Bamberg
IS-Terror

Für Geld in den Krieg: Gespräch mit einem deutschen IS-Söldner

Die Kämpfer, die im Namen des Islam Angst und Schrecken verbreiten, kommen auch aus Deutschland. Sie lockt das "Abenteuer", aber auch das Geld. Das Gespräch mit einem dieser Söldner lässt viele Fragen offen.
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Symbolfoto: EPA/STR TURKEY OUT (Archiv)
Symbolfoto: EPA/STR TURKEY OUT (Archiv)
Es ist ein seltsames Gefühl: noch ein paar Minuten bis zur ersten leibhaftigen Begegnung mit dem "Islamischen Staat". Der Weg bis hierhin war lang und mühsam, obwohl er weder in den Irak noch nach Syrien führte. Sondern auf den Parkplatz einer psychiatrischen Klinik. Dort wohnt seit einigen Wochen einer, der auszog, um zu töten. Und, gerade noch rechtzeitig, von seinen eigenen Ängsten eingeholt wurde.

Es war eine Reihe von Zufällen, durch die diese Redaktion von Peter H. erfuhr. Der Kontakt mit ihm war nur möglich gegen das Versprechen, im Bericht alles zu vermeiden, was seine Identifizierung möglich machen könnte. Peter H. heißt weder Peter noch H.; in welcher Klinik er sich befindet, muss geheim bleiben, sein Alter und Details aus seiner Biografie sind tabu.

Bevor man Peter H. treffen darf, für ein paar Minuten und "unter Aufsicht", wollen sein Therapeut und sein Anwalt wissen, was die Zeitung wissen will. Immerhin: Sie sind kooperativ. "Es ist gut, dass H. das Gespräch sucht. Das ist einer der vielen Schritte zurück in diese Gesellschaft", meint der Arzt, der dem jungen Mann "schwere Persönlichkeitsstörungen" attestiert. "Peter H. ist krank."

Das klingt wie ein Freifahrtschein für jede denkbare Untat; aber Peter H. hat sich ja gar nicht strafbar gemacht. Den Anwalt haben seine Eltern besorgt, weil sie fürchten, dass ihrem Sohn mit dem Stempel "IS" lebenslang ein Stigma anhaften könnte. Obwohl er Böses "nur" gedacht hat. Und aus Angst, dass er zur Zielscheibe für die Fanatiker werden könnte, die ihn in ihren Reihen haben wollten - eben weil er Böses nur gedacht hat.

Auf dem Weg nach Istanbul

Peter H. war auf dem Weg nach Istanbul, wo er Mittelsleute des IS treffen sollte. Am Flughafen fing ihn sein Vater ab, redete ihm ins Gewissen. Peter H. verweigerte zunächst das Gespräch, dann tobte er, schlug nach dem Vater, brach dann weinend zusammen. Seitdem ist der verhinderte IS-"Krieger" Patient.

Das Haus, das wohl für lange Zeit H.s Heimat sein wird, wirkt idyllisch, viel Grün drumherum. Was wird man hier wohl treffen? Ein Monster, einen wilden bärtigen Krieger? Es gibt erst einmal noch Formalitäten und Vorgespräche, Treppen, Türen, Zimmer, Flure. Das alles wirkt wie ein Hotel oder ein Bürokomplex. Unpersönlich und doch ein bisschen versucht wohnlich.

Krieg im Namen Allahs?

Der Besprechungsraum, in den H. nach ein paar Minuten Wartezeit kommt, hat etwas Heimeliges an sich, ein Wohnzimmer im 80er-Jahre-Stil. Große Pflanzen, warmes Licht, Ikea-Flair. Und H.? "Unauffällig" charakterisiert den schmalen Mann wohl am besten. Nach dem Gespräch ist es schwer, sein Gesicht zu beschreiben. Glatt rasiert, brav. Nein, kein Monster.

H. beantwortet viele Fragen nicht selbst, sein Arzt und der Anwalt greifen in das Gespräch ein. Klar wird schnell, dass H. nicht so sehr für Allah in den Krieg ziehen wollte. Das war mehr Zufall - wie wohl bei vielen der gut 600 deutschen Söldner, die nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes für den IS in Syrien oder im Irak kämpfen. H. hat keinen Schulabschluss, typisch für die meisten Helfershelfer, die der IS anwirbt. Meist arbeitslos, nie Geld, ein paar Gelegenheitsjobs, mit den Eltern im Dauerstreit und ein fragiles soziales Umfeld ... Peter H.s Leben war langweilig, bis er Leute traf, die ihm von anderen Leuten erzählten. Es war von Abenteuern die Rede, von Kameradschaft, auch von Kampf, Krieg und Tod. Peter H. geriet in die Propagandamaschine des IS: Die Videos, die mit ihrer abscheulichen Brutalität die allermeisten Menschen abschrecken, "haben bei mir einen Nerv getroffen", sagt er. Grausam? Vielleicht hat eine Generation, die mit Splatterfilmen und Killerspielen aufwächst, einen anderen Blick. "Bilder vom Krieg haben mich schon immer fasziniert", sagt H.

5000 Euro auf die Hand

Am meisten fasziniert hat ihn aber wohl der Briefumschlag, den er bei einem der ersten Treffen mit IS-Mittelsleuten in die Hand gedrückt bekam. 5000 Euro waren angeblich drin, eine "Anzahlung" für den Lohn, mit dem der IS lockt. H. sollte über die Türkei nach Syrien oder in den Irak gebracht werden, dort ausgebildet werden. Dem Gläubigen verspricht der IS einen Platz im Paradies, dem Söldner Ruhm und Reichtum.

Das Geschäft mit dem Tod ist nichts Neues. Deutsche Söldner kämpften auch im Bosnien-Krieg und in Tschetschenien, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ihre große Zahl, ihre offenkundige Gewaltbereitschaft auch nach der Rückkehr und die Islamismusdebatte stellen das moderne Söldnertum in ein neues Licht. Man trifft den IS, die Gewalt, den Tod. Und er hat ein Allerweltsgesicht.
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