen ihn aus - die Barrieren im Alltag kann der 38-Jährige mit seinem Sportrollstuhl dagegen oft meistern.  Foto: Sebastian Schanz
Florian Weiss blättert in seinen Akten: Der Schriftverkehr mit der Deutschen Rentenversicherung füllt mittlerweile mehrere Ordner. Die bürokratischen Hürden bremsen ihn aus - die Barrieren im Alltag kann der 38-Jährige mit seinem Sportrollstuhl dagegen oft meistern. Foto: Sebastian Schanz

Florian Weiss hat sich zunächst nicht viel dabei gedacht, als er vor acht Jahren in seiner Wohnung ab und zu gestolpert ist: Mal blieb er an einem Teppich hängen, mal an einem Staubsaugerkabel. Irgendwann fiel er eine Treppe hinunter. Der Arzt diagnostizierte einen Bänderriss. "Er hat gesagt: ,Das muss doch höllisch wehtun.' Aber ich hab nichts gemerkt", erzählt der 38-Jährige. Seine Beine fühlten sich taub an. Ein Radiologe lieferte schließlich die bittere Erkenntnis, dass Florian Weiss unter einer seltenen Erkrankung des Rückenmarks leidet: Syringomyelie.

Früher Halbmarathons gelaufen

"Grob gesagt habe ich eine Blase im Nervenwasserkanal des Rückenmarks", erklärt der Memmelsdorfer bei sich zu Hause. Nach und nach verlor er das Gefühl in seinen Beinen. Der Sportler, der täglich trainierte, bei der Bundeswehr marschierte und bei Halbmarathons mitlief, musste plötzlich an Krücken gehen, fiel oft hin, traute sich kaum mehr aus dem Haus.

Heute sitzt Weiss im Rollstuhl. "Mein Porsche", sagt er zu seinem Sportmodell, dass es dem Mann mit den muskulösen Armen auch möglich macht, über Bordsteine und andere Hindernisse im Alltag hinwegzufahren. "Der Rollstuhl hat mir Mobilität gebracht", betont der 38-Jährige. Nur bei den bürokratischen Hindernissen kann ihm sein Porsche nicht helfen.

"Ich muss mir alles erstreiten"

Weiss zieht den Rollstuhl zu sich ans Sofa, als er erzählt, hebt sich mit den Armen in den Sitz und schiebt sich durch sein modern eingerichtetes Wohnzimmer in einem Memmelsdorfer Mehrfamilienhaus. Aus einer Kommode zieht er einen Aktenordner. "Ich habe noch einige davon. Das ist nur der Schriftverkehr seit Juni 2017", sagt er und lenkt zurück zum Sofa. "Die bürokratischen Barrieren sind viel aufwendiger als die gesundheitlichen Einschränkungen", erklärt er. "Ich muss mir alles erstreiten."

Trotz seiner Erkrankung wolle er unbedingt arbeiten. Nach der Reha habe er also im Arbeitsamt vorgesprochen, wollte vom Kfz-Mechatroniker zum Bürokaufmann umschulen. "Dort hat man mir gesagt: Was meinen Sie, wer sie sind? Da draußen sind 100 Bürokaufmänner, wir brauchen nicht noch den 101sten." Statt der Umschulung habe man ihm die Frühverrentung wegen Berufsunfähigkeit nahegelegt. "Aber das will ich nicht. Du verblödest total. Finanziell wird es durchs Nichtstun auch nicht besser. Ich will arbeiten. An mir beißen die sich die Zähne aus."

Lektüre im Sozialgesetzbuch

Die Arbeitsagentur weist die Vorwürfe zurück, will sich zum Einzelfall jedoch nicht äußern. Pressesprecher Matthias Klar betont: "Unsere Mitarbeiter tun alles, um den Menschen zu helfen." Selbstverwirklichung nach Eignung, Neigung und Fähigkeiten stehe im Vordergrund. Teilhabe am Arbeitsleben habe Vorrang vor Rentenleistungen. "Wir haben spezielle Vermittler, speziell für Schwerbehinderte", sagt Klar - jedoch sei die Arbeitsagentur nicht bei jeder Unterstützungsleistung zuständig.

Florian Weiss versuchte es schließlich mithilfe seines Reha-Arztes bei der Deutschen Rentenversicherung, seine Umschulung zu bekommen. "Ich kenne mittlerweile das Sozialgesetzbuch ziemlich gut", sagt er und blättert in den Dokumenten. Mit Rot hat er die Ablehnungen unterstrichen, mit Gelb deren Begründungen. Grüne und pinke Zettel markieren die wichtigsten Seiten.

Nach einem zähen Ringen bekam er über die Rentenversicherung seine Chance am Berufsförderungswerk Nürnberg: Als einer der ersten Auszubildenden im damals neuen Beruf des Kaufmanns für Büromanagement saß er mit 16- und 17-Jährigen in einer Klasse. "Das war Bombe", erinnert sich Weiss gerne an die Zeit, die aber auch sehr stressig gewesen sei: Weil nur zwei Jahre finanziert wurden, musste er die dreijährige Ausbildungszeit um ein Jahr verkürzen, wie er sagt. "Ich wollte das unbedingt und habe besser abgeschlossen als ich mir vorgenommen habe."

Führerschein trotz Rollstuhl

Danach machte er sich an die Jobsuche. Doch wie sollte er zu den Bewerbungsgesprächen kommen? Schon stand er vor der nächsten bürokratischen Hürde: Sein Führerschein musste an die Behinderung angepasst werden. Doch die Deutsche Rentenversicherung wollte den dreistelligen Betrag dafür nicht zahlen. "Ich habe die Schwerbehindertenvertretungen in Bayern, beim Bund und in Brüssel angeschrieben. Das war schade ums Porto. Aber so hatte ich immerhin Aktenzeichen, die ich bei der Versicherung angeben konnte." Weiss bekam seine Führerscheinanpassung.

 

Nun brauchte er noch einen Job. "Bei der Lebenshilfe wurde ich nicht genommen, weil ich dafür zu fit bin", sagt er. Letztlich fand er eine Anstellung im öffentlichen Dienst in Bamberg.

Ein behindertengerechtes Auto hatte er immer noch nicht - das ist bis heute so geblieben. Was ihn ärgert. "Es geht um meine Mobilität", sagt der Memmelsdorfer. Zwar gibt es Busverbindungen, doch sei es als Rollstuhlfahrer beispielsweise beim Einkaufen sehr viel einfacher und weniger zeitaufwendig, mit dem Auto zu fahren. "Ich arbeite Vollzeit, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, meine Einkäufe in drei bis vier Busfahrten nach Hause zu schaffen", erklärt Weiss und sucht den Schriftverkehr heraus. "Kraftfahrzeughilfe" heißt das Zauberwort.

"Zur sogenannten Kraftfahrzeughilfe gehören Zuschüsse für den Kauf eines Autos, für die behindertengerechte Zusatzausstattung Ihres Autos, für das Erlangen einer Fahrerlaubnis und für die Beförderung durch Transportdienste (Taxi oder ähnliches)", schreibt die Deutsche Rentenversicherung auf Nachfrage. "Voraussetzung hierfür ist, dass der oder die Betroffene aufgrund der Behinderung dauerhaft auf die Nutzung eines Autos angewiesen ist, um den Arbeits- oder Ausbildungsort erreichen zu können." Letzteres erkennt die Versicherung im Fall des Memmelsdorfer Rollstuhlfahrers nicht an.

Versicherung zahlt Taxi, obwohl es teurer sei

"Ich bekomme keine Zuschüsse zum Auto, weil meine Stelle befristet ist", sagt Weiss und zeigt den Passus im Schriftverkehr, der sich nun schon seit eineinhalb Jahren hinzieht. "Stattdessen zahlt mir die Versicherung jeden Tag das Taxi hin und zurück. Ich habe ihnen vorgerechnet, dass das über ein Jahr gesehen deutlich teurer ist, als die Kraftfahrzeughilfe, aber das ist denen egal." Auch habe er der Versicherung vorgeschlagen, er kaufe sich ein Auto und die Versicherung zahle nur den Umbau - abgelehnt.

Weiss hofft nun, dass die Befristung seines Arbeitsvertrages bald aufgehoben wird. Dann will er wieder angreifen in Sachen Auto - Anlauf nehmen für die nächste bürokratische Hürde.

 

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