Schweinfurt

Gaskraft statt Atomkraft? Wie Grafenrheinfeld ersetzt wird

Der Plan ist alles andere als neu, sorgt in der aktuellen Diskussion aber für enormen Zündstoff: Ein Gaskraftwerk soll den Atommeiler in Grafenrheinfeld ersetzen. Und neue Hochspannungsleitungen quer durch Franken überflüssig machen.
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Horst Seehofer und Ilse Aigner spielen sich in der Diskussion um die Energiewende die Bälle zu, und die Zuschauer kommen aus dem Staunen nicht heraus. Der jüngste Coup: Der Ministerpräsident stellt den Bau neuer Stromleitungen in Frage. Und seine Energieministerin präsentiert den Bau eines Gaskraftwerkes als Ei des Kolumbus. Dabei wird dieses Ei schon eine kleine Ewigkeit bebrütet.

Die Aufregung um die Alleingänge der CSU bei der Energiewende produziert so viel heiße Luft, dass sich damit bequem halb Europa beheizen und erleuchten ließe. Der Neuigkeitswert des aktuellen Aufregers ist aber überschaubar: Gaskraftwerke a la Aigner gelten aber schon seit Jahren als ideale Lückenfüller für die Zeit zwischen Atomausstieg und grüner Vollversorgung, wie der Blick ins Zeitungsarchiv belegt.

2008 präsentierte das Tübinger Unternehmen Südweststrom die Pläne für den Bau eines
Gaskraftwerks im unterfränkischen Zeil. 600 Millionen Euro wollten die schwäbischen Energieexperten, unter deren Dach einige Dutzend Stadtwerke ein Heim gefunden haben, investieren. Mit einer Leistung von 400 Megawatt sollte die Zeiler Gasturbine helfen, mögliche Versorgungslücken nach der Abschaltung des Kernkraftwerks in Grafenrheinfeld (1300 Megawatt) zu schließen.

Seehofers Trostpflaster

Das Projekt scheiterte, nicht zuletzt deshalb, weil sich 2011 führende Politiker der Region hinter (!) Horst Seehofer stellten: Der Ministerpräsident verkündete damals bei einem Besuch in Grafenrheinfeld, dass dort als Ersatz für den Atommeiler, der Ende 2015 vom Netz geht, ein Gaskraftwerk gebaut werden soll. Südweststrom warf nach dieser Ankündigung das Handtuch.

Aigners Schlagzeilen machende Ankündigung vom Montag ist also eine "olle Kamelle", und an den Vorteilen und Problemen der Gaskraftwerke hat sich seit 2008/2011 auch nichts geändert: Gaskraftwerke gelten als Patentrezept, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen: Weht der Wind und scheint die Sonne schwach, lässt sich ein Gaskraftwerk schnell hochfahren.

Kraftwerke gehen vom Netz

Andererseits: Bei genug Wind und Sonne steht so ein Kraftwerk still. Das passiert mit bestehenden Kraftwerken in jüngster Zeit so oft, dass die Betreiber reihenweise ältere Anlagen vom Netz nehmen. So kündigt der Stromriese RWE an, sein erst 2012 in Betrieb genommenes Gaskraftwerk Claus C in den Niederlanden stillzulegen. Die beiden Blöcke mit zusammen 1300 Megawatt Leistung gelten mit einem Wirkungsgrad von 60 Prozent als eines der modernsten Gaskraftwerke Europas.

"Geringe Einsatzzeiten bei einem sehr niedrigen Großhandelspreis lassen einen wirtschaftlichen Betrieb nicht mehr zu," sagt ein RWE-Sprecher.
Wie soll sich da ein neues Gaskraftwerk in Unterfranken lohnen? Die Antwort: Gar nicht! Aigner hat nicht etwa den Stein der Weisen entdeckt, sondern verschweigt die eigene Logik der Energiewende: Ein neues Gaskraftwerk würde als Reserve vorgehalten.

Am Ende zahlt immer der Kunde

Damit sich die Investition lohnt, muss dem Betreiber die Stromabnahme garantiert werden. Und das heißt nichts anderes, als dass der Stromkunde auch für den nicht produzierten Strom zahlt.
Warum dann nicht gleich bestehende Kraftwerke nutzen, statt sie stillzulegen? Weil sie zu weit weg sind. Bayern müsste entweder eigene Aigner-Kraftwerke bauen oder Kraftwerke aus der Ferne über neue Stromtrassen anschließen - die ungeliebten Stromautobahnen, für die Seehofer im Alleingang einen Ausbaustopp verlangt hat.

Hier wie da ist aber die Kernfrage, über die bei all der Aufregung auch kaum einer redet: Woher soll die nötige Zeit kommen? Während es für den Bau der Stromautobahnen immerhin ein "Beschleunigungsgesetz" gibt (vom Bundesrat mit Seehofers Stimme beschlossen), müsste ein neues Gaskraftwerk das übliche Genehmigungsverfahren durchlaufen: Raumordnung, Bebauungsplan, Umweltverträglichkeitsprüfung, Gerichtsverfahren wegen Klagen und Einsprüchen ...
Obwohl sich ein potenzieller Investor (PQ Energy) bereits ein Grundstück für ein Gaskraftwerk in Schweinfurt vor den Toren Grafenrheinfelds gesichert hat, ist das Zeitfenster bis Ende 2015 und wohl selbst bis 2022 (Abschaltung von Gundremmingen) für ein derartiges Großprojekt zu klein.

Warum dann der Flirt mit dem Gas? Auch diese Frage beantwortet ein Blick ins Zeitungsarchiv. Ende 2011 verkündete Seehofer stolz, dass er einen mächtigen Partner gewonnen habe, um die Energiewende zu stemmen: den Putin-Vertrauten Alexej Miller, Chef des Energiemultis Gazprom. Der russische Gasriese wird seither nicht müde, seinen Einstieg in den deutschen Energiemarkt anzukündigen. Und zwar nicht nur als Gaslieferant, sondern auch als Stromproduzent - und Kraftwerksbetreiber. Auch nur heiße Luft oder eine neue Allianz - ein heißer Draht zwischen Moskau und München?

Mega-Leitungen oder neue Kraftwerke? Ja, beides!

Die Energiewende wird nicht ohne eine Übergangsfrist zu stemmen sein. Wie lange diese Zeit sein wird, die gebraucht wird, um Atom- und Kohlestrom durch saubere Energie zu ersetzen, weiß heute niemand. Der Ausbau der "Erneuerbaren" in den letzten Jahren hat ja gezeigt, dass die Energiewende eine Eigendynamik entwickelt, die Politik und Verwaltungen überfordert.

Deswegen lässt sich die Frage, auf die sich die bayerischen Vorstöße zur Energiewende zuspitzen lassen, relativ leicht beantworten: Braucht man neue Gaskraftwerke, oder braucht man neue Hochspannungsleitungen? Ja, beides.

Das deutsche Stromnetz muss ohne Atomkraft stabil bleiben, und es muss zu jeder Zeit genug Strom fließen. Deshalb werden für eine gewisse Zeit auch neue Kraftwerke in Reserve gehalten werden müssen, und um das Ungleichgewicht zwischen Stromerzeugung und -verbrauch auszubalancieren, müssen neue Leitungen gebaut werden.

Die Herausforderung an Politik und Technik ist es, diese Großbaustellen der Energiewende so zu gestalten, dass der Strom bezahlbar bleibt. Die Forderung, die neuen Gleichstrom-Kabel unter die Erde zu verlegen, ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Nach unterschiedlichen Angaben kostet ein Erdkabel bis zu 15 Mal mehr als eine Freileitung; der Eingriff in die Natur ist kaum kleiner. Zwar fallen die hohen Masten weg, aber die Kabeltrasse muss wegen möglicher Reperaturen freigehalten werden: eine Trasse duerch die Landschaft von der Breite einer Autobahn.

Da die dicken Kabel per Lkw nur in Stücken angeliefert werden können (anders als beim Seekabel auf dem Schiff), müssen alle paar hundert Meter Gebäude für die Muffen gebaut werden. Das Kabel erwärmt den Erdboden ... Die Energiewende unsichtbar und zum Nulltarif? Das bleibt ein Wunschtraum.

Lange Rede, kurze Wege - ein Kommentar

Vor drei Jahren hatten die Energiekonzerne Werbekampagnen zur Stromeinsparung gestartet. Die Politik hatte die Energieeffizienz als größtes mögliches Kraftwerk entdeckt: Die Abschaltung aller Stand-By-Geräte könnte zwei Atomkraftwerke überflüssig machen, hieß es einmal. Von all dem hört man heute nichts mehr. Es geht um Leitungstrassen und Kraftwerke, um die Strompreisbremse und die Offshore-Windkraft ...

Dabei war die Energiewende ganz anders gedacht: von unten her, dezentral. Dann funktioniert sie, ohne Monstermasten. Viele Gemeinden in Franken produzieren längst Strom im Überfluss!
Genau das wollen die Strommultis nicht. Ihr Geschäft ist der Umsatz. Statt Leitungen durchs Land zu prügeln, könnte die Politik (mit goldenen Zügeln!) die "energieintensive" Industrie dazu zwingen, sich selbst zu versorgen. Die Strom-Lobby ist stärker.

Kommentare (2)

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