Bamberg

"Ich bin doch kein Kuscheltier"

Der Menschenrechtsaktivist Raúl Krauthausen hielt am Freitagabend in der Bamberger Kulturfabrik Kufa ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rechte der Menschen mit Behinderung.
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Raúl Krauthausen bei seiner Lesung  Foto: Ronald Rinklef
Raúl Krauthausen bei seiner Lesung Foto: Ronald Rinklef
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Leidenschaft. Das ist es, was Raúl Krauthausen für die Sache der behinderten Menschen mitbringt - und damit auch für seine eigene. Der 39-Jährige ist wegen seiner angeborenen Glasknochenkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen und kleinwüchsig. Was ihn per se zu einem Exoten macht, der Blicke und mehr oder weniger boshafte Kommentare anzieht. "Warum ist der Mann so klein?" mag die lediglich neugierige Frage eines wissbegierigen Kindes sein.

Interessanter, so Krauthausen, seien aber die Reaktionen der Erwachsenen und deren Antworten. In einem Fall erklärte der Vater des Jungen, dass der Mann aus dem gleichen Grund klein sei, aus dem der Junge ein Junge und seine Schwester ein Mädchen sei.

Anders denken

Das war nur ein Beispiel, mit dessen Hilfe der Menschenrechtsaktivist und Autor Raúl Krauthausen sein Publikum in der Bamberger Kulturfabrik Kufa zum Schmunzeln und Nachdenken brachte. Denn noch ehe er zu seinem weißen Kindle ("Früher konnte man nicht sagen ,Ich muss mal mein Buch aufladen.'") griff, um aus seiner Biografie "Dachdecker wollte ich eh nicht werden" (Rowohlt) vorzulesen, trug er ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rechte der Menschen mit Behinderung vor. Ein Plädoyer, das weit entfernt davon war, nach Mitleid und Bedauern zu heischen, sondern dazu aufforderte, anders zu denken und zu begreifen, dass beispielsweise barrierefreie Bahnsteige oder Niederflurbusse nicht nur Vorteile für Menschen mit Behinderungen haben, sondern allen das Leben erleichtern.

Kein "Inklusionsglitzer"

Menschen mit Behinderung sollten, so Krauthausen, nicht mit "Inklusionsglitzer" bedacht, sondern einfach beteiligt werden am kulturellen Leben ("Ist Kultur nicht für alle da?"), in dem es nicht damit getan sei, einen rollstuhlgerechten Platz vorzuhalten. Menschen mit Behinderung sollten auf der Kinoleinwand genauso zu sehen sein, wie als Regisseure oder in den Chefetagen der Konzerne. Die ICEs der Bahn seien deshalb nicht behindertengerecht und hätten beispielsweise lediglich eine Tür, die für Rollstuhlfahrer geeignet sei, weil keiner der beteiligten Designer eine Behinderung habe. Heutzutage würde niemand auf die Idee kommen, die Stelle einer Frauenbeauftragten mit einem Mann zu besetzen, die eines Behindertenbeauftragten werde aber nicht unbedingt mit einem behinderten Menschen besetzt.

Lediglich ein Merkmal

Krauthausen, der in seiner ruhigen Art umso eindringlicher wirkte, verglich die Debatte mit der Frauenbewegung der 1920er Jahre und mit der Diskussion in den 1950er Jahren, ob man Mädchen und Jungen gemeinsam beschulen solle. Die Trennung von Jungen und Mädchen wirke heute so lächerlich, wie die Trennung von "normalen" Schulen und Förderschulen hoffentlich bald wirken solle. Letztere sei ein alternativer Weg, der deshalb leichter zu gehen sei, weil sich die normale Schule nicht anpassen müsse. So wenig eine Schule aber entscheiden könne, ob sie Kinder mit roten Haaren unterrichte, so wenig solle sie auch entscheiden können, ob sie Menschen mit Behinderung unterrichten wolle. Denn eine Behinderung sei, so Krauthausen, letztlich ein Merkmal, das zu einem Menschen gehöre wie dessen Haarfarbe.

Es reiche nicht aus, Werbesprüche wie "Wir haben uns auf den Weg gemacht" mit Fotos von Kindern, von denen eines eine Behinderung habe, zu plakatieren und zu suggerieren, alle sollen sich liebhaben. "Ich will nicht, dass mich alle liebhaben", sagt Krauthausen, "Ich bin doch kein Kuscheltier." All das baue keinen Aufzug an der Schule oder schaffe kleinere Klassen, in denen Kinder mit und ohne Behinderung so unterrichtet werden können, dass alle davon profitieren. "Was wir brauchen, ist mehr Aufruhr, Rechte und Gesetze."

Die Lesung aus seinem Buch "Dachdecker wollte ich eh nicht werden" geriet angesichts der klugen und eindringlichen Appelle fast zur Nebensache, zumal der ein oder andere Gast das Buch vor Beginn der Veranstaltung bereits am Büchertisch der mitveranstaltenden Buchhandlung Osiander erstanden hatte.

Einführende Worte fanden der künstlerische Leiter der Kufa, Harald Rink, und für das Bamberger Literaturfestival Klaus Stieringer.

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