Frensdorf
Landwirtschaft

Gackern im mobilen Hühnerstall

Familie Lauerhaas bietet ihren Legehennen immer grüne Wiesen - denn alle zwei Wochen rollt deren Arbeitsplatz an einen neuen Standort. Ein Novum im Landkreis. Wäre das ein Vorbild für ein besseres Hühnerleben?
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"Unsere Hennen heißen alle Helga": Ursula Lauerhaas in Mitten ihrer täglichen Eierlieferanten. Der mobile Hühnerstall wird alle zwei Wochen versetzt, damit die Hennen immer auf frischen Wiesen scharren können. Fenster und Zugänge öffnen sich automatisch.  Fotos: Sebastian Schanz
"Unsere Hennen heißen alle Helga": Ursula Lauerhaas in Mitten ihrer täglichen Eierlieferanten. Der mobile Hühnerstall wird alle zwei Wochen versetzt, damit die Hennen immer auf frischen Wiesen scharren können. Fenster und Zugänge öffnen sich automatisch. Fotos: Sebastian Schanz
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Ist Huhn Helga glücklich? Schwer zu sagen, die Henne lässt sich nicht interviewen. Besonders gestresst sieht sie aber nicht aus, wenn sie so auf der saftigen Wiese bei Wingersdorf, einem Frensdorfer Ortsteil mit 160 menschlichen und weit mehr tierischen Einwohnern, nach Insekten pickt und auf dem sonnenharten Boden scharrt. Keine Legebatterie, keine Antibiotika, keine engen Käfige - Sorgen könnte Helga allenfalls der Greifvogel bereiten, der am Himmel ab und zu seine Kreise zieht.

"Der Habicht hat schon ein paarmal zugeschlagen", berichtet Nebenerwerbs-Landwirtin Ursula Lauerhaas, die ihre insgesamt 500 Hühner alle Helga nennt. "Dafür haben die Hennen aber ein glückliches Hühnerleben."

Vor einem Jahr hat sich die Wingersdorfer Familie Lauerhaas einen fahrbaren Stall angeschafft, ihren ersten - und den ersten im gesamten Landkreis Bamberg, wie Gabriele Pflaum vom Veterinäramt bestätigt. Alle zwei Wochen rollen in dem Mobil 240 Hennen plus zwei Hähne auf eine andere frische Wiese. Die Fenster und Zugänge des Stalles öffnen und schließen sich automatisch. Auf dem Dach produziert eine Photovoltaikanlage Strom für die Beleuchtung. Darunter liegen der Ruheraum und die mit Dinkelspelz weich ausgelegte Legestube. Auf der unteren Etage findet sich der Scharrbereich , in dem Gesteinssplitter herumliegen. Rund um das Außenareal ist ein Elektrozaun gezogen, um den Fuchs abzuschrecken. Als Schutz vor Habicht und Co. lässt sich ein Netz spannen. Manche Henne stakst dennoch herum wie das sprichwörtliche gerupfte Huhn. "In jeder Herde gibt es eine Hackordnung. Die dickste Henne sitzt im Stall oben", sagt die Bäuerin dazu.

Wie sind insgesamt die Erfahrungen der Landwirtsfamilie? "So gut, dass wir uns jetzt noch einen zweiten mobilen Hühnerstall angeschafft haben", antwortet Lauerhaas und berichtet von einer Investition im mittleren fünfstelligen Bereich.

Das Gelbe vom Ei

Qualität hat ihren Preis. Stolze 30 Cent, mehr als die meisten Bio-Eier, kostet ein Ei im "Hüttla", einer Art Mini-Hofladen, in dem die Kunden das Geld auf Vertrauensbasis in eine Kasse werfen. Einzelverbraucher aus der ganzen Region kaufen hier ein. Zwei Restaurants lassen sich beliefern. "Einzelhandel wollen wir nicht. Es ist schon etwas Besonderes, und das soll es auch bleiben", sagt die studierte Sportwissenschaftlerin und schiebt die Fensterläden der Legestube nach oben. Auch am Nachmittag liegen ein paar frische Eier im Dinkelspelz. Von denen behauptet die 52-Jährige, selbst der Laie könne den Unterschied zum Ei aus der Legebatterie erkennen. "Das Gelbe vom Ei ist einfach viel satter."

Sollten nicht mehr Landwirte auf fahrbare Hühnerställe und glückliche Hennen setzen? "Der Aufwand ist ungemein größer, wenn ich einen großen Betrieb habe", antwortet Lauerhaas. "Wenn ich eine Bodenhaltung mit 1000 Hühnern habe, ist das deutlich einfacher."

Trotz der hühnerfreundlichen Haltung gilt der Hof der Frensdorfer Familie nicht als Biobetrieb. Für dieses Siegel müsste zum Beispiel auch das Futter nach verschärften ökologischen Kriterien produziert werden - doch im Hause Lauerhaas setzt man lieber auf das Futter vom eigenen konventionellen Acker.

"Insgesamt ist festzustellen, dass die Nachfrage nach regionalen Produkten hier bei uns stärker ist als nach Bio. Der Verbraucher will wissen, wo die Nahrungsmittel herkommen", berichtet Edgar Böhmer. Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes kennt und schätzt die mobilen Hühnerställe als Wertschöpfung, sieht aber auch komplexe Hygieneanforderungen und den hohen finanziellen Aufwand.

"Die Investitionskosten werden gerade im Viehbereich immer höher. Da bindest du dich teilweise auf Jahrzehnte", mahnt Böhmer. "Wenn weitere gesetzliche Verschärfungen drohen, wird die Tierhaltung bei uns insgesamt weniger werden." Der Kreisobmann rechnet vor: "Jede Extensivierung bei uns führt zu einer Intensivierung irgendwo anders auf der Welt."

Wie geht es weiter?

In Wingersdorf jedenfalls scheint die Extensivierung zu funktionieren. Bald werden knapp 500 glückliche Hühner in zwei mobilen Ställen auf den Wiesen vor dem Ort scharren und sich vor dem Habicht in Acht nehmen. Über 240 von den Hennen baumelt allerdings auch noch das Datum 1. August wie ein Damoklesschwert. Denn dann landet Helga zusammen mit den anderen Helgas im Suppentopf oder im Stall eines privaten Hühnerhalters. Die Zeit als Legehenne ist dann vorbei. Denn bei aller Liebe muss auch die Bauernfamilie Lauerhaas auf die Legeleistung ihrer Hybridhühner achten. Und die nimmt nach einem Jahr stark ab. In den Stall ziehen neue Helgas.

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