Bamberg
Aufruf

Hilferuf aus Australien: Wer kannte den einäugigen Maler aus Ludwag?

Von Australien aus sucht Karl-Heinz Seelig die Hilfe aller Scheßlitzer, um Informationen über einen verstorbenen Künstler zu erhalten: Den ab 1945 in Franken lebenden Ludwig Haller möchte der aus Erlangen stammende Emigrant dem Vergessen entreißen.
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Ludwig Haller 1931 in Dresden.  Foto: pr
Ludwig Haller 1931 in Dresden. Foto: pr
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"Gibt es in und um Scheßlitz noch Menschen, die sich an den einäugigen Ludwig Haller erinnern?" Um die halbe Welt schickte Karl-Heinz Seelig seinen Aufruf: Ein Franke, der seit 21 Jahren in Australien lebt, wo er auf die bewegende Geschichte eines vergessenen Künstlers stieß. So arbeitet der Erlanger nun an der Biografie des einst renommierten Malers, der von den Nationalsozialisten wegen "entarteter Kunst" verfolgt wurde. Und Seelig hofft darauf, dass ihm Franken, die sich an Hallers Zeit in Ludwag zurückerinnern, weitere Informationen liefern.

Leben auf dem Vulkan

Hallers einstige Schülerin hatte den Stein ins Rollen gebracht: "Liah Falkenberg, die ich 1997 kennen lernte, als sie noch ganz alleine hoch oben auf einem erloschenen Vulkan in alten Militärbunkern lebte", berichtet Seelig. Seiner engen Vertrauten hatte Haller mittlerweile sämtliche Werke vermacht, die sie 1985 mit nach Australien nahm und in Transportkisten schlummern ließ. "Vor vier Jahren allerdings verschwand Liah fast 80-jährig spurlos im australischen Busch." Offenbar war sie mit ihrem Wagen liegen geblieben und verirrte sich anschließend zu Fuß auf dem Nachhauseweg. Das Herzensanliegen Falkenbergs, die Kunstwelt an Ludwig Haller zu erinnern, ja ihren Mentor dem Vergessen zu entreißen, machte sich indes Seelig zu eigen und begann an der Biografie des einst auch in Ludwag lebenden Künstlers zu schreiben.

"Es ist unfassbar, dass ein Maler von Hallers Kalibers vom ,Erdboden der Kunstgeschichte' verschwinden kann, nicht einmal mehr in einem Verzeichnis gelistet ist", sagt Seelig. Aufzeichnungen des Verstorbenen halfen ihm, ins Leben des kreativen Kopfes einzutauchen, wie es sich Liah Falkenberg in ihrem Testament gewünscht hatte. "Zunächst lebte, studierte und wirkte Haller in Dresden, wo er Anfang der 30er-Jahre für die Kunstwelt von großer Bedeutung war." So hatte man dem Talent auch die Aufnahmeprüfung zur Kunstakademie und die ersten beiden Pflichtsemester im Zeichnen erspart. "Haller wurde sofort Meisterschüler von Max Feldbauer und bekam später - mit 28 Jahren - zwei Professuren angeboten."

Das Erstarken des Nationalsozialismus brachte die Wende. Fortan galten Werke des Querdenkers als "entartet", so Seelig: "Er durfte unter dem Regime nicht mehr malen, ausstellen oder Bilder verkaufen, was die Gestapo überwachte." Als Einäugiger wurde Haller immerhin nicht zum Kriegsdienst eingezogen.

Dem Tod knapp entronnen

Nach der Bombardierung Dresdens, die dem Künstler höchstwahrscheinlich das Leben rettete, flüchtete Haller mit seiner Frau Liane. Noch am Morgen zuvor wollte die Gestapo den Maler verhaften, der sich dem Volkssturm verweigert hatte. Haller jedoch war nicht zu Hause und entging knapp der standrechtlichen Erschießung.

Statt dessen kam der Künstler mit Liane nach Franken, wie er in seinen Memoiren berichtete, die uns Seelig auszugsweise zukommen ließ: "Wir sind am 28. Februar 1945 per Schiff die Elbe aufwärts in die Tschechei und von da in einem Flüchtlingszug nach Bayern." Immer wieder mussten die Menschen um ihr Leben fürchten, die von amerikanischen Fliegern unter Beschuss genommen wurden - zuletzt kurz vor Bamberg. Die Hallers überlebten, wurden mit anderen Flüchtlingen zunächst in Kellern untergebracht und vom NS-Hilfswerk schließlich auf Dörfer verteilt. "Wir kamen nach Ludwag. Es war der erste März, als wir dort eintrafen. Ein Dorf, steil in der Höhe auf dem Jura - Kreide - Felsen. Entsetzlich ärmlich. Der zu bearbeitende Boden mit Brocken durchsetzt, so dass nicht gepflügt werden konnte. Dort haben wir gut gelebt."

Schlagsahne auf die Wände?

Offenbar kam der Künstler mit seiner Frau bei Landwirten unter und erinnerte sich später: "Liane, die in ihrer Jugend auf großen feudalen Rittergütern in der Tschechei und in Schlesien als freiwillige Elevin gearbeitet hatte, versorgte den Hof der alten Bauern, die ihren Sohn im Felde hatten. Nur eine 17-jährige Tochter war noch da." Schwach und abgezehrt sei er selbst gewesen, meinte Haller. Was ihn nicht daran hinderte, viel zu zeichnen und "lange philosophische Gespräche mit dem jungen Pfarrer (zu führen), der Liane wegen ihrer Feldarbeit in der Kirche lobend wie dankend erwähnte".

Ein gelungener Scherz?

Vieles habe er "in diesem kleinen Dorf von vielleicht 100 Seelen" erlebt, erinnerte sich Haller in seinen Aufzeichnungen. Bis hin zum wunderlichen Brauch, den der Künstler mit den Worten beschrieb. "Man sollte es nicht für möglich halten: die Bauern tünchten alljährlich ihre Häuser mit Schlagsahne."

Hatten die Franken den Sachsen gekonnt auf die Schippe genommen? Etliche Fragen auch zu anderen Flüchtlingen und Gefangenen, über die der Künstler schrieb, möchte Seelig klären. Wer erinnert sich demnach noch an das Frühjahr und den Sommer 1945, als der einäugige Maler mit seiner Frau im Scheßlitzer Raum lebte?

In Schloss Weißenstein

70 Zeichnungen fertigte der Künstler, der sich beispielsweise auch mit Aktmalerei und der griechischen Mythologie befasste, allein in jenen Monaten an. Nach seiner Zeit in Ludwag lebte Haller übrigens noch 17 Jahre lang in Kitzingen und zehn weitere Jahre in Pommersfelden - genauer gesagt "der Fasanerie von Schloss Weißenstein", wie Seelig recherchierte. In der Orangerie hängen noch einige seiner Werke. Zudem habe Haller 1962 "einen modernen Kreuzweg geschaffen, der in der St.-Vitus- Kirche von Wülfershausen (Unterfranken) ausgestellt ist."

Leider konnte dem Künstler Seelig zufolge nach dem Krieg keine Professorenstelle angeboten werden. "1949 hatte Haller die Altershöchstgrenze erreicht." Er starb am 27. Februar 1986 in Borgdorf-Seedorf - vier Jahre, nachdem der Maler Schloss Weißenstein aus gesundheitlichen Gründen verlassen hatte. "Die kalten und feuchten Räume setzen seiner Gesundheit zunehmend zu", berichtet Seelig. Verhältnismäßig arm sei Haller zuletzt gewesen, der Künstler wie Hans Kinder, Erich Fraaß, Curt Querner, Erika Streit und Ernst Bursche zu seinen Freunden gezählt hatte. "Ab und zu ein Bild zu verkaufen, wäre ihm gut gestanden." Aber darauf verstand sich der kreative Kopf nicht, der so "besessen von der Malerei war, dass er vom Zeichnen selbst zu Kriegszeiten und auf der Flucht nicht lassen konnte".

Über 400 Gemälde Hallers fanden den Weg nach Australien. Ebenso wie die Memoiren des Künstlers, über die Seelig Zugang zu seinen Erinnerungen fand. Wer dem Emigranten bei weiteren Recherchen helfen möchte, kann sich an den gebürtigen Erlanger unter der Mailadresse karl_seelig@yahoo.com.au wenden.



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