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Bamberg
Pressekonferenz

Hoffnungsschimmer für die Stadtkultur

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg stellt seine neue Spielzeit vor. Die Saison 2020/21 verspricht viel Anspruch und Kurzweil.
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Ab Oktober 2020 heißt es wieder "Vorhang auf" im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater.   Fotos: Marion Krüger-Hundrup
Ab Oktober 2020 heißt es wieder "Vorhang auf" im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater. Fotos: Marion Krüger-Hundrup
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Schon die Vorstellung des neuen Spielplans für die Saison 2020/21 war dramaturgisch perfekt. Weckte Neugier auf klassische wie zeitgenössische Stücke, die das E..T.A.-Hoffmann-Theater auf die Bühne bringt. Intendantin Sibylle Broll-Pape und Chefdramaturg Remsi Al Khalisi standen natürlich im absoluten Rampenlicht dieser Pressekonferenz im großen Haus für zahlreiche Medienvertreter. Gemäß des Mottos der kommenden Spielzeit "Wo stehen wir?" gaben die beiden Theatermacher klare Antworten, was das wertgeschätzte Publikum an Antworten zu erwarten hat - trotz eines kleinen, unberechenbaren Virus, der auch dem Spielbetrieb des Theaters in diesem Frühjahr ein vorzeitiges Ende bereitete.

Das Motto "Wo stehen wir?" passe auf die derzeitige Situation, erklärte Broll-Pape. Der Lockdown gewähre Zeit zu überlegen, "wo die Gesellschaft steht, wo man persönlich steht". Wie es um "unsere Grundrechte steht: Überlassen wir die Diskussion um Freiheit den Rechten und Verschwörungstheoretikern? Wie steht es um unser Wirtschaftssystem, um Nationalismus und Globalisierung, Klimawandel?" listete die Intendantin Zeitansagen auf.

Ob die Welt sich "nach Corona" ändern wird und wenn ja wie, vermag sicher gerade niemand zu sagen. "Aber die Situation fordert eine Bestandsaufnahme und Standortbestimmung", dazu wolle das E.T.A.-Hoffmann-Theater beitragen, so Broll-Pape, und sagte im übertragenen Sinne "Vorhang auf!" für den Chefdramaturgen, der in die geplanten zwölf Neuproduktionen, davon zwei Uraufführungen und zwei Erstaufführungen, einführte.

Vielschichtiges Programm

Anschaulich, unterhaltend, facettenreich, berührend, künstlerisch anspruchsvoll, changierend zwischen Champagnerlaune und apokalyptischer Düsternis versprechen diese Stücke zu werden.

Saisonstart ist der 3. Oktober mit dem Liederabend "Schöne Aussichten!" unter der musikalischen Leitung von Bettina Ostermeier. Sibylle Broll-Pape führt Regie und versprach bereits jetzt ein fulminantes Wiedersehen mit dem Publikum, das gefeiert werden solle. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem in den vorherigen Spielzeiten bewährten Ensemble. Lediglich zwei Schauspieler haben an größere Theater gewechselt, zwei Mimen kommen neu nach Bamberg.

Am 9. Oktober geht es mit Anton Tschechows Komödie "Der Kirschgarten" weiter im Spielplan (Regie: Sibylle Broll-Pape). Darin treffen die nostalgischen Bewahrer auf den blitzgescheiten Aufsteiger, der erkannt hat, dass die Zukunft Sentimentalitäten nicht verzeihen wird.

Björn SC Deigners Theaterstück "Die Polizey" (Uraufführung: Daniel Kunze) ist ein Auftragswerk, welches basierend auf Schillers Fragment "Die Polizey" Polizeigeschichte ebenso wie Verschwörungen in und um den Polizeiapparat untersucht.

Die Klimatrilogie "paradies fluten/hungern/spielen" (Erstaufführung aller drei Teile: Cilli Drexel) beleuchtet die Migrationsströme und die Ausbeutung von Mensch und Natur vor historischem Hintergrund - mit beunruhigenden Erkenntnissen für das 21. Jahrhundert.

Das Weihnachtsmärchen 2020 wird "Herr Bello und das blaue Wunder" des bekannten Bamberger Kinderbuchautors Paul Maar sein. Regie führt Jana Vetten.

In Mark Ravenhills "Der Stock" (Deutschsprachige Erstaufführung: Matthias Köhler) kommt durch die gnadenlos-bissigen Dialoge der Kern der Debatte um Machtmissbrauch zum Vorschein, althergebrachte Auffassungen zerbrechen an den Anforderungen der Gegenwart.

Mit "Gott ist 3 Frauen (Gi3F)" (Uraufführung: Jakob Weiss) entwirft Miroslava Svolikova fein und leicht eine Schöpfungsgeschichte, die das menschliche Irren und Streben zwinkernd begutachtet.

"Effingers" ist ein großer Familienroman. Er beginnt mit einem Brief des 17-Jährigen Paul Effinger und endet mit dem Abschiedsbrief des nunmehr 80-Jährigen kurz vor der Deportation in die Vernichtungslager 1942. Regie führt Sibylle Broll-Pape.

Ausgehend von Hannah Arendts Schriften zum "Bösen" will sich das E.T.A.-Hoffmann-Theater mit der großen Denkerin des 20. Jahrhunderts beschäftigen. "Die Banalität des Bösen" wird von Clemens Bechtel inszeniert.

"Der Riss durch die Welt" (Regie: Sibylle Broll-Pape) ist Roland Schimmelpfennigs neuestes Stück, in dem er seine Figuren mit einem göttlichen Fingerschnipsen rasant von Champagnerlaune in apokalyptische Düsternis springen lässt.

Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline" in der Regie von Stefan Otteni nimmt das Publikum mit auf das Münchner Oktoberfest in Zeiten der Wirtschaftskrise.

"Gold" von Philipp Gärtner (Regie: Wilke Weermann) geht der Spätkapitalismus.

Zum Abschluss der Spielzeit stehen wieder die Caldéron-Freilichtspiele in der Alten Hofhaltung an. Zu sehen ist dort William Shakespeares "Was ihr wollt" in der Inszenierung von Mia Constantine.

Im Zeichen von Corona

"Wir hoffen, dass wir den Spielplan durchziehen können", brachte die Intendantin noch einmal die Unwägbarkeiten des Coronavirus ins Gespräch. Auch in den Proben, selbst in den Aufführungen müssten die geltenden Hygienevorschriften wie Abstand halten berücksichtigt werden. "Die Spielweisen ändern sich, die Bühnenbilder müssen angepasst werden", erklärte Broll-Pape. Durch die Corona-Regeln könnten lediglich 70 statt der üblichen 400 Zuschauer im großen Saal Platz nehmen. Doch "wir wollen unbedingt spielen". Auch wenn das Theater "durch den gigantischen Einnahmeverlust ins finanzielle Loch fällt und gefallen ist". Sie hoffe, so Broll-Pape, dass "wir finanziell nicht von der Stadt Bamberg im Stich gelassen werden".

Die Theaterchefin schaute aufmerksam Zweiten Bürgermeister Jonas Glüsenkamp an, der als kommissarischer Kulturreferent an der Pressekonferenz teilnahm. Der konnte noch keine klare Aussage darüber treffen, ob in der städtischen Haushaltskasse "wegen und nach Corona" ausreichende Mittel für den Kulturbetrieb drinnen sein werden. Zumindest legte Glüsenkamp ein geradezu leidenschaftliches Plädoyer für die Kultur generell ab, die "keine Nebensache ist, sondern zentraler Bestandteil der Stadtgesellschaft". Dass das E.T.A.-Hoffmann-Theater wieder offensiv in eine neue Saison gehe, sei ein "Hoffnungsschimmer wie Löwenzahn, der durch den Asphalt bricht", sagte der "grüne" Bürgermeister. Und würdigte das "für gesellschaftlich relevante Stücke überregional vielfach ausgezeichnete Theater", das "mit Herzblut von dem ganzen Team um Sibylle Broll-Pape und Remsi Al Khalisi" wirksam in Szene gesetzt werde.