LKR Bamberg
Podiumsdiskussion

Große Bühne für die Kandidaten aus dem Stimmbezirk Bamberg-Land

Zu Themenkomplexen von A wie Asyl bis W wie Wirtschaft konnten die Direktbewerber in der Aula der Strullendorfer Volksschule Position beziehen. Nicht zuletzt über die Migrationsfrage wurde leidenschaftlich diskutiert.
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Foto: Stefan Fößel
Foto: Stefan Fößel

Schnell reden und möglichst viel Inhalt in die erlaubten 100 Sekunden packen oder besser weniger sagen und das Gesagte wirken lassen? Beide Strategien erfreuten sich großer Beliebtheit beim zweiten Duell der Direktkandidaten, dieses Mal für den Stimmkreis 401 Bamberg-Land (Landkreis Bamberg ohne Hallstadt, Bischberg, Gundelsheim, Lisberg, Oberhaid, Viereth-Trunstadt, Priesendorf, Stegaurach und Walsdorf).

Holger Dremel (CSU), Uwe Metzner (SPD), Georg Lunz (Bündnis 90/Grüne), Florian Köhler (AfD), Martin Wünsche (FDP), Verena Scheer (FW) und Andreas Tränkenschuh (Linke) stellten sich den Fragen von Annette Schreiber (Fränkischer Tag) und Marc Peratoner (Radio Bamberg), aber auch die 80 Zuhörer der Podiumsdiskussion brachten sich mit Fragen ein.

In der kurzen Vorstellungsrunde konnte Realschullehrerin Scheer unter anderem kleinere Klassen und mehr Lehrer sowie Unterstützung für die Landwirte fordern, Pädagogik-Student Tränkenschuh "großen Nachholbedarf im Bereich der Bildung in Bayern" ausmachen, Malermeister Lunz für "eine vernünftige Umweltpolitik" werben, sich Personalleiter Wünsche für "Vielfalt und Toleranz in einer offenen Gesellschaft" aussprechen, Vermessungstechniker Metzner "viele Baustellen" von Schulen bis Breitband benennen, Hufschmied Köhler sich für das "Streben nach Freiheit" und den Rechtsstaat aussprechen und Polizist Dremel seine Schwerpunkte Sicherheit und Zukunft des ländlichen Raums anreißen.

Beim ersten und größten Diskussionspunkt, dem Themenkomplex Migration/Asyl/Integration gingen die Einschätzungen erwartungsgemäß weit auseinander. Einig in der Ablehnung von Ankerzentren sind sich unter anderem die Vertreter von Freien Wählern, Linken, Grünen, SPD, während Köhler (AfD) und Dremel (CSU) darauf hinwiesen, dass sich durch diese Zentren die Asylverfahren deutlich beschleunigt hätten, auf durchschnittlich drei Monate. "Ankerzentren sind die richtige Einrichtung, auf eine schnelle Entscheidung kann dann entweder die Unterbringung in einer dezentralen Einrichtung oder die Rückführung ins Heimatland erfolgen", sagt Dremel.

Tränkenschuh (Linke) wies auf hausgemachte Migrationsursachen wie "fehlgeleitete Entwicklungspolitik" und Waffenexporte hin, Lunz (Grüne) auf das Potenzial der Migranten: "Das Handwerk sucht händeringend nach Auszubildenden, ich habe auch einen Flüchtling eingestellt."

Für Wünsche (FDP) kommt ein Einwanderungsgesetz mit 15 Punkten nach kanadischem Vorbild in Betracht, wer nicht anerkannt wird, müsse aber auch das Land verlassen. Metzner (SPD) würdigte die Integrationsarbeit der vielen Ehrenamtlichen und sprach sich für dezentrale Einrichtungen aus. "Schön, dass sich alle so einig sind", warf Köhler (AfD) ein. Asyl bedeute Schutz auf Zeit, wer sich integrieren möchte, solle ein Arbeitsvisum beantragen. Dass dies eben nicht so einfach funktioniere, versuchte der Linken-Kandidat am Beispiel zweier minderjähriger Afghanen zu verdeutlichen.

Worauf Köhler erklärt, dass Afghanistan als sicheres Herkunftsland gelte. Und ob die Asylbewerber wirklich minderjährig seien, müsse man am besten mit medizinischen Methoden überprüfen. "Das ist zutiefst unmenschlich", stöhnte Moderator Peratoner auf. "Ich bin fassungslos", erklärte auch Metzner. "Afghanistan ist nur auf dem Papier sicher."

Dass es neben dem Thema Migration noch viel mehr zu besprechen gebe, merkte Andreas Tränkenschuh wie schon am Vortag an, als er bei der ersten Diskussion den verhinderten Linken-Kandidaten Paul Lehmann vertreten hatte.

Klar für Inklusion

Strullendorf — Beim Stichwort Bildung denkt Martin Wünsche (FDP) nicht an Formeln und Gedichte, sondern an eine bessere Allgemeinbildung, an der gearbeitet werden müsse. Uwe Metzner (SPD) wünscht sich die Vermittlung von mehr Alltagskompetenz in den Schulen, von Ernährung bis Versicherung.

Holger Dremel (CSU) ärgert sich, wenn Mittelschulen schlechtgeredet würden. Andreas Tränkenschuh würde gern neue Schulmodelle in Bayern erproben. Inklusion an Schulen bejahen alle Diskussionsteilnehmer, auch Florian Köhler entgegen der Linie seiner Partei. Für kleinere Klassen und mehr Lehrer spricht sich neben Verena Scheer (FW) auch Georg Lunz (Grüne) aus.

Florian Köhler hält das derzeitige Bildungssystem für durchlässig genug, wenn man Ziele und den Willen dazu habe: "Ich habe auch das Abi auf dem zweiten Bildungsweg geschafft. Und ich bin bei der AfD."

Wie könnte man der Wirtschaft helfen?

Strullendorf — Neben dem Fränkischen Tag und Radio Bamberg waren die IHK für Oberfranken und die Kreishandwerkerschaft Bamberg Initiatoren der Diskussionsrunden. IHK-Präsidentin Sonja Weigand richtete ans Podium die Frage "Wie stehen Sie zum Bürokratieabbau und was soll die Politik in Bayern konkret tun, um die Unternehmen zu entlasten?"

Verena Scheer (FW) bezeichnete den Mittelstand als "zentralen Grundpfeiler", sie sei für Bürokratieabbau (wie im Anschluss nahezu alle Diskussionsteilnehmer) und fordere ein unabhängiges Kontrollgremium. Dass es möglich sein müsse, alle Formulare auch online auszufüllen und abzuschicken, unterstrich neben Scheer unter anderem auch Martin Wünsche (FDP). "Bürokratie hat auch Vorteile, sie hilft dabei, Schwarzarbeit aufzudecken und schützt den ehrlichen Arbeitgeber", erklärte Andreas Tränkenschuh (Linke). Georg Lunz (Grüne) kennt das Bürokratie-Problem aus seinem eigenen Betrieb. "Wenn hauptsächlich Rechtsanwälte und Lobbyisten Gesetze machen, kommt sowas raus." Holger Dremel (CSU) wies darauf hin, dass bereits einiges unternommen werde, vom Beauftragten in Sachen Bürokratieabbau bis zum Praxischeck.

Mehr in der Tasche

Kreishandwerksmeister Manfred Amon kritisierte, dass den Mitarbeitern zu wenig vom Lohn in der Tasche verbleibe. Tränkenschuh forderte, Lohnnebenkosten abzubauen und Gutverdiener stärker zu belasten. "Der Mittelstand wird immer am stärksten belastet, aber Bosch in Bamberg zahlt keine Steuern", erklärte Lunz. Metzner fordert mehr Steuerfahnder, um die Steuerflucht einzudämmen. Wünsche wünscht sich niedrigere Rentenbeiträge und die Verlagerung auf private Anbieter. Dremel würde das Handwerk über zusätzliche Erleichterungen bei der Aufzeichnung von Fahrten entlasten.

Was das Leben auf dem Land lebenswerter macht

Strullendorf — Wie kann man die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum sichern? Mehr Medizin-Studienplätze, auch in kleineren Städten, fordern Scheer und Tränkenschuh. Für Wünsche hängt vieles zusammen und eine insgesamt bessere Infrastruktur locke auch mehr Ärzte aufs Land.

"Mich regt die Zwei-Klassen-Medizin auf, warum ist das Knie vom Privat-Patienten dreimal so viel wert wie das vom Kassen-Patienten?", fragt sich Lunz. Einer der originellsten Vorschläge des Abends stammte von Metzner, der eine Art Bezirkssystem für Ärzte forderte. "Viele Ärzte wollen statt Selbständigkeit lieber mehr Urlaub, Zeit für Familie und das Leben in der Stadt. Sie könnten als angestellte Ärzte in den Kommunen arbeiten, in Räumen, die ihnen dort zur Verfügung gestellt werden. Und wenn es der Wunsch der Ärzte ist, könnte man sie dann auch in die Selbständigkeit entlassen." Köhler forderte, schon im Studium weitere Anreize für künftige Landärzte zu schaffen. Dremel wies darauf hin, dass bereits an einigen Stellschrauben gedreht worden sei. "Ich bin für noch mehr Lehrkrankenhäuser in der Region, in Scheßlitz und in Burgebrach", erklärte der CSU-Kandidat.

Auf die Publikumsfrage wie das Leben auf dem Land noch lebenswerter werden könnte, forderten fast alle einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder eine flächendeckende Verlegung von Glasfaser und bessere mobile Datennetze. "Das 5G-Netz muss her", sagt Scheer. Tränkenschuh will das Telekom-Monopol durchbrechen. Lunz zeigt am Beispiel Wüstenbuch auf, dass man auch in Eigenleistung ans Glasfasernetz kommen kann. Es dürfe aber eigentlich sein, dass es hier keine anderweitige Unterstützung gebe.

Dremel erklärte, dass der Freistaat Bayern 1,5 Milliarden Euro für schnelles Internet investiere. Am 5G-Netz müsse man aber noch arbeiten: "Selbst im Kroatien-Urlaub gab's ein besseres Netz als bei uns."



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