Bamberg
Neuerscheinung

Gefühle bekommen ein Gesicht

Die Trauergruppe des Hospizvereins Bamberg hat ein berührendes Trauerbuch von Jugendlichen für Jugendliche herausgegeben.
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Jolanda liest ein Kapitel aus dem Trauerbuch vor. Foto: Marion Krüger-Hundrup
Jolanda liest ein Kapitel aus dem Trauerbuch vor. Foto: Marion Krüger-Hundrup
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Jolanda lässt kein Lampenfieber erkennen, als sie im voll besetzten Saal des Christine-Denzler-Labisch-Hauses vorlesen soll. Souverän wählt die Elfjährige das Kapitel "Hoffnung, Zukunft und die Liebe" aus dem neuen Buch, das der Hospizverein Bamberg präsentiert. "Hoffnung zu haben, ist wie ein Marathonlauf - und kurz bevor man ans Ziel kommt, knallt man gegen eine Wand", liest Jolanda mit kräftiger Stimme. Gebannt lauschen die vielen Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern, die Sponsoren dieses druckfrischen Werkes, weitere Ehrengäste.

Was es bedeutet, schmerzhaft "gegen die Wand zu knallen", haben die jungen Zuhörer am eigenen Leib erfahren. Was es heißt, einen geliebten Menschen durch den Tod zu verlieren, sich nach ihm zu sehnen. Die Gefühle fahren Achterbahn. Was jetzt? Wohin mit der Trauer?

Fragen, auf die es keine Antworten zu geben scheint. Dennoch versucht der Hospizverein, einen Weg in der Trauer aufzuzeigen. Seit Jahren leitet ein ehrenamtliches Team um Marlene Groh eine eigene Trauergruppe für Kinder und Jugendliche zwischen vier und achtzehn Jahren - nach Alter in zwei Gruppen geteilt. "Wir verstehen Trauerarbeit als Wandlungsprozess, den wir begleiten wollen", erklärt Konrad Göller, Erster Vorsitzender des Hospizvereins. Etliche kreative Angebote würden den jungen Menschen helfen, ihren widerstreitenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Das neue Buch sei ein besonders berührendes Beispiel für ein solches Kunstprojekt, so Göller.

In einem Improtheater dieser Trauergruppe entwickelten Kinder und Jugendliche unterschiedliche Gefühlsgestalten. Sie spielten Gefühle durch Mimik und mit Gesten. So entstanden Gestalten wie Herr Wut, Frau Einsam, die Liebe oder Frau Glück. Die fünfzehn Figuren verweben sich in eine Geschichte, die in die Zukunft voll Licht und Wärme führt. Zu einer Hoffnung, die immer wieder kommt - ein Leben lang.

Charaktere werden Kunst

Der drängende Wunsch der Gruppe, ihren Gefühlsgestalten auch einen greifbaren Ausdruck zu geben, bringt die Bamberger Künstlerin Elke Völkl ins Spiel. In einem intensiven Prozess kreierte sie alle Charaktere genau nach den Vorgaben der Kinder und Jugendlichen. Schmunzelnd erzählte Elke Völkl bei der Buchvorstellung, wie sie beispielsweise "Frau Glück" zu Papier brachte: "Meine erste Frau Glück war nach Ansicht der Kinder zu dünn!" Sie habe mütterlicher ausschauen sollen, eine "Frau zum Ankuscheln". Und tatsächlich ist die Endversion des Glücks rundlicher "und nicht mehr so magersüchtig".

Die bekannte Drehbuchautorin und Schriftstellerin Heike Eva Schmidt, die in der Nähe von Bamberg geboren wurde und nun in Oberbayern lebt, hat sich gemeinsam mit der Trauergruppe an die Textarbeit gemacht. In enger Anlehnung an die Vorgaben der Kinder und Jugendlichen entstand der Text des Buches "Mein Weg ist mein Weg". Der Protagonist, genannt "Der Wanderer" begegnet auf seiner Reise den verschiedenen Emotionen in Gestalt von Personen, manchmal mystischen Wesen. Sprachliche Bilder produzieren ein "Kino im Kopf": Ausdrucksstarke Vergleiche fesseln wie zum Beispiel "Einsamkeit ist Reden mit der Luft".

Hoffnung schöpfen

Für das professionelle Layout sorgte die Bamberger Grafikerin Christine Kaufmann. Etliche Sponsoren aus Stadt und Landkreis Bamberg ermöglichten den Druck. Jeder und jede bekam natürlich als Dankeschön die namentliche Erwähnung durch Konrad Göller und ein Exemplar des Buches. Mit sichtbarer Freude nahmen auch die Kinder und Jugendlichen ihr Werk entgegen, das vor allem für Gleichaltrige als Lektüre dienen soll. Doch auch Erwachsene können sich in dieser Geschichte um den schweren Weg aus der Trauer wiederfinden. Und Hoffnung schöpfen, selbst wenn man erst einmal gegen die Wand geknallt ist.

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