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Verkehr

Immer mehr los auf den Straßen: Hier droht der Verkehrsinfarkt in Bamberg

Die Masse der Verkehrsteilnehmer auf Bambergs Straßen wächst stürmisch. Doch welche Therapien gibt es gegen Dauerstau und Blechlawine?
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Es ist vor allem der Berliner Ring, der in der "Fieberkarte" der Verkehrszunahme als Problemzone auffällt. Der Vergleich der Fahrzeugfrequenz  zwischen 1997 und 2015 (jeweils in den Morgenstunden) belegt aber auch für den Münchner Ring, den Torschuster und den Regensburger Ring eine deutliche Mehrbelastung.  Quelle: Stadt Bamberg/Openstreetmap     Grafik: Micho Haller
Es ist vor allem der Berliner Ring, der in der "Fieberkarte" der Verkehrszunahme als Problemzone auffällt. Der Vergleich der Fahrzeugfrequenz zwischen 1997 und 2015 (jeweils in den Morgenstunden) belegt aber auch für den Münchner Ring, den Torschuster und den Regensburger Ring eine deutliche Mehrbelastung. Quelle: Stadt Bamberg/Openstreetmap Grafik: Micho Haller

Geht man nach den selbst gesteckten Zielen der Stadtverwaltung, steht Bamberg 2020 an einem Scheidepunkt. Wieder einmal. Der neue Stadtrat soll über den Verkehrsentwicklungsplan für die Zeit bis 2035 entscheiden - ein Großkonzept, das Auswirkungen auf jeden Lebensbereich haben könnte.

Bereits beschlossen ist eine zentrale Ziffer in diesem Paket.

Die Zahl der Verkehrswege, die mit dem so genannten Umweltverbund, also mit dem Rad, zu Fuß oder mit dem Bus zurückgelegt werden, soll von 59 auf 75 Prozent steigen - eine ehrgeizige Vorgabe, denn sie bedeutet auch, dass der Autoverkehr von 41 auf 25 Prozent schrumpft.

4000 neue Fahrzeuge in Bamberg

Im Moment scheint sich auf den Straßen das glatte Gegenteil abzuspielen. Die 7000 Einwohner und die 4000 neuen Kraftfahrzeuge, die Bamberg in den letzten Jahren gewonnen hat, lassen den Strom von Fahrzeugen in der Stadt massiv anschwellen.

Nicht nur am Berliner Ring hat die Belastung eine Grenze erreicht. Auch im Berggebiet zeigen sich Überhitzungserscheinungen. So wuchs die Blechlawine am Torschuster von 1997 bis 2015 um über 15 Prozent, wie die Analyse der Stadt gezeigt hat. Lärmgeplagte Anwohner können ein Lied davon singen.

Spannend wird es, wenn der Stadtrat die konkreten Maßnahmen beschließt, die aus den Zielen erwachsen: Was bedeutet die Vorgabe, den Fußgänger- und Radfahrerverkehr attraktiver zu machen, für den Ausbau des Straßennetzes, für die Schaffung von Park- und Rideplätzen, die Platzierung von Einzelhandel oder auch den S-Bahnhalt Süd?

Die Erfahrung zeigt, dass das Kleinklein bei Verkehrsthemen eng mit der Hoffnung auf einen großen Wurf verbunden ist, den Befreiungsschlag, der alles besser macht - oder auch nicht. Beispiel Bergverbindungsstraße. Wann immer es in der Debatte um die Überlastung der Altstadt geht, dauert es nicht lang, bis die Forderung nach einer Entlastungsstraße im Westen kommt. Sie könnte das nördliche mit dem südlichen Berggebiet verbinden oder in einem weiter gefassten Bogen Gaustadt mit Wildensorg.

Befürworter und Gegner von Verkehrsprojekten lähmen sich gegenseitig

Doch unabhängig von der Frage, ob ein solches Millionenvorhaben tatsächlich den gewünschten Effekt und welchen Preis die Stadt dafür zu zahlen hätte - sie scheitern schon an der Stimmungslage in der Bevölkerung und deren gewählten Vertretern im Stadtrat, wo sich Befürworter und Gegner von Verkehrsprojekten gegenseitig lähmen. So zieht sich ein roter Faden vom knappen Ausgang des Bürgerentscheids gegen die Bergverbindung im Jahr 1998 bis zu den Beschlüssen im Stadtrat nach den Mediationsverfahren Berggebiet und Innenstadt - von deren Ergebnissen außer Papier ebenfalls nicht viel übrig blieb.

Rekord bei der Einwohnerzahl

Was aber bedeutet die wechselvolle Vorgeschichte der Verkehrsprojekte in Bamberg für die neuen Ziele? An Brisanz mangelt es 2019 nicht. "Durch die Zunahme von 1000 Einwohnern pro Jahr haben wir etwa eine Million Verkehrsbewegungen pro Jahr zusätzlich", beschreibt Baureferent Thomas Beese die besonderen Herausforderungen Bambergs, dessen Altstadtmaße seit dem Mittelalter weitgehend unverändert sind.

Dass an diesem Stadtbild nicht gerüttelt wird, war auch nicht immer in Stein gemeißelt. So zeigt der Rückblick auf ein Großprojekt des Jahres 1966, wie sehr sich Denkweisen ändern können. Damals plante die Stadt den Bau einer vierspurigen Straßentrasse quer durch das heutige Gärtnerviertel. Große Teile der Unteren Gärtnerei wären dem "Durchbruch Mitte" und der damals herrschenden Vorstellung von einer autogerechten Stadt zum Opfer gefallen, hätte die Stadt ihre Pläne wahr gemacht. Doch dazu kam es nicht, die Bamberger Gärtner gingen auf die Barrikaden - der Stadtrat blies das Großprojekt wieder ab.

Kommentar des Autors:

Als Bettvorleger gelandet

Sie sind nicht zu beneiden - die Bamberger, die entlang einer Einfallsstraße wohnen. An der heimlichen Bergverbindungsstraße oder in der Nähe des innerstädtischen Rings kann von Traumstadt keine Rede mehr sein.

Im Gegenteil: Die Anwohner dort müssen mit den Schattenseiten einer ungebremsten Urbanisierung fertig werden.Lärm, Abgase, das Getümmel im öffentlichen Raum sind spürbar gewachsen.

Doch das Problem nur zu benennen, hilft nicht weiter. Es müssen auch Maßnahmen daraus abgeleitet werden. Damit aber beginnt das Problem. Denn die Interessenlage ist verzwickt. Wer kann schon von sich behaupten, er sei kein Teil der modernen Mobilität.

Und deshalb ist der neue Verkehrsentwicklungsplan der Stadt so lange nur ein Packen Papier, so lange es bei der Theorie bleibt.

In der Vergangenheit war das in Bamberg leider die Regel. Die Verkehrsplaner begannen ambitioniert wie der Tiger im Sprung. Gelandet sind sie als Bettvorleger. Auf der Straße änderte sich wenig bis nichts.

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