Bamberg
Justiz

Gericht stellt Prozess gegen vermeintlichen Schläger ein

Eine junge Frau, die als Minderjährige nach islamischem Ritus einen deutlich älteren Mann geheiratet hat, warf diesem mehrere Körperverletzungen vor.
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Vor dem Amtsgericht ging es fünf Stunden lang um Körperverletzungen, die nicht zu belegen waren.      Foto: Ronald Rinklef
Vor dem Amtsgericht ging es fünf Stunden lang um Körperverletzungen, die nicht zu belegen waren. Foto: Ronald Rinklef

Es war ein Freispruch zweiter Klasse für einen 37-jährigen Tschetschenen. Der Prozess gegen den abgelehnten Asylbewerber wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung am Amtsgericht wurde nach fünfstündiger Dauer eingestellt. Grund war eine äußerst problematischen Zeugenaussage des vermeintlichen Opfers - der "Ehefrau".

Normalerweise ist Christine Schäl eine äußerst geduldige Zuhörerin. Doch was die Strafrichterin da vier Stunden lang zu hören bekam, ließ selbst die erfahrene Juristin verzweifeln. Auf kaum eine Frage gab es eine präzise Antwort, wenn man bei der Wiederholung der immer gleichen Sätze von einer Beantwortung sprechen mag. Außerdem ging es in den Schilderungen ständig durcheinander.

Nicht einmal daran, wohin die Schläge gegangen sein sollten, konnte die "Ehefrau" sich erinnern. Dabei kam es gerade auf die Worte der gerade einmal 23-jährigen Frau im Zeugenstand an. Denn objektive Beweise wie ärztliche Atteste, Foto- oder Videoaufnahmen, gar unparteiische Zeugen gab es nicht. Die junge Frau hatte der Angeklagte vor acht Jahren in Georgien geheiratet: als noch minderjähriges Mädchen und nur nach islamischem Ritus. Die Aussage konnte sie deshalb nicht verweigern. Sie wollte es aber auch nicht.

Socken in den Mund gestopft?

Schon damals in Georgien sei der Angeklagte gewalttätig geworden. "Ich wäre gesund, hätte er mich nicht so oft gegen den Kopf geschlagen." Es sei immer um Kleinigkeiten gegangen. "Mein Mann behandelt mich schlecht, sehr schlecht", übersetzte die Georgisch- und Tschetschenisch-Dolmetscherin aus Halle an der Saale.

Offenbar gefiel es dem Angeklagten nicht, dass seine "Ehefrau" eine eigene Meinung hatte und diese auch sagte. "Sie widerspricht mir ständig. Sie redet zu viel", seien seine Worte gewesen. Auch ihr Bruder habe sie misshandelt, während der Angeklagte daneben gestanden und gelächelt hätte. Er habe sie ins Gesicht geschlagen, zu Boden geworfen, ihr gedroht: "Ich werde ihr die Zunge herausschneiden, sie foltern und töten." Dadurch habe sie ihr drittes Kind verloren.

In Deutschland sei es weitergegangen. Konkret geht es um einen Vorfall im Winter 2017/2018, als sie vor dem Badezimmer der Flüchtlingsunterkunft wiederholt mit der geballten und der flachen Hand geschlagen worden sein soll. "Es ging um fünf Euro." Danach sei ihre Lippe aufgeplatzt gewesen. Dann habe er ihr im Frühjahr 2018 seinen gerade noch getragenen Socken in den Mund gestopft und sie geschlagen, dass sie gegen eine Wand taumelte. Zuletzt habe er sie im Juni 2018 am Oberarm gepackt, sie mit der anderen Hand gewürgt, bis sie keine Luft mehr bekommen hätte. "Er war wieder einmal schlecht gelaunt."

Glaubte man dem Angeklagten, dann war es eine Liebesheirat. Er ein treu sorgender Familienvater, auch für die beiden gemeinsamen Kinder. Auch wenn er damals doppelt so alt wie sie gewesen ist. "Wir haben nie gestritten und schon gar nicht herumgeschrien." Gemeinsam sei man vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. "Meiner Frau ging es gesundheitlich nicht gut." Sie leide unter epileptischen Anfällen, werde ohnmächtig, stürze immer wieder zu Boden und verletze sich dabei. Tatsächlich wurde sie mehrfach von der AEO Bamberg aus ins Klinikum am Bruderwald eingeliefert. Allerdings stellten die Ärzte dort keinerlei Verletzungen fest, die auf häusliche Gewalt hätten schließen lassen. Vielmehr attestierten sie einen psychogenen Krampfanfall. "Ich habe sie nicht geschlagen." Er wisse nicht, warum sie so etwas behaupte. "Hätte ich sie mit der Faust geschlagen, sie wäre nicht mehr aufgestanden."

Gegen die Glaubwürdigkeit der "Ehefrau" sprach auch die Tatsache, dass Strafrichterin Schäl drei Fälle von Vergewaltigung, derer der Tschetschene beschuldigt wurde, erst gar nicht zugelassen hatte. Zu widersprüchlich schienen die Aussagen der "Ehefrau" zu den Vorwürfen eines erzwungenen Geschlechtsverkehrs aus dem Zeitraum September 2017 bis Juni 2018 gewesen zu sein.

Unterkunft im Frauenhaus

Was bleibt, ist ein halbjähriges Kontaktverbot des Mannes zu seiner "Ehefrau" und den Kindern, die er freilich derzeit sowieso nicht sieht. Sie befindet sich in einem Frauenhaus unbekannten Standortes. Und eine achtmonatige Untersuchungshaft, die der Angeklagte hinter sich hat. "Wir haben auf eine Entschädigung für diese verlorene Lebenszeit verzichtet", so Rechtsanwalt Thomas Gärtner. Das wären nach dem Strafentschädigungsgesetz 25 Euro pro Tag gewesen. Für manche sind rund 6000 Euro viel Geld.

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