Bamberg
Landgericht

Gericht: Die Frage nach den Spucke-Flecken

Zwei Männer aus Zeil am Main standen in Bamberg wegen schwerer räuberischer Erpressung vor Gericht: Sie sollen einen Pizzaboten ausgeraubt haben. Doch ihr Speichel taugte nicht als Beweis - sie wurden freigesprochen.
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Zwei von drei Männern, die einen Pizzaboten überfallen haben sollen, saßen auf der Angklagebank. Ein dritter blieb unerkannt. Foto: Matthias Hoch
Zwei von drei Männern, die einen Pizzaboten überfallen haben sollen, saßen auf der Angklagebank. Ein dritter blieb unerkannt. Foto: Matthias Hoch
Ein bisschen eklig war es schon, als Vorsitzender Richter Manfred Schmidt es ganz genau wissen wollte. Doch die Details waren wichtig: "War die Spucke noch erhaben oder schon eingetrocknet? Hatte sie eine weiße Schaumkrone? Wie war die Konsistenz, fester oder flüssiger?", fragte der Richter die Zeugen.

Es ging um Speichelflecken auf dem Boden des Bolzplatzes in Zeil und die Frage: Haben die Angeklagten dort an dem Samstag im März 2013 zum Zeitpunkt der Tat hingespuckt? Sind sie der gemeinschaftlichen schweren räuberischen Erpressung schuldig? Der Beweis, dass sie mit einem weiteren Komplizen einen ahnungslosen Pizzaboten überfallen haben sollen, ließ sich nicht führen. Und so galt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

Die Polizei hatte außer dem Speichel sonst keine verwertbaren Spuren gefunden. Drei Männer sollen am 9. März 2013 drei Schinkenpizzen zum Bolzplatz am Setzbach in Zeil bestellt haben - "in der Absicht, den Pizzaboten gemeinsam zu überfallen", wie es in der Anklageschrift hieß.

Als dieser gegen 21.15 Uhr auf dem Bolzplatz ankam, soll einer der drei Täter den Pizzaboten mit einer Pistole bedroht haben: "Da saßen zwei Leute auf der Bank, plötzlich kam ein weiterer von links und forderte mich mit Pistole in der Hand auf, mein Zeug auf den Boden zu legen", sagte das 27-jährige Opfer vor Gericht aus.

Sein "Zeug", das waren die Pizzen, ein Bedienungsgeldbeutel mit etwa 115 Euro Bargeld und das Mobiltelefon des jungen Mannes im Wert von etwa 200 Euro. "Ich habe alles abgelegt, dann musste ich zu einer Hütte in der Nähe laufen und mich mit dem Gesicht weg von meinem Auto hinstellen." Umgedreht habe er sich erst, als er sicher war, dass die Täter mit seinem Auto geflüchtet waren. Den Schlüssel habe er stecken lassen.

Osteuropäischer Akzent

Beschreiben konnte er die Männer nur anhand ihrer Statur, da alle drei Sturmhauben trugen. "Und sie hatten einen osteuropäischen Akzent, als sie gesprochen haben." Den hatte auch die männliche Stimme am Telefon, die dem Pizzaboten vor dem Überfall den Weg zum Bolzplatz beschrieben hatte.

Einen solchen Akzent haben auch die Angeklagten, die am Dienstag vor der Zweiten Strafkammer des Bamberger Landgerichts erschienen sind. Sie sind deutsche Staatsbürger, stammen aber aus Kasachstan. Der dritte Mann blieb unbekannt.

Während Marat V. (Name geändert), 30 Jahre, keine Aussage machte, berichtete Sasha W., 27, (Name ebenfalls geändert), dass er sich mit seiner Clique regelmäßig am Bolzplatz treffe, um dort zu rauchen und zu trinken. Auch an jenem 9. März sei er vor Ort gewesen, allerdings tagsüber, wie er betonte. Und: "Ich habe mit dem Vorfall nichts zu tun." Den zweiten Angeklagten, Marat V., kenne er zwar flüchtig, habe zu ihm aber keinen direkten Kontakt. Dennoch waren beide Männer am Tatort, und zwar nicht weit voneinander entfernt. Das beweisen ihre Speichelflecken auf dem Boden. Denn zwei Spucke-Spuren konnten anhand ihrer DNA den Angeklagten zugeordnet werden. Aber: "Man hätte nachweisen müssen, dass um 21.15 Uhr gespuckt wurde", sagte Staatsanwalt Thomas Förster.

Genau diesem Nachweis war das Gericht einen ganzen Vormittag lang auf der Spur. Sogar zwei Sachverständige hatten sich mit der Frage beschäftigt, wie schnell Spucke auf Pflastersteinen trocknet.

Christian Scheller analysierte in seinem Bauteilprüfzentrum zwei Pflastersteine in einem Klimaschrank - auf die vorher ein Mitarbeiter gespuckt hatte. Im Klimaschrank wurden Temperatur und Luftfeuchte des Tattags simuliert. Rechtsmedizinerin Katharina Jellinghaus lieferte hierzu die Daten vom Deutschen Wetterdienst.

"Es gab insgesamt drei Versuchsreihen, bei denen wir die Speichelflecken mit einer Kamera im Klimaschrank fotografiert haben", erläuterte Christian Scheller. Ergebnis: Beim dritten Versuch gab es laut Christina Jellinghaus Ähnlichkeiten mit den Tatortfotos der Spucke. "Es kann sein, dass die Speichelspuren gegen 21.15 Uhr gesetzt wurden. Es kann aber auch sein, dass das drei Stunden vorher passiert ist." Zusätzlich stellten die Sachverständigen fest, dass die Flecken trotz gleicher Bedingungen und gleicher Steine unterschiedlich schnell trockneten.

Deswegen, und, "weil wir die Punkte ,Menge und Zusammensetzung der Spucke nicht im Griff haben", wie es Richter Schmidt formulierte, sprach er die beiden Angeklagten frei.

Staatsanwalt Thomas Förster hob in seinem Plädoyer hervor: "Die Angeklagten sind freizusprechen aus Mangel an Beweisen, nicht wegen bewiesener Unschuld."

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