Laden...
Bamberg
Gericht

Gewaltexzess am Ende des "Herrentags"

Wegen versuchten Totschlags muss sich ein 25-Jähriger vor dem Landgericht Bamberg verantworten. An Christi Himmelfahrt griff er wahllos Unbekannte an. Einen Radfahrer prügelte er bewusstlos, eine Helferin würgte er. Seit diesem Tag sitzt der Mann in Haft.
Artikel drucken Artikel einbetten
Seit den Angriffen vom 30. Mai 2019 ist der Angeklagte in Haft. Foto: Ronald Rinklef
Seit den Angriffen vom 30. Mai 2019 ist der Angeklagte in Haft. Foto: Ronald Rinklef

Der blasse Brillenträger auf der Anklagebank macht nicht den Eindruck, als ob von ihm große Gefahr ausgehen könnte. Wer jedoch die Zeugen hört, die vor dem Landgericht seine Taten vom 30. Mai 2019 beschreiben, erfährt von einem wahren Gewaltexzess am Abend des "Herrentags".

Der 25-jährige Angeklagte soll in erheblich alkoholisiertem Zustand insgesamt vier Personen angegriffen haben. Einen Mann, den er davor noch nie gesehen hatte, hat er laut Anklage vom Fahrrad heruntergeprügelt und noch auf den bewusstlos am Boden Liegenden eingetreten. "Mein Mandant kann sich an überhaupt nichts erinnern. Sollte es aber so sein, wie in der Anklage beschrieben, wäre er über sein eigenes Verhalten sehr entsetzt", sagt Verteidiger Thomas Skapczyk. Bei seinem Mandanten war für die Tatzeit eine Blutalkoholkonzentration von 1,84 Promille festgestellt worden.

In feuchtfröhlicher Männerrunde war Christof P. (Name geändert) an jenem Tag schon morgens im südlichen Landkreis unterwegs. "Mein Schwiegervater hatte mich eingeladen, mit seinen Freunden auf Vatertagstour zu gehen und ich hatte mich sehr darauf gefreut." Nach vier Lokalen, acht bis neun Bier und einigen Schnapsrunden scheint es bei P. dann plötzlich einen Schalter umgelegt zu haben.

Als die anderen schon weitergezogen sind, gerät er aus nichtigem Anlass mit einem der Männer in Streit, mit denen er bereits den ganzen Tag unterwegs war. Er schubst ihn erst und nimmt ihn dann in den Schwitzkasten. "Ich breche dir das Genick", soll er gerufen haben. Der Angegriffene wehrt sich, kann P. in den Straßengraben schleudern und davonlaufen. "Mit solchen Leuten will ich nichts mehr zu tun haben", sagt er vor Gericht. Ein Ehepaar sieht im Vorbeifahren das Handgemenge und will helfen, weil P. zunächst liegenbleibt. Als er auf den Beinen ist, wird er auch schnell wieder aggressiv, schreit erst den Mann an, dann würgt er die Frau. Die beiden laufen davon und warnen verschiedene Radfahrer, die vom Bierkeller herunterkommen: "Vorsicht, da vorn ist ein Verrückter."

Tritte gegen den Kopf

Doch ohne Erfolg. Zwei Männer wollen an P. vorbeifahren, der holt den einen gewaltsam vom Rad. Der andere ist stärker als der Angreifer und bringt ihn zu Boden. Als der dann aber erneut aggressiv wird, flüchten die Männer mit ihren Fahrrädern.

Härter trifft es dann Johann R., der ebenfalls mit einem Freund unterwegs ist. Der Angeklagte stellt sich R. in den Weg und schlägt ihm sofort mit der Faust gegen den Kopf. Weitere Schläge und Tritte folgen. R. erleidet eine Gehirnerschütterung, Kopfplatzwunden, einen Rippenbruch sowie Prellungen von Brustkorb und Ellbogen. Mehr als fünf Wochen ist er krankgeschrieben, noch heute erinnert er sich immer wieder an die Angriffe.

Ob es Tritte gegen den Kopf gab oder nicht, ist entscheidend für die Frage, wie P.s Verhalten strafrechtlich zu ahnden sein wird. Die Helferin hatte der Polizei gegenüber von Tritten gegen den Kopf berichtet, war sich dann jedoch nicht mehr sicher. Das Opfer selbst war da schon ohne Bewusstsein. Aber der Freund, der an diesem Tag auch keinen Alkohol getrunken hatte, konnte sich vor Gericht noch gut an die Kopftritte erinnern. Für mindestens zwei solcher Tritte sprechen laut Rechtsmedizin auch einige der Verletzungen R.s.

"Dann hat sich der Mann die Haare nach hinten geschoben und ist ihm aus der Drehung auf die Brust gesprungen", beschreibt es der Freund des Opfers im Zeugenstand. Immer wieder habe er den unbekannten Angreifer da bereits angeschrien, erst "Polizei", dann auf Englisch "Police" gerufen. P. hatte sich inzwischen den Arm des längst regungslosen Johann R. vorgenommen und diesen nach hinten gebogen. "Komischerweise hat es dann plötzlich Klick bei ihm gemacht, und er hat auch Police gestammelt."

Die Polizei erscheint dann kurz darauf am Tatort und auch P.s Frau, die er erst fünf Wochen zuvor geheiratet hatte. Der Angeklagte pöbelt noch die Rettungskräfte an und übergibt sich, aber auch daran kann er sich später nicht mehr erinnern.

Eigentlich hätte es eine besondere Woche für den Angeklagten werden können. Am Tag nach der Tat wurde er 25 Jahre alt, in der Woche zuvor hatte er auf dem zweiten Bildungsweg seine letzten Abiturprüfungen erfolgreich abgelegt. Die Schule bescheinigt ihm vorbildliches Verhalten, er war Klassensprecher, beliebt bei Lehrern und Mitschülern .

Wie es zum Gewaltausbruch kommen konnte, kann Christof P. nicht erklären: "Ich sehe mich selber nicht. Unvorstellbar, dass ich das getan haben soll." Heute geht die Verhandlung vor dem Landgericht mit einem psychiatrischen Gutachten und weiteren Zeugenbefragungen weiter. Für Donnerstag wird bereits ein Urteil erwartet.