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Bamberg
Gericht

Gleusdorf-Prozess: "Kein Verschulden festzustellen"

Die Große Strafkammer am Landgericht folgt den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung: Die ehemals Verantwortlichen der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf werden in allen Punkten freigesprochen - und wollen nun klagen.
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Das Urteil im Prozess um die Todesfälle in Schloss Gleusdorf ist gefallen. Die drei Angeklagten wurden freigesprochen.  Foto: Ronald Rinklef/Archiv
Das Urteil im Prozess um die Todesfälle in Schloss Gleusdorf ist gefallen. Die drei Angeklagten wurden freigesprochen. Foto: Ronald Rinklef/Archiv

Es ist eine eigenwillige Atmosphäre im trotz Corona-Krise gut gefüllten Gerichtssaal. Ein Mammutprozess mit zunächst 13 und dann noch einmal elf Prozesstagen geht zu Ende - und jeder ahnt bereits, wie der Richterspruch lauten wird. An jenem Freitag, den 13., hat dann nur noch der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt das Wort, sein Urteil lässt sich in zwei knappen Sätzen zusammenfassen: Die drei Angeklagten, die frühere Heimleiterin der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf, ihr Pflegedienstleiter und der damalige Heimarzt werden freigesprochen und auch alle entschädigt. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Wohlstrukturiert und um so ausführlicher fällt Schmidts knapp einstündige Begründung aus. "Es ist nicht Aufgabe des Gerichts, die möglichen Missstände in Gleusdorf von 2011 bis 2016 aufzudecken", machte Schmidt deutlich. Das sei Aufgabe der Verwaltungsbehörden, die ja auch mit Betriebsprüfungen und -untersagungen reagiert hätten.

Es ging um fünf Anklagepunkte

Von zwei Aktenwagen voller Ermittlungsverfahren seien fünf Anklagepunkte geblieben. Und wenn am Ende ein Freispruch stehe, "dann ist es halt jetzt so". Der Großen Strafkammer sei es allein um die fünf angeklagten Fälle gegangen, die Anklage lautete auf Totschlag durch Unterlassen, Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährliche Körperverletzung. "In diesen fünf Fällen sind wir nicht der Ansicht, dass es so war wie in der Anklage dargestellt." Das Gericht habe umfangreiche Pflegeakten, Dienstpläne und ärztliche Unterlagen ausgewertet und begutachten lassen sowie alle wesentlichen Zeugen gehört. "Ich würde sagen, dass wir diese Fälle sehr gründlich aufgeklärt haben", erklärte Schmidt. Für verschwundene Akten oder angeblich manipulierte Dokumentationen habe es keinerlei Anhaltspunkte gegeben.

Was den zur Last gelegten Faustschlag ins Gesicht eines Heimbewohners angeht, sei dieser nicht nachweisbar. Denn die Hauptbelastungszeugin variierte ihre Aussagen (wie zu einigen anderen Punkten) stark. "Ob es gelogen war oder einfach fehlerhafte Erinnerung, lässt sich nicht mehr bestimmen", sagt der Vorsitzende Richter. Und von der tödlichen Spritze, die der Pflegedienstleiter 2011 einem Bewohner angeblich verpasst habe, erzählte die Hauptbelastungszeugin erst Jahre später - und ließ dann sogar noch zu, dass ein enger Verwandter in Gleusdorf untergebracht wurde. Was den Fall eines Bewohners mit schweren Nekrosen an den Fingern angeht, sei nicht klar, wann diese schweren Schädigungen eingetreten sind - und ab wann er starke Schmerzen hatte. Weil der Mann ohnehin schon im Sterben lag, habe man auch zurecht auf eine Amputation verzichtet.

Ein anderer Bewohner litt an diversen organspezifischen Erkrankungen und hatte bereits mit seiner Betreuerin und zwei Schwestern "Abschied genommen". Wie ein Rechtsmediziner darlegte, wäre weder aufgrund seiner Lungenentzündung, noch wegen des vorangegangenen Sturzes ein Krankenhausaufenthalt zwingend erforderlich gewesen. "Ein pflegerisches oder ärztliches Fehlverhalten ist nicht feststellbar", erklärte Schmidt auch zum Tod einer weiteren Gleusdorf-Bewohnerin. Auch hier sei die Prognose für die multimorbide Patientin schon so schlecht gewesen, dass sich ihr Zustand im Krankenhaus wohl nicht mehr verbessert hätte.

Viele kamen ins Krankenhaus

Ein zentraler Punkt der Anklage war die angebliche Weisung, dass Bewohner auch in dringenden Fällen nicht in ein Krankenhaus verlegt werden durften - außer, wenn die Heimleiterin zustimmte. "Aber auch die Zeuginnen, die das gesagt hatten, sind vor Gericht zurückgerudert." Lang war hingegen die Liste tatsächlicher Krankenhaus-Aufenthalte von Gleusdorf-Bewohnern, die zum Ende der Beweisaufnahme vorgelesen wurde.

Entsprechend waren die Angeklagten aus Sicht der Kammer in allen Punkten freizusprechen. Oberstaatsanwalt Otto Heyder und alle Verteidiger verzichteten sofort auf Rechtsmittel. Das Urteil ist damit bereits rechtskräftig. Die Anwälte kündigten zudem an, dass sie und ihre Mandanten Schadensersatz fordern und einige Zeuginnen wegen falscher Verdächtigung anzeigen wollen.