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Bamberg
Gericht

Gleusdorf: Alle fordern Freisprüche

Zum Ende des Mammutprozesses um Todesfälle in einer Seniorenresidenz räumt selbst die Staatsanwaltschaft ein, dass die Ergebnisse der umfassenden Beweisaufnahme wohl nicht für eine Verurteilung reichen werden.
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Der Gleusdorf-Prozess vor dem Landgericht Bamberg steht kurz vor einem Urteil.  Foto: Matthias Hoch
Der Gleusdorf-Prozess vor dem Landgericht Bamberg steht kurz vor einem Urteil. Foto: Matthias Hoch

Auf den ersten Blick scheint an diesem vorletzten Prozesstag Einigkeit zu herrschen im Verfahren zu den Vorfällen in Schloss Gleusdorf. Denn selbst Oberstaatsanwalt Otto Heyder fordert zum Ende seines 90-minütigen Plädoyers auf dreimal Freispruch. Die in seiner Anklage gebündelten Vorwürfe gegen die frühere Heimleiterin Angelika R., ihren Pflegedienstleiter Peter N. und den Hausarzt Martin L. (alle Namen geändert) hätten sich während der umfassenden Beweisaufnahme entweder als falsch herausgestellt oder aber nicht nachweisen lassen.

Gerade die Aussagen der drei Hauptbelastungszeuginnen hätten große Widersprüche aufgewiesen. So hatte eine frühere Mitarbeiterin zum Beispiel der Polizei erzählt, dass Peter N. einem Heimbewohner mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe. Vor Gericht war dann nur noch von der flachen Hand die Rede - und vom zunächst beschriebenen Hämatom wusste sie auch nichts mehr. "Man hatte den Eindruck, dass die Zeugin schlicht fabuliert", stellte Heyder fest. Sachverständige hatten zudem festgestellt, dass bei einigen an Lungenembolie erkrankten Bewohnern, die bald darauf starben, allein aufgrund der dokumentierten Symptome keine Verlegung in ein Krankenhaus erforderlich gewesen wäre. Nicht beweisen lässt sich auch eine angebliche Anordnung, nach der das Pflegepersonal nicht selbständig einen Arzt rufen durfte.

Oberstaatsanwalt Heyder spricht von einem "in vielerlei Hinsicht einzigartigem Mammutverfahren". Seit Juli 2019 und dann noch einmal in einer Neuauflage ab Januar dieses Jahres ging es vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg um Totschlag durch Unterlassen, Misshandlung von Schutzbefohlenen, vorsätzliche Körperverletzung und Falschbeurkundung. In mehr als 50 Fällen hatte die Staatsanwaltschaft ermittelt, die meisten Verfahren wurden eingestellt. Zu fünf Punkten aus den Jahren 2014 bis 2016 war dann Anklage erhoben worden.

Der Oberstaatsanwalt beschreibt noch einmal die Vorgeschichte, wie sich drei ehemalige Gleusdorf-Mitarbeiterinnen an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen und an die Presse gewandt hatten, um Missstände in dem Heim öffentlich zu machen. Der Bruder der einen habe die Sache mit angetrieben und über die Angeklagten unter anderem gesagt: "Die Schweine müssen weg."

Als sich dann noch eine Psychologin, bei der eine der Zeuginnen in Behandlung war, an Gesundheitsministerium und Staatsanwaltschaft wandte, hätten die Ermittler schnell handeln müssen. Denn es ging nicht zuletzt um einen der angeklagten Vorwürfe: Pflegedienstleiter N. habe einem Bewohner eine "Spritze unbekannten Inhalts" in den Bauch gerammt, woraufhin der Mann gestorben sei. Auch dieser Vorwurf ließ sich nicht erhärten, da er sich allein auf die widersprüchlichen Angaben der Hauptbelastungszeugin stützte. Diese bezeichnet Heyder als "nicht unproblematische Persönlichkeit". Sie erstattete erst Jahre nach den vermeintlichen Vorkommnissen Anzeige, was wohl auch am zerrütteten Verhältnis zur Heimleiterin gelegen habe.

"Der Staatsanwaltschaft geht es nicht um Biegen und Brechen um eine Verurteilung", stellt Heyder fest. Er müsse aber auch Freisprüche beantragen, "weil aufgrund fehlerhafter Todesbescheinigungen notwendige Obduktionen nicht erfolgt sind und der zugrunde liegende Sachverhalt nicht ausreichend geklärt werden konnte". Weil Heyder aber nicht belegen könne, ob die Falschbeurkundungen vorsätzlich oder nur aus mangelnder Sorgfalt erfolgt sind, könne er auch in diesem Punkt keine Verurteilung fordern.

"Die ungeheuren Vorwürfe gegen meine Mandantin standen von Anfang an auf tönernen Füßen. Es bleibt nichts davon", sagt Alexander Seifert, der Anwalt der früheren Heimleiterin. Angelika R. habe fünf Monate unschuldig in U-Haft verbracht, ihr Ruf und ihre Existenz seien schwer geschädigt worden. Seifert übt wie seine Kollegen scharfe Kritik an aus ihrer Sicht unreflektiert und einseitig berichtenden Medien, an einer "verantwortungslos" agierenden Psychologin und an der Staatsanwaltschaft, die alle auf eine "klar zu erkennende Verleumdungskampagne" hereingefallen seien. Er forderte für seine Mandantin ebenso Freispruch wie die Verteidiger der beiden anderen Angeklagten.

Schadensersatz gefordert

Auch Thomas Drehsen beschreibt für seinen Mandanten, den Pflegedienstleister N., schwere Konsequenzen durch U-Haft und Arbeitsplatzverlust: "Sein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit ist verloren gegangen." Für den Fall eines Freispruchs haben die Angeklagten auch Schadensersatz beantragt.

Überhaupt nicht einig sind sich Heyder und Verteidiger Maximilian Glabasnia über die Rolle des Hausarztes L. Für den Oberstaatsanwalt habe dieser aufgrund von Behandlungsfehlern und falschen Todesbescheinigungen in den angeklagten Fehlern kein Recht auf Entschädigung. Der Verteidiger wollte den Vorwurf der Falschbehandlung nicht stehenlassen und beschrieb detailliert, weshalb sein Mandant medizinisch richtig gehandelt habe.

"Es war sicher nicht alles in Ordnung, was sich in Schloss Gleusdorf zugetragen hat", stellt Heyder fest. Aber in strafrechtlicher Hinsicht reiche es auch aus seiner Sicht nicht für eine Verurteilung. "Wenn dieses Verfahren etwas Gutes hat, dann, dass die Öffentlichkeit stärker auf die Situation der Pflegebedürftigen geblickt hat - und auch viele Angehörige nun noch genauer hinschauen."