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Hirschaid
Bürgermeisterwahl in Hirschaid

Fünf Kandidaten stellen sich allen Fragen

Die Bewerber um das Bürgermeisteramt in Hirschaid beantworteten die Fragen von FT-Lokalchef Michael Memmel. 160 Besucher konnten sich ihre Meinung bilden.
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Gut 160 Hirschaider kamen am Freitagabend in den im Girlandenschmuck der fünften Jahreszeit angepassten Saal der Brauerei Kraus. Sie erlebten die fünf Kandidaten um das Bürgermeisteramt (Besoldungsgruppe B 2) der Marktgemeinde im verbalen Schlagabtausch. Von oftmals ermüdenden Talkrunden im Fernsehen hob sich die Veranstaltung des Fränkischen Tags zum einen dadurch ab, dass der Moderator - der Bamberger FT-Lokalchef Michael Memmel - mit einem auf die Kandidaten umgedichteten Gassenhauer in die Redeschlacht einstimmte: Wann wird schon mal ein hohes Lied auf die Kommunalpolitik gesungen? Zum anderen verhinderte der Umstand, dass nur ein Mikrofon im Spiel war, ein wildes Durcheinanderquasseln.

Schön der Reihe nach kamen alle Fünf im 90-Sekunden-Takt zu Wort. Angereichert mit einer Fülle von Informationen über das Soll und Haben des Marktes Hirschaid traten die Besucher nach zweieinhalb Stunden den Heimweg an. Ob sich jemand umstimmen ließ von den Ideen der Bewerber? Das ist kaum zu klären, aber in einem war man sich einig: Schön, dass Hirschaids Marktgemeinderat frei bleibt von Vertretern einer Partei, mit der aufrechte Demokraten keine gemeinsame Sache machen wollen. Für diese Erkenntnis brandete Beifall auf.

Respektvoll und mit Humor

Bei aller Sachlichkeit - es gab auch was zum Lachen und zum Schmunzeln, gleich bei der lockeren Einstiegsübung: "Mit wem möchten Sie durch Hirschaid laufen, um was zu zeigen?", lautete die Frage. Horst Auer, der SPD-Kandidat, möchte Bayerns Innenminister Joachim Hermann für eine Verzehnfachung der Finanzmittel zur Bädersanierung gewinnen und auf den drohenden Verkehrsinfarkt Hirschaids aufmerksam machen. Das lebendige Hirschaid würde der zur Wiederwahl antretende Klaus Homann (CSU) einer Reihe von Bürgermeisterkollegen vorführen: Mit stolzer Brust zu den Glanzstücken des Marktes, vom schnuckelig sanierten Sassanfahrter Schloss bis zum millionenteuren Wasserhochbehälter.

Sigrid Oppelt von den Freien Wählern hätte gerne Pippi Langstrumpf zur Seite, um zu trällern: "Wir machen uns Hirschaid wie es uns gefällt". Und dann mit ihr vom Kirchplatz mit seinen 20000 Fahrzeugbewegungen am Tag ins beschauliche Schloss zu einer Tasse Kaffee hüpfen. Mit der Antwort "Konrad Adenauer" verblüffte der Kandidat der Grünen und Ökologischen Liste, Sebastian Frank. Um in Hirschaid "miteinander etwas zu gestalten", würde sich der gebürtige Kölner gerne den Rat des "Alten" holen, der zu Kölle ja auch mal Oberbürgermeister war. Der Jüngste in der Runde, FDP-Bewerber Martin Wünsche, würde sich gerne mit den Charakteren der Fernsehreihe "Dahoam is dahoam" austauschen, um zu beweisen, dass eine verantwortungsbewusste Gemeinde mehr erreichen könne als alle Gesetze zusammen. Erkenntnis dieser Runde: Von der Stange sind die Fünf nun wirklich nicht.

Teure Pflichtaufgaben

Bei den folgenden Themen fiel die Differenzierung schwerer, denn das knappe Budget der größten Kommune im Landkreis Bamberg bremst die Ankündigung von Wolkenkuckucksheimen. Sparen ist angesagt, zumal allen Kandidaten bewusst ist, dass sich die Marktgemeinde um ein paar Millionen Euro neu verschulden muss, um anstehende Pflichtaufgaben zu finanzieren. Stichworte sind hier die bevorstehende Schulhaussanierung, Kindergartenbauten oder die Sicherstellung der Wasserversorgung.

Einig war sich die Runde in der Einschätzung der größten Probleme, wobei der Ausbau der ICE-Strecke, die Parksituation, der Durchgangsverkehr und die angekündigten Brückensanierungen im Zusammenhang gesehen werden.

Thema Brückensanierung

"Das machen wir alles Step by Step", versuchte Klaus Homann (CSU) zu beruhigen. Es werde darauf geachtet, dass nicht zwei Brücken gleichzeitig gesperrt und im Falle von Umleitungen zumindest Übergänge für Fußgänger und Radfahrer geschaffen werden. Mit Blick auf die nahe Planfeststellung des ICE-Streckenausbaus sieht Homann kaum noch Spielraum für weitere Verbesserungen.

Sigrid Oppelt (FW) widersprach: Es sei nicht zufriedenstellend, was die Bahn anbiete und es sei auch nicht verständlich, dass auf die Marktgemeinde erhebliche Kosten zukämen. Schade sei, dass die von Hirschaid gewünschte Verlegung des Haltepunktes südlich der Maximilianstraße nicht möglich ist. Dafür fehle es halt auch der Gemeinde am Geld, bedauerte Horst Auer. Der SPD-Kandidat verwies aber darauf, dass doch eine ganze Reihe von Anregungen auch aus der Bürgerschaft in die Forderungen des Gemeinderats zum Bahnausbau eingeflossen seien. Nachbesserungen regt dennoch der FDP-Bewerber Martin Wünsche an, etwa einen Fahrradparkplatz oder eine Toilettenanlage. Sein Wunsch: "Einfach noch mal alles neu diskutieren!" Der Grüne Sebastian Frank sieht das Problem darin, dass der Bauherr ein 100-prozentiges Staatsunternehmen ist, alle schwierigen Aufgaben drumherum aber der Kommune zugeschoben würden. Sich nicht zufriedengeben, ist sein Vorschlag.

Thema Verkehr

Und die große Verkehrsentlastung? Eine Umgehungsstraße unter Beteiligung einiger Nachbargemeinden für 30 bis 40 Millionen Euro "können wir vergessen", meinte Klaus Homann. Er setzt seine Hoffnung auf die Autobahnzufahrt bei Altendorf sowie die Anbindung des Gewerbegebiets Strullendorf an die B 505. Oder auch auf kleinere Fortschritte wie die Verbesserung der Nahversorgung in Sassanfahrt, "damit die nicht mehr kommen", flappste Homann. Warum nicht gleich eine Mauer zwischen Hirschaid und Sassanfahrt bauen? spielte Martin Wünsche den Gedanken weiter, womit das Publikum was zu lachen hatte. Ernsthaft denkt freilich niemand an eine Demarkationslinie durch die Großgemeinde. Sebastian Frank trauerte der vielen Mühe nach, die sich diverse Arbeitskreise um das "Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept" gemacht haben. Darin seien viele kleine Schritte aufgelistet, wie man in Detailfragen vorankommen könne, auch auf dem Verkehrssektor. Sigrid Oppelt möchte gleichwohl an der Umgehungsstraße "dranbleiben" und mit den Nachbarn reden, während Horst Auer darin auf die Schnelle auch keine Lösung sieht. Allein über den Bau einer Umgehungsstraße vergingen zwei bis drei Jahre.

Thema ÖPNV

Weniger Verkehr durch mehr ÖPNV? Dazu wären alle Gemeinderäte bereit - wenn nur die Hirschaider mitspielen würden. Der "Gämaaflitzer" dreht mangels Zuspruchs nur noch montags und donnerstags eine Runde durchs Gemeindegebiet. "100000 Euro bei 80000 Euro Zuschuss habe man in ein Rufbussystem investiert, nichts hat"s gebracht," erinnerte Klaus Homann. Er setzt auf Neuregelungen, die nächstes Jahr im Landkreis Bamberg getroffen werden sollen. Den Kreis mit in die Verantwortung nehmen, fordert denn auch Sigrid Oppelt, weil die weit verstreuten Ortsteile "schon ein wenig abgekapselt" seien. Martin Wünsche möchte es nochmals mit dem Rufbus versuchen und dazu ein digitales Kommunikationssystem aufbauen. Mit einem Landrat Andreas Schwarz an der Spitze werde das Problem landkreisweit angegangen, versicherte Horst Auer. Die Mitfahrbänke hätten sich jedenfalls nicht bewährt. Vielleicht schämten sich manche Leute, sich dort hinzusetzen und auf eine Gelegenheit zu warten, von einem Autofahrer mitgenommen zu werden. So werde das Nahverkehrsproblem nicht gelöst, machte Auer klar. Weniger Scham als Angst vermutet Sebastian Frank als Grund für die Verschmähung der Mitfahrbänke. Der Grünen-Kandidat sieht denn auch allein in der Einführung eines Linienbusses mit Anbindung des Bahnhofes die Lösung der Nahverkehrsfrage.

Thema Wohnungsmangel

Was kann Hirschaid zur Lösung des Wohnungsmangels beitragen? Einiges, ergab die Befragung der Kandidaten. Horst Auer (SPD) regte eine Wohnungsbaugenossenschaft an, damit nicht nur Einzelhäuser gebaut werden. Sigrid Oppelt (FW) würde mit Grundbesitzern verhandeln, um Leerstände zu aktivieren und Mehrfamilienhäuser zu ermöglichen. Martin Wünsche (FDP) möchte das Baugenehmigungsverfahren beschleunigen und kostspielige Bauvorschriften eindämmen. Sebastian Frank (Grüne) drängt auf Nachverdichtung der Baugebiete und die Berücksichtigung von Single-Haushalten sowie von Angeboten im Sozialen Wohnungsbau bei der Ausweisung von Baugebieten. Bei 140 ungenutzten Wohnungen und 350 unbebauten Bauparzellen im Gemeindegebiet hofft Klaus Homann (CSU) auf die heilsame Wirkung der künftigen Grundsteuer C, die eine höhere Besteuerung von Grundstücksspekulationen ermöglicht. Außerdem stellte er die Nutzung des Areals des alten REWE-Marktes in Sassanfahrt für preiswerte Reihenhäuser in Aussicht.

Thema Wasserversorgung

Hinsichtlich der Wasserversorgung konnten die Zuhörer viele Gemeinsamkeiten unter den Wahlkämpfern feststellen. Es werden derzeit 4,6 Millionen Euro in Brunnen, Quellen, Leitungen und Hochbehälter sowie in den Anschluss an die Fernwasserleitung investiert. Zusätzlich kann jeder Hirschaider durch sparsamen Umgang mit dem Wasser seinen Beitrag leisten. Sebastian Frank mahnte: "In heißen Sommern muss nicht jeder einen Golfrasen haben!"

Thema Energie

Ob der Markt Hirschaid - wie von der Staatsregierung gefordert - bis 2035 energieautark sein wird? Wohl kaum - lassen sich die Antworten zusammenfassen. Denn es gibt da zwei Großbetriebe, die mehr Energie verbrauchen als Hirschaid aufbringen kann, machte Klaus Homann deutlich. Für Windkraftanlagen sei die "Windhöffigkeit" zu gering. Es werde aber bereits viel Strom in Photovoltaikanlagen auf Hausdächern und in der Flur sowie durch Biogas erzeugt, berichtete Homann. Noch mehr könnte es werden, wenn etwa die großen Parkplätze mit Solaranlagen überbaut werden würden, gab Sebastian Frank zu bedenken. Auch die gemeindlichen Gebäude sollten möglichst nachgerüstet werden, schlugen Sigrid Oppelt und Martin Wünsche vor. Gelegenheit für Horst Auer, daran zu erinnern, dass Hirschaid mit seinem 28-Millionen-Haushalt nur über begrenzte Mittel verfüge. Und die Energieversorgung sei keine Pflichtaufgabe der Kommune, gab er zu bedenken.

Thema Freiz eit und Kultur

Eine "freiwillige Leistung" ist die Vereinsförderung und Unterstützung der Ortskultur, die sich der Markt laut Homann jährlich etwa 50000 Euro kosten lässt. Und da sind dem Bekunden der fünf Kandidaten nach auch keine Einschränkungen zu erwarten. Alle schätzen das vielfältige ehrenamtliche Engagement. Horst Auer sucht Mitstreiter für seine Vorschläge, eine Boule-Bahn und eine Kneipp-Anlage zu errichten. Martin Wünsche schlägt eine Ehrenamtsbörse, Sigrid Oppelt sogar eine Ehrenamtsmesse alle zwei Jahre vor und Sebastian Frank warnt vor einem "Jammern auf hohem Niveau".

Zur Kür könnte für Hirschaid die Sanierung der ehemaligen Judenschule an der Nürnberger Straße zählen. Diesem Projekt misst aber keiner der Kandidaten hohe Priorität bei, es fehlt auch noch immer an einem Nutzungskonzept. Immerhin konnte Klaus Homann verkünden, dass die Bezirksregierung 60 Prozent Zuschuss zur Fassadenerneuerung in Aussicht gestellt hat.

Thema Bürgernähe

Fühlen sich die Hirschaider von Bürgermeister und Marktgemeinderat "mitgenommen"? Da hatte sich in den Arbeitskreisen zum Stadtentwicklungskonzept viel aufgebaut, was in den letzten sechs Jahren aber wieder auf der Strecke blieb. Klaus Homann zählte zwar im Stakkato auf, was in der Zwischenzeit an Ideen verwirklicht worden ist, aber es dämmerte den Kandidaten, dass sie doch noch einmal nachblättern sollten, was an bürgerlichen Visionen von einem besseren Hirschaid untergegangen sein könnte. "Viel Luft nach oben" bestehe zum Beispiel beim Abbau von Barrieren zugunsten von Behinderten, mahnte Sebastian Frank. Und noch viel zu tun bleibt dem Markt bei der Breitbandversorgung in Hirschaid und seinen Ortsteilen. "Schritt für Schritt kommen wir voran", fasste Horst Auer die Bemühungen der Kommunalpolitiker um ein noch lebenswerteres Hirschaid zusammen. Und es erhob sich niemand im Saal, der nach einem Knalleffekt rief. So konnte die Veranstaltung harmonisch und mit einem Schmunzeln enden.

Faschingskostüme aussuchen

Moderator Memmel forderte die Kontrahenten auf, sich gegenseitig Faschingskostüme vorzuschlagen. Da wollte Homann Sebastian Frank als Waldschrat ausstaffieren; Frank steckte den FDP-Mann Wünsche in ein Piratenkostüm (weil er das Rathaus entern wolle); Wünsche schickte Sigrid Oppelt als Krankenschwester los (was sie von Beruf ist); Oppelt machte Horst Auer zum Sheriff und Auer fiel zu Homann erst mal nur "Ach du lieber Gott" ein. Na, das kann ja heiter werden im neuen Marktgemeinderat. Am 15. März haben es die Hirschaider in der Hand, wer Platzhirsch wird.

So sah es das Publikum

Beteiligung 45 Feedback-Zettel landeten ausgefüllt in der FT-Urne, somit hat fast jeder dritte Besucher seine Meinung hinterlassen. Auf die Frage "Hat diese Veranstaltung Ihre Wahlentscheidung beeinflusst?" antwortete die Mehrheit mit "Nein", aber mit elf Zuschauern auch ein Viertel mit "Ja". Vier machten hier keine Angaben.

Sprüche "Welche Aussagen sind bei Ihnen hängengeblieben?" Darauf wurden die folgenden Zitate genannt:

"Ich führe die Pipi Langstrumpf durch Hirschaid. Nach dem Motto 'Wir machen uns Hirschaid, wie es uns gefällt'." (Sigrid Oppelt)

"Ach Gottala." (Horst Auer auf die Frage, welches Faschingskostüm er Klaus Homann kaufen würde)

"Ich habe kein Konzept, aber wir sollten es mal diskutieren." (Martin Wünsche)

"Es ist auch eine Holschuld der Bürger." (Klaus Homann zur Frage, was vom städtebaulichen Entwicklungskonzept schon umgesetzt wurde.)

"Wir haben in Sassanfahrt ein Nahversorgungszentrum gebaut, damit die nicht mehr rüber zu uns nach Hirschaid fahren." (Klaus Homann)

"Ich würde gerne ein Vereinsmesse ausrichten." (Sigrid Oppelt)

"Ich kann mir eine Art 'Uber für Hirschaid' vorstellen." (Martin Wünsche)

Prioritäten "Was würden Sie als Bürgermeister von Hirschaid tun?" Auf diese Frage gab es sehr viele Antworten - hier eine Auswahl davon.

"A Baulücken schließen. B Kindergartengebühren abschaffen. C Anwerbung von Firmen aus dem Bereich der New Economy."

"Mich nicht immer hinter dem Geldmangel als Grund verstecken."

"ÖPNV und Glasfaser ausbauen."

"Sorgen und Nöte der Menschen ernst nehmen. die Gemeinde nachhaltig weiterentwickeln."

"Mich für den Zusammenhalt der Bürger einsetzen."

"Wasserspielplatz hinter dem Rathaus."

"Eine Umgehungsstraße angehen, um den Verkehr aus dem Kernort zu holen!"

"Ein Haus für Vereine."

"Judenschule abreißen, Bahnhof verlegen, Ortskern stärken."

"Ich würde für Jugend und Senioren mehr machen, zum Beispiel Leih-Oma oder -Opa für Kinder, wenn beide Eltern arbeiten."

"Die Bürger einbeziehen."

"Den Leuten selbst überlassen zu bewerten, was gut oder schlecht für sie ist."

"Freizeitmöglichkeiten erweitern."

"Mint-Zentrum unterstützen, das ist eine Chance für Hirschaid."

"Vorausschauend planen - auch mit den Kosten."

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