Zapfendorf
Umweltschutz

Großbaustelle bei Zapfendorf: Der Main erobert sein Bett zurück

Bei Zapfendorf gehen Kiesabbau und Natur eine bayernweit einzigartige Symbiose ein: Der eingeengte Fluss darf sich ausbreiten. Mit schwerem Gerät wird auf einer Fläche von 35 Hektar künstlich eine renaturierte Mainaue geschaffen.
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Für das laut Wasserwirtschaftsamt bayernweit einzigartige Projekt hat die Firma Porzner für die großen Lastwagen extra eine Furt durch den Main geschaffen.  Fotos: Sebastian Schanz
Für das laut Wasserwirtschaftsamt bayernweit einzigartige Projekt hat die Firma Porzner für die großen Lastwagen extra eine Furt durch den Main geschaffen. Fotos: Sebastian Schanz
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Langsam steuert Viktor Kloster seinen monströsen Kipplaster mitten durch den Main. Angetrieben von 465 Pferdestärken rollen sechs mannshohe Räder durch das flache Wasser der Furt - als ob es noch eines symbolischen Akts bedurft hätte, wie sehr der Mensch die Natur beherrscht. Doch der routinierte Fahrer arbeitet gerade daran, dem eingeengten, begradigten, einbetonierten Fluss bei Zapfendorf wieder Platz zum Entfalten zu geben. Der Main darf in sein altes Bett zurück.

Am anderen Ufer fährt der gelbe Koloss wieder nach oben, und Kloster am Steuer blickt über eine 35 Hektar große Baustelle mit Gräben, Erdhügeln und Wasserflächen. Hier steigt der Arbeiter auf einen großen Bagger um und gräbt in Richtung eines signalroten Pfostens, der die Grenze des neuen, alten Flussbettes markiert. Auch ohne Pfosten lässt sich noch heute am Saum der Bäume erkennen, wo der Main einst seine natürliche Schleife genommen hat - ehe er zwischen 1860 und 1870 für die Floßfahrt in seine heutige gerade Rinne gezwungen wurde.

An den Hebeln seines Baggers arbeitet Viktor Kloster nun daran, die Zeit um 150 Jahre zurückzudrehen. Ist das für ihn eine besondere Baustelle oder einfach Routine? Kloster zuckt mit den Schultern. Dann lächelt er: "Ich bekomme jeden Tag Besuch von einer Gänsefamilie."

Kanada- und Nilgänse haben die neuen Wasserstellen aus der Luft schon gesichtet und sich am Ufer niedergelassen. Die Naturschützer vom Landesbund für Vogelschutz wollen in den frisch ausgehobenen Gewässern lieber Pionierarten wie Gelbbauchunken, Kreuzkröten oder Kammmolche sehen. Dafür hat der LBV mit der Zapfendorfer Firma Porzner Steine & Erden einen Vertrag unterzeichnet, der Kiesabbau und Biotopgewinnung verbinden soll.

"Durch das Pilotprojekt soll die Förderung und Erhaltung bedrohter Amphibienarten im Gewinnungsprozess gesichert und der laufende Betrieb auch bei schon existierendem Vorkommen bedrohter Arten in einer Win-Win-Situation gewährleistet werden", erklärt dazu der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. "Seltene Arten können einwandern, ohne dass wir Gefahr laufen, dadurch den Kiesabbau einstellen zu müssen", erklärt Sabine Porzner-Isenrath, Geschäftsführerin des seit über 130 Jahren aktiven Unternehmens, die Vorteile.

Die Mulden und Gruben, die ihre Baggerfahrer in der Flur geschaffen haben, werden deshalb schon jetzt mit Wasser befüllt. Die neue, alte Mainschleife bildet den Rahmen. In dessen Mitte entsteht durch den Kiesabbau ein Biotopsee. Das heutige Mainbett soll zum Altarm werden. Bis 2028 soll die gesamte Renaturierung, für die der Freistaat Bayern fünf Millionen Euro vor allem in Grunderwerb investiert, abgeschlossen sein.

"Irgendwann wird das hier einmal richtig schön sein", sagt Kloster und blickt über die Baustelle. Fünf Kilometer flussaufwärts ist das schon zu bewundern. Hier hat die Firma Porzner beim Ebensfelder Ortsteil Unterbrunn bereits vor einigen Jahren eine Mainaue durch Kiesabbau geschaffen und dafür mehrere Nachhaltigkeitspreise erhalten. Die Aue dient als Blaupause für Zapfendorf.

Keine Widerstände

"In Bayern werden Sie kein ähnliches Vorhaben in dieser Größenordnung finden", erklärt Günther Prem, Projektleiter beim Wasserwirtschaftsamt Kronach. Die Verknüpfung von Kiesabbau und Renaturierung sei bemerkenswert.

"Der Main ist an vielen Stellen mit Steinen regelrecht eingemauert", erklärt Bernhard Struck, Naturschutzreferent am Landratsamt Bamberg. Durch Maßnahmen wie diese erhalte er eine Dynamik zurück. Der Flusslauf werde länger, die Fließgeschwindigkeit geringer, was viele Vorteile bringe.

"Es beugt Überschwemmungen vor, die Menschen erhalten ein Naherholungsgebiet und die Natur profitiert", fasst Zapfendorfs Bürgermeister Volker Dittrich (CSU) zusammen. Trotz des erheblichen Aufwandes habe er bisher keine Kritik zu dem Projekt gehört. "Durch die ICE-Trasse ist viel Natur verbaut worden, das muss ausgeglichen werden." Unweit der aktuellen Mainbaustelle sind im Rahmen des Bahnausbaus weitere Renaturierungsmaßnahmen gelaufen - allerdings wurde dabei der Flusslauf nur verlegt und naturnah gestaltet. Diesmal bekommt er eine Aue zurück.

Kommentar des Autors:

Der Main ist lebendig eingemauert. So brutal das auch klingen mag. Und mit ihm viele Flüsse an vielen Stellen in ganz Deutschland. Um eine der größten Umweltsünden in der Geschichte dieses Landes wieder gut zu machen, ist mehr nötig, als drei "Vater Unser" und fünf "Gegrüßet seist Du Maria". Es braucht echte Reue, Buße und eine Umkehr - eine Großanstrengung, um den Main und seine Brüder und Schwestern, ob sie Rhein oder Donau heißen, aus ihren Gefängnissen zu befreien. Wie groß der Unterschied zwischen begradigter Rinne und dynamischer Aue ist, lässt sich bei Ebensfeld im Landkreis Lichtenfels sehen. Gut, dass es jetzt das Zapfendorfer Projekt gibt. Schade, dass es bayernweit einzigartig ist. Denn es geht nur um eine einzelne Schleife - es braucht aber noch viele, viele Schleifen und viele, viele Auen, um aus den steinernen Rinnen wieder dynamische Flüsse zu machen. Eine Aufgabe für Generationen.

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