Bamberg
Kanalfest

Geht Canalissimo unter?

Wegen des Besucherlimits könnten sich Standbetreiber und Veranstalter nicht über Wasser halten, klagen sie. Einigen Anwohnern gehen die Richtlinien dagegen noch nicht weit genug.
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Spülen die Auflagen der Stadtverwaltung das Fest den Kanal hinunter, das  zwischen Nonnenbrücke und Geyerswörth-Steg stattfindet? Fotos: Belichtungsquartier, Franz Gerhard/Adobe Stock Montage: Micho Haller
Spülen die Auflagen der Stadtverwaltung das Fest den Kanal hinunter, das zwischen Nonnenbrücke und Geyerswörth-Steg stattfindet? Fotos: Belichtungsquartier, Franz Gerhard/Adobe Stock Montage: Micho Haller
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Peter Papritz blickt mit gesenktem Kopf ins Kanalwasser, in dem sich die Sonnenstrahlen spiegeln. Seine Miene erhellen sie nicht. Er wippt mit dem Fuß. "Meine Frau hat heute morgen gesagt, wir sollen alles abblasen. Sie mag nicht mehr", sagt der Inhaber von "Fisch & Fein". Seit der Gründung von Canalissimo ist er mit seinem Grillstand dort vertreten. Stetig hätten sich die Bestimmungen erhöht, erst gestern habe er neue Brandschutzauflagen bekommen, deren Umsetzung ihn 1500 Euro kosteten.

"Heuer läuft das nicht als Arbeit, sondern als Hobby", sagt Papritz. Die vielen Arbeitsstunden, die er in das Fest steckt, möchte er gar nicht zählen. Er rechnet fest mit einem Minusgeschäft, vor allem wegen des Besucherlimits: Von Donnerstag bis Sonntag dürfen sich maximal 1800 Menschen gleichzeitig auf dem Festgelände aufhalten. Diese werden mit einem komplexen Zählsystem mit Lasern und Kameras an den neun Zugängen rund um den Kanal erfasst.

15 000 Euro koste alleine diese Maßnahme, sagt Veranstalter Tom Land. Ein Statiker für den Behelfssteg, zwölf Sicherheitskräfte, schließbare Wasserverteiler und viele weitere Forderungen: Insgesamt beliefen sich seine Ausgaben auf 65 000 Euro - "fast drei Mal so viel wie beim ersten Mal". Deshalb sieht Land sich genötigt, zum ersten Mal Eintritt zu verlangen: Drei Euro wird der Besuch kosten. Angefangen hat Land vor vier Jahren. Damals habe er 1800 Besucher gezählt. Canalissimo ist gewachsen, die Stadt nehme aber immer wieder diese Zahl als Richtlinie, kritisiert Land. Zu seinen Ausgaben kämen rund 1000 Arbeitsstunden hinzu, die er mit Planung, Aufbau und nicht zuletzt in Gesprächen mit Anwohnern und Stadt verbringen müsse.

Standbetreiber zieht sich zurück

Ob Papritz' Fischstand auch im nächsten Jahr am Kanalufer steht, könne der Betreiber nicht sagen. "Mit dem Besucherlimit kann man auch nicht wirtschaften", zeigt Veranstalter Land Verständnis. Die Standmieten habe er mit den immer neuen Auflagen immer wieder erhöhen müssen. "Nächstes Jahr noch Standbetreiber zu finden, die mitmachen, wird schwierig."

Einer, der anonym bleiben will, hat sich bereits zurückgezogen. Einen Teil der Standgebühr müsse er trotzdem bezahlen. Doch "das Risiko, noch mehr Geld zu verlieren, ist mir einfach zu hoch", sagt er. Grund ist das Besucherlimit: Er hatte seinen Stand auf Anwohnerseite. Dort dürfen sich sogar nur noch 767 Besucher gleichzeitig aufhalten. Wenn die Auflagen im kommenden Jahr dieselben bleiben, "sehe ich mich nicht im Stande, das weiterzuführen", sagt Land in aller Deutlichkeit.

"Beim Thema Sicherheit gibt es keine Kompromisse", sagte Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) im Interview mit dem Internet-Sender Bamberg TV1. Dieser "Sinneswandel" der Stadt freue Wolfgang Kerling, Sprecher der Anwohnergemeinschaft "Am Kanal", die seit Jahren strengere Sicherheitsauflagen fordert. Zuvor warfen Anwohner wie Veranstalter der Stadt vor, sich nur um die Belange des jeweils anderen zu kümmern.

Die Auflagen entspringen zwei Mediationsverfahren zwischen Anwohnern, Stadt und Veranstalter, geleitet von Ursula Redler (Bamberger Allianz). "Ein Erfolg für die Sicherheit der Bürger, die wir uns auf die Fahnen schreiben dürfen", sagt Kerling. "Da will ich auch nicht mehr nachtreten", sagt er, sieht aber weiteren Verbesserungsbedarf: Die Musik könne leiser sein, derzeit sind 80 Dezibel vorgesehen. Er wisse von einer Anwohnerin, die während Canalissimo in der Küche auf dem Boden schlafe, weil ihr Schlafzimmer auf der Festseite liegt. Der Veranstalter solle außedem "ein paar Hundert Euro für soziale Zwecke spenden, damit wir das Gefühl haben, wir unterstützen etwas Gutes und nicht nur wirtschaftliche Interessen. Da würde ich privat sogar noch was drauflegen." Zudem würden drei Tage Festbetrieb ausreichen.

"Dann ist es vorbei", sagt hingegen Veranstalter Land. Schon die frühen Schankschlusszeiten, die es seit zwei Jahren gibt, seien ein großes Problem: "Wir müssen den Leuten am Donnerstag um halb zehn sagen, dass sie nichts mehr bekommen, da ist es noch hell!" Land fühlt sich ungerecht behandelt: "Wie viele Security sind bei der Sandkerwa oder Bamberg zaubert? Wie viele Fluchtwege? Da wird mit zweierlei Maß gemessen", meint er.

Man könne die Feste nicht miteinander vergleichen, meint hingegen Stadtmarketing-Chef Klaus Stieringer im Interview mit TV 1: In die Altstadt kämen täglich viele Tausend Besucher, ein Limit ergäbe hier keinen Sinn. Stieringer hoffe bei Canalissimo auf einen Kompromiss - und er freue sich auf das Fest, das er auch besuchen wolle.

Anwohnersprecher Kerling erzählt, er sei früher selbst gerne zu Canalissimo gegangen - als das Fest noch kleiner und nur an drei Tagen war. Nun verlässt er Bamberg während dieser Zeit.

Kommentar: Kompromiss zum Wohle des Sommerflairs

Die Fronten zwischen Anwohnern auf der einen und Veranstalter sowie Standbetreibern auf der anderen Seite sind verhärtet. Die Stadt schwimmt dazwischen, wird von beiden Seiten bedrängt wie das Kanalwasser von den Mauern. Welle um Welle der Entrüstung schlägt auf. Durch die dicke Luft am Kanal ist kein Kompromiss in Sichtweite. Dabei wäre ein solcher möglich - sollten beide Seiten wirklich daran interessiert sein. Aus den Vorschlägen vom Veranstalter und vom Anwohnersprecher ließe sich folgende Zwischenlösung ableiten: Begrenzung der Besucher? Ja, aber nur auf Anwohnerseite. Damit wäre die Zählung auch um ein Vielfaches leichter (und billiger). Auf der anderen Seite gibt es genug Fluchtmöglichkeiten. Dort dürfen Musik und Verzehr dann auch ein, zwei Stündchen länger gehen. Dafür reichen drei Tage statt vier. Der nun wieder flüssige Veranstalter spendet Flüssiges für die Anwohner - und ein paar Hundert Euro für soziale Zwecke, wie vom Anwohnersprecher vorgeschlagen. Vielleicht genießt der eine oder andere aus der Nachbarschaft dann sogar ein paar Tage Venedig-Flair. Vielleicht sogar - halten Sie sich fest! - auf ein gemeinsames Bier mit dem Veranstalter. Ach, wenn es doch wenigstens für drei Tage im Jahr so einfach wäre!

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