Bamberg
Hexenwahn

Franken: Hochburg der Hexenbrenner

Vor 400 Jahren wurden in den Hochstiften Bamberg und Würzburg Tausende Unschuldige als Hexen und Hexer gedemütigt, gefoltert und verbrannt.
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W as erzählt der Mann da? Unser beschauliches Franken als Fanatismus-Brutstätte? Als Keimzelle menschenverachtendster Schreckensherrschaft unter dem Deckmantel der Kirche? Wer Ralph Kloos zum ersten Mal begegnet, geht erst einmal in skeptische Abwehrhaltung. Klar, Hexenwahn gab es in vielen Teilen Europas. Aber waren die Hochstifte Bamberg und Würzburg wirklich die europäischen Hochburgen des grausamen Folterns und Tötens Unschuldiger? "Genau so war es", sagt Ralph Kloos, der in Bamberg ein Museum zum Thema etablieren möchte. Nach einem Zufallsfund hat der 60-Jährige jahrelang recherchiert. Das Ergebnis färbt unsere Geschichte blutrot.

Herr Kloos, Sie haben sich der Aufarbeitung des Hexenwahns in Franken verschrieben. Wieso?

Geschichte war schon immer mein Ding. Meine Mutter arbeitete in einem Buchladen, in dem ich gern herumgestöbert habe. 1989 bin ich auf einen Spiegel-Artikel zur Eröffnung der Vatikanischen Archive gestoßen. Darin stand, dass in der Bischofsstadt Bamberg in einem einzigen Jahr 600 Frauen als Hexen verbrannt wurden. Mein erster Gedanke war: "Die vom Spiegel haben auch nichts mehr drauf." Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen, dass das in meiner Heimatstadt passiert sein sollte. Später habe ich dann ein Interview vom NDR gehört, mit ähnlichem Inhalt. Da bin ich schon ins Grübeln gekommen. Im Jahr 2005 habe ich in einem Buch von Dr. Britta Gehm einen Kupferstich von 1628 entdeckt. Das war mein Erweckungserlebnis.

Inwiefern?

Der Kupferstich zeigt das so genannte Malefizhaus, ein Hexengefängnis, das Fürstbischof Johann Georg II. "Fuchs von Dornheim" 1627 in Bamberg hat bauen lassen - mit dem dazugehörigen Foltergebäude, der so genannten "Peinlichen Frag", die sich auf dem Areal des heutigen Hauses in der Franz-Ludwig-Straße 10 befand.

Der Laie denkt bei "Hexenwahn" an rothaarige Männerverführerinnen. Ist da was dran?

Nur zum Teil. In Würzburg musste einst die "schönste Frau der Stadt" grausam sterben, weil ein Geistlicher sie bezichtigte, ihn mit ihrer Schönheit verhext zu haben. Die Frau musste quasi für die Begierde des Mannes büßen - was für ein Hohn. Die Anfänge des Hexenwahns sind wohl auf Neid und Argwohn der Menschen zurückzuführen, denen Missernten, Hunger, Not und Pest das Leben schwer machten. Da hat die Kuh keine Milch mehr gegeben und der Bauer meinte, die alte Frau von gegenüber habe das Tier verhext. Der Vorwurf sprach sich rum, so falsch er auch war. Er verfestigte sich, die Verdächtige landete in der Folterkammer. Und wer dort erst mal war, der hatte eigentlich schon verloren.

Wer landete dort?

In Bamberg waren es insgesamt etwa 75 Prozent Frauen, 25 Prozent Männer. Es wurden auch Kinder verbrannt, in Würzburg sogar blinde Kinder, weil sie "vom Teufel besessen" seien. Die Jagd auf Hexen und Hexer beschränkte sich keineswegs auf rothaarige Frauen oder ältere Mütterchen, sondern erfasste Männer und Frauen aus allen sozialen Schichten - in Bamberg bis hinauf zu Bürgermeistern.

... wie Georg Neudecker, den Sie mal als den "Stoschek des Mittelalters" bezeichnet haben?

Er war der Erste der Oberschicht, der in Bamberg gefangen genommen wurde. Seine Familie war sehr reich. Da war - so würden wir es heute sagen - was zu holen.

Sie meinen, Wohlhabende konnten sich freikaufen?

Das nicht. Aber es gab Mittel und Wege, um an ihr Vermögen zu kommen. Georg Neudecker wurde nicht sofort exekutiert, sondern rund 925 Tage inhaftiert, gemartert und ausgepresst. Und während Verurteilte in Würzburg vor der Verbrennung in der Regel geköpft wurden, gab es dieses Privileg in Bamberg nur durch einen fürstbischöflichen Gnadenzettel; den bekam man im Gegenzug für ein großzügiges Testament, das die katholische Kirche als Erben einsetzte.

Wie viele Menschen fielen den Hexenverbrennungen in Würzburg und Bamberg zum Opfer?

In Bamberg existieren noch 884 Akten - diese Opfer sind belegt. Allerdings fehlen von manchen Monaten jegliche Aufzeichnungen. Vom Februar 1629 gibt es beispielsweise keinerlei Akten. Vom März 1629 aber schon: 33 Menschen wurden in diesem Monat verbrannt. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie auch vorher im Malefizhaus sicher keine Däumchen gedreht haben. Insgesamt drei Folterwellen sind verzeichnet, es gab mit Sicherheit weit über tausend Opfer. 300 Verbrennungen sind allein am Domberg belegt.Wie viele Unschuldige in Würzburg gestorben sind, ist nicht genau bekannt, wohl aber mindestens 1200. In der Domstadt gab es zwölf kleinere Folterkeller, aber kein eigenes Hexenhaus.

Hat niemand versucht, die grausame Entwicklung aufzuhalten?

Kanzler Dr. Georg Haan, der frühere Vorsitzende der Bamberger Hexenkommission, hat den Hexenkommissaren kein Geld mehr gegeben, 1617 wurden die Hexenverfolgung erst mal gestoppt - was Haan und seine ganze Familie jedoch mit dem Leben bezahlten. Und wenig später ging es umso härter zur Sache. 1627 ließ der katholische Fürstbischof Johann Georg II., genannt "Fuchs von Dornheim", das Malefizhaus bauen - von außen ein prächtiges Schmuckstück, innen ein Foltergefängnis, in dem vermeintliche Hexen und Hexer gedemütigt, gequält und zu Tode gemartert wurden. Der in Wiesentheid geborene Fürstbischof war einer der grausamsten Hexenverfolger.

Was passierte in diesem Malefizhaus?

Zunächst gab es die Eingangsfolter, die weiche Folter, mit Daumen- und Beinschrauben. "Gestand" der Delinquent seine vermeintlichen Taten da noch nicht, folgte die schwere Folter, die extrem perfide war. Zum Beispiel wurden die Menschen an den Armen aufgehängt und unter ihren Achseln wurden Schwefelfeuer entzündet. Andere bekamen metallene Halskrausen mit langen Stacheln umgehängt, so dass sie sich kaum bewegen und tagelang nicht schlafen konnten. Oder man band die Menschen auf einem Rad in der Folterkammer fest und überstreckte sie so weit, das ihr Skelett fast brach - das war der so genannte "wehe Zug".

Es gab auch Folterarten, die in Bamberg einzigartig waren, oder?

Im Malefizhaus wurden vier Folterarten entwickelt, die nirgendwo sonst beschrieben sind: die Bamberger Durstfolter - dem Gefangenen wurde ein Brei aus Heringen, viel Salz, Pfeffer und gemahlenem Getreide eingeflößt, ohne ihm zu trinken zu geben - , der Bamberger Betstuhl - ein mit kurzen Dornen bewehrter Holzbock, auf den sich der nackte Gefangene stundenlang knien musste -, das Bad in heißer Kalklauge, das den ganzen Körper verbrannte, Augen, Lunge und Schleimhäute verätzte, und das "Linsten-Stüblein", dessen Boden mit zehn Zentimeter hohen, spitzen Holzpyramiden ausgekleidet war, auf dem der nackte Gefangene stundenlang leiden musste.

Kann man solche Qualen ertragen, ohne verrückt zu werden?

Gute Frage. Wenn sich ein Opfer während der Folter besonders standhaft zeigte, wertete die Hexenkommission das als Zeichen dafür, dass der Teufel seine Schülerin mit unermesslicher Kraft ausgestattet hat. Deshalb wurde immer grausamer gefoltert - so, dass die Opfer irgendwann alles und jeden "verraten" haben, selbst ihre eigenen Kinder oder Eltern.

Ging es außerhalb von Bamberg, in anderen Teilen Frankens, auch so unmenschlich zu?

In Würzburg ist die Aktenlage weit spärlicher als in Bamberg. Allerdings weiß man, dass es dort quasi die Regel war, die Opfer vor ihrer Verbrennung zu enthaupten. Im Gegensatz zu Bamberg gab es in Würzburg so genannte Stuhlbefragungen, die wohl öffentlich auf dem Marktplatz abgehalten wurden, und es war üblich, den "letzten Hieb" zu zelebrieren, das heißt, die vermeintlichen Hexen auf ihrem Weg zum Schafott öffentlich zu bespucken, zu schlagen und anderweitig zu malträtieren. Auch in anderen Amtsstädten der Hochstifte gab es kleinere "Hexen- oder Drudenhäuser", etwa in Zeil am Main, Hallstadt und Kronach.

Wenn schon die Folter oft tödlich war - warum gab es dann überhaupt die Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen?

Weil die Menschen Angst hatten, der Teufel könnte aus Knochen neue Hexen machen. Die Hexenverbrennung war noch lange nicht beendet, wenn der Körper tot war. Der Brand musste so lange dauern, bis nur noch Pulver und Asche übrig waren.

Wie reagieren die katholische und die evangelische Kirche heute auf solche Fakten? Immerhin sind die schlimmsten Ereignisse erst zwölf bis 16 Generationen her.

Das ist ein schwieriges Thema, das die meisten wohl gerne totschweigen würden. Fakt ist, dass das größte Kapital der Herrschenden und damit der Kirche im 17. Jahrhundert verloren zu gehen drohte: die mangelnde Bildung des gemeinen Volkes. Zum bloßen Machterhalt beschworen die Fürstbischöfe Feindbilder und Ängste der Menschen. Die evangelischen Christen waren fast noch anfälliger für Satanshysterie. Schon Luther hatte ja 1526 gepredigt: "Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an." Was die heutige Aufarbeitung angeht: Man muss ehrlich sagen, dass da noch nichts passiert ist.

Wie und wo haben Sie die geschichtlichen Fakten recherchiert?

Ausgangspunkt war das Buch von Dr. Britta Gehm. Dann habe ich in verschiedenen Archiven gewühlt, vor allem in Bamberg und Zeil. In Wien habe ich den Original-Kupferstich des Malefiz-Hauses ausfindig gemacht. Ich habe mir jede Menge Bücher reingezogen, von Romanen bis Fachbüchern. Wesentliches Material sind die erhalten gebliebenen 884 Prozessakten mit mehreren tausend Seiten, Testamenten und Briefwechseln. Diese Papiere sind durch einen unglaublichen Zufall gerettet worden.

Durch welchen Zufall?

Zwischen 1830 und 1840 wurden sie vom Landgericht Bamberg im Rahmen einer Entrümpelungsaktion auf dem Schrannenplatz versteigert. Dort erwarb sie ein Seifensieder namens Beyer, der sie als Einwickelpapier für seine Waren benutzte. Als ein historisch interessierter Kunde feststellte, dass seine eben gekauften Nägel in alte Hexenprozessakten verpackt waren, kehrte er zu dem Händler zurück und kaufte den ganzen Aktenstoß auf. Seine Erben vermachten ihn später der Staatsbibliothek Bamberg. Mir - und auch meinem Kollegen, dem Sprachwissenschaftler Thomas Göltl, mit dem ich das Buch "Die Hexenbrenner von Franken" geschrieben habe - war es ganz wichtig, umfassend zu recherchieren und dadurch unangreifbar zu sein. Nach dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Ihr "Hexen-Buch" ist schon einige Jahre auf dem Markt. Was haben Sie noch vor?

Ich möchte so bald wie möglich ein Museum aufbauen, das sich unserer Vergangenheit und den Geschehnissen im 17. Jahrhundert widmet. Meine Idee ist es, die Geschichte multimedial aufzubereiten und zu veranschaulichen. Das Museum soll quasi die Erweiterung des Dokumentationszentrums im Zeiler Hexenturm sein. Noch sind viele Menschen skeptisch, aber das waren sie auch, bevor 2015 mit dem "Bürgerverein Mitte" ein mit Spendengeldern finanziertes Hexenbrenner-Mahnmal hinter dem Schloss Geyerswörth realisiert wurde. Heute gehört es ganz selbstverständlich zum Stadtbild. Ich bin sicher: Wenn das Museum erst mal existiert, werden alle beeindruckt sein. Ich will keine Geisterbahn erschaffen! Ich will bewirken, dass sich die Menschen ihre Gedanken machen.

Sie setzen sich jetzt seit 14 Jahren für die Aufarbeitung der fränkischen Folter-Vergangenheit ein - ohne dass bislang viel passiert ist. Was lässt Sie durchhalten?

Zwischendurch hatte ich schon mal den Gedanken, alles hinzuschmeißen. Aber dann habe ich an Menschen wie Dorothea Flock gedacht. Sie stammte aus dem Patriziergeschlecht Hofmann aus Nürnberg. Ende 1629 wurde sie anonym als Ehebrecherin und später wegen Hexerei angeklagt. Trotz Schwangerschaft wurde sie gefoltert. Ein Bittschreiben des Rats der Stadt Nürnberg an den Bamberger Fürstbischof Johann Georg II. "Fuchs von Dornheim" blieb erfolglos, ebenso wie ein Bittgesuch ihrer Familie an den kaiserlichen Reichshofrat in Wien. Wenige Wochen, nachdem die Inhaftierte eine Tochter bekommen hatte, legte sie unter schwerer Folter ein Geständnis der Hexerei ab: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hostienfrevel und so weiter. Am 14. Mai wurde sie zum Tode verurteilt. Inzwischen hatte sich ihr Mann beim Papst für sie eingesetzt, doch dessen Dekret zu ihrer Rettung kam wenige Stunden zu spät an. Der Bamberger Fürstbischof ließ Dorothea Flock am 17. Mai 1630 hinrichten. Unschuldigen wie ihr zu Ehren kämpfe ich weiter für die Aufarbeitung unserer fränkischen Geschichte. Weitere Bilder und ein virtueller Museumsrundgang: www. infranken.de Zur Person Ralph Kloos, Jahrgang 1959, ist ein Kunsthistoriker aus Bamberg. In den 80ern gründete er die Disco "Downstairs", 1987 war er Mitbegründer der Fun-Boy-Rundfunkgesellschaft (Radio). Bis 1989 moderierte er Radiosendungen, danach war er als Berater im Computerbereich tätig. 1992 zog er nach Fuerteventura. Dort leitet er sein eigenes kleines Studio, schreibt Bücher und wirkt an Filmen mit.

Das Buch "Hexenbrenner" gibt es online und ist über die Homepage www.hexenbrenner-museum.com bestellbar.

-75 Prozent der Opfer waren im Hochstift Bamberg Frauen. Für Würzburg gibt es keine Prozentzahlen.

-1794 wird die Nonne Maria Renata Singer aus dem Kloster Unterzell bei Würzburg der Hexerei angeklagt. Sie wird von einem Scharfrichter aus Kitzingen auf der Mittleren Bastei in Würzburg enthauptet und dann verbrannt. Sie war die letzte verurteilte "Hexe" in Franken.

- 1795 wurde die Folter in Bamberg offiziell abgeschafft - nach insgesamt 414 Jahren Folterpraxis im katholischen Hochstift.

- 12 verschiedene Gefängnisse für angebliche "Hexen" existierten im 17. Jahrhundert in Würzburg - gleichzeitig. Erste Hexenprozesse gab es in den letzten Regierungsjahren von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1573-1617). Die größte Welle der Hexenverfolgung fand im Hochstift Würzburg, ebenso wie im Hochstift Bamberg, zwischen 1626 und 1630 statt.

- 1626 bis 1630 wurde fast der gesamte Bamberger Stadtrat hingerichtet. Selbst vor dem eigenen Domkapitel machten die Hexenjäger nicht Halt. Auch Pfarrer Michael Cötzner wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dort fanden auch zwölf Weinhändler, zwei Apotheker, fünf Bürgermeister, der Kanzler und alle Hebammen der Stadt den Feuertod.

- 1749 wird die Nonne Maria Renata Singer aus dem Kloster Unterzell bei Würzburg der Hexerei angeklagt. Sie wird von einem Scharfrichter aus Kitzingen auf der Mittleren Bastei in Würzburg enthauptet und dann verbrannt. Sie war die letzte verurteilte "Hexe" in Franken.

- 1654 werden Reste des Malefiz-Hauses zum Bau des Bamberger Kapuzinerklosters verwendet. Dort steht heute das Clavius-Gymnasium.

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