Bamberg
Theatersommer

Fränkischen Theatersommer: Faust mit Christiane Reichert

Selbst Mephisto ergreift die Flucht, wenn sie als "Marthe Schwerdtlein" mit ihm flirtet. Christiane Reichert langweilen Heldinnen-Rollen. So war sie gerade auch als Serienmörderin auf der Bamberger Bühne in "Gift", ihrem ersten eigenen Stück zu erleben.
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Christiane Reichert ist zurück: Als Ensemblemitglied des Fränkischen Theatersommers erlebt man die 33-Jährige nach "Gift" (siehe Foto) nun auch in "Faust" (zu sehen am 8. 8. in Schloss Geyerswörth).  Foto: Theatersommer
Christiane Reichert ist zurück: Als Ensemblemitglied des Fränkischen Theatersommers erlebt man die 33-Jährige nach "Gift" (siehe Foto) nun auch in "Faust" (zu sehen am 8. 8. in Schloss Geyerswörth). Foto: Theatersommer
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Hamburg, Köln, Mannheim, Bochum, Düsseldorf, Hildesheim - Christiane Reichert spielt und singt sich seit Jahren quer durch die Republik. Mal mimte sie "Antonia", ein Vollweib, das Männern in "Vatertag" den Kopf verdreht. Dann wieder behauptete sich die 33-Jährige als "Mutter Schlönzke" in Hape Kerkelings Musical "Kein Pardon" mit Haaren auf den Zähnen. Sanfte Heldinnen langweilen die gebürtige Würzburgerin offenbar, die am 8. August als flirtende "Marthe" in Schloss Geyerswörth selbst "Mephisto" das Fürchten lehrt. Jahr für Jahr zieht das Sommertheater des Theatersommers die ins Rheinland emigrierte Fränkin zwischen anderen Engagements eben zurück in die alte Heimat.



Besondere Nähe zum Publikum

"In ,Faust I' zu spielen, ist für mich wie ein Geschenk", sagt die Wahlkölnerin, die in einigen Monaten (beziehungsbedingt) zur Wahldüsseldorferin wird. Nach Film- und Fernseherfahrungen schätzt Reichert die Nähe zum Publikum, vor dem sie auch in Bamberg höllische und engelsgleiche Facetten zeigt. Neben "Gretchens" Nachbarin mimt die 33-Jährige in "Faust" ja eine heiße "Hexe" und "Maria (Mater Dolorosa)": "Als Statue habe ich zwar nichts zu sagen, bin aber doch unheimlich dekorativ", meint das Multitalent mit leisem Schmunzeln, das darüber hinaus noch als Autorin arbeitet und Regie führt.

"Beim Theatersommer kann ich mich in den gesamten künstlerischen Prozess einbringen", schwärmt Christiane Reichert, die lange Wartezeiten bei größeren Bühnen- und TV-Produktionen hassen lernte: "Da lässt man sich schminken und sitzt anschließend rum, um eine nach der anderen zu rauchen, bis man endlich wieder gefordert ist". Lieber kommuniziert die Sängerin und Schauspielerin mit Zuschauern - wie am 1. August erst bei "Gift", dem ersten eigenen Solostück, das am 18. August noch einmal in Himmelkron zu erleben ist.

Nürnberger Serienmörderin

Fasziniert vom Schicksal der Nürnbergerin, die 1811 hingerichtet wurde, schrieb Reichert "Das Leben und Töten der Anna Margaretha Zwanziger - Psychologie einer fränkischen Serienmörderin". Und schlüpfte in ihre Rolle: "Auf der Bühne blicke ich aus der Erzählperspektive ins Leben dieser gebildeten, frei denkenden Frau des frühen 19. Jahrhunderts, die nie eine Chance hatte." Drei Menschen vergiftete Zwanziger, die Christiane Reichert weniger als Monster begreift als als verlorene Seele: "Vielleicht wäre aus ihr in der heutigen Zeit unter gänzlich anderen Bedingungen eine zweite Alice Schwarzer geworden?"

Mitgefühl zeigte letztendlich auch so mancher Zuschauer angesichts des "Seelenstrips" der Dreifachmörderin. ",Naaa!', rief eine ältere Dame aus der letzten Reihe nach meinem Schlusssatz ,Und heute werde ich hingerichtet' entsetzt." Während ein Mann der Akteurin anschließend gestand, Tränen vergossen zu haben. "Das sollte ich natürlich keinem weitersagen."

Sommer für Sommer kehrt Christiane Reichert seit 2009 ins Frankenland zurück, das sie nach dem Abitur fluchtartig verlassen hatte: "Damals zog's mich nach Hamburg, weil's so schön weit entfernt war." Eine Musicalausbildung an der Stella Academy folgte.

Auf das Genre will sich die Würzburgerin aber nicht reduzieren lassen, die als Tänzerin keine gute Figur zu machen glaubt: "Ich erinnere mich noch an einen ungarischen Dance Captain, der mich auf der Bühne hochwerfen wollte, aber nicht hochbekam. Letztendlich tauschten wir die Rollen - so 'rum lief's besser."

Gleich abgestempelt

Überhaupt kritisiert Reichert das Schubladendenken in Deutschland. "Man darf sich mittlerweile auch nicht mehr als Komödiantin wie etwa Liselotte Pulver in den 50er Jahren bezeichnen, ohne umgehend den Comedy-Stempel aufgedrückt zu bekommen." So tituliert sich die Schauspielerin als "Vertreterin der leichten Muse" und wandert mit dem Theatersommer von Ort zu Ort durch die alte Heimat. "Seit der ersten Tournee mit ,My fair lady' kann ich ja aus dem Koffer leben, meine bislang prägendste Erfahrung."

Als Besucherin lernte die "Emigrantin" in den vergangenen Jahren Franken lieben. "Die Leute hier sind keineswegs engstirnig, wie ich als Teenie meinte, sondern offener als in mancher anderen Region." Mit Bamberg verbindet Reichert übrigens das Sams: Genauer gesagt "Frau Rotkohl", in deren Rolle die Akteurin in Hildesheim am "Theater für Niedersachsen" glänzte.

Weitere Vorstellungen in Schloss Geyerswörth

5. und 9. August, 20 Uhr: "Mein lieber Schwan" - Wagners Ring mal ganz anders aus der Perspektive einer Tingeltangeldiva und eines jüdischen Hinterhoftenors der 30er Jahre

6. August, 20 Uhr: "Gretchen 89 ff" als Blick hinter die Kulissen der schillernden Theaterwelt am Beispiel der berühmten Kästchen-Szene aus "Faust I".

7. August, 20 Uhr: "Gaunergesänge und Seufzerballaden" mit Juliane Fechner und Jan Burdinski, die die frechen Lieder der Straße, von fahrenden Gesellen, Matrosen und Schiebern aufgreifen.

8. August, 20 Uhr: "Faust I" in einer Inszenierung von Jan Burdinski

10. August, 20 Uhr: "Wagner im Ring" mit Thomas Glasmeyer und seinen Theater-Puppen, die dem fränkischen Publikum zum Wagnerjahr einen kompletten (!) Jahrhundert-Ring präsentieren.

11. August, 20 Uhr: "(K)ein Märchen aus uralten Zeiten - und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute?" Heidi Lehnert und Benjamin Bochmann erzählen, spielen und singen Märchen als Beitrag zum Brüder-Grimm-Jahr
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